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Nahost

Kurdische Kämpferinnen in Syrien

Die Kurden kämpfen im Nordosten Syriens für eine eigene autonome Region. Assads Truppen wurden zum großen Teil vertrieben. Ein Drittel der Mitglieder der Milizen, die gegen radikale Islamisten vorgehen, sind Frauen.

Den Blick nach vorn gerichtet, den Körper angespannt, die Kalaschnikow in der Hand: Rund 200 Mädchen und Frauen der sogenannten Volksverteidigungskräfte (YPG) stehen hinter einem Erdhügel auf sandigem Boden. "Das ist der militärische Stützpunkt der Brigade, wir hatten heute hier eine Versammlung, deshalb haben wir uns hier getroffen", sagt Warsin.

Die 25-Jährige hat sich vor einem Jahr der kurdischen Miliz in der Nähe von Qamischli, der inoffiziellen Hauptstadt der mehrheitlich von Kurden bewohnten Region Rojava im Norden Syriens, angeschlossen. Um den Hals trägt sie ein typisches Palästinensertuch, dazu eine Schutzweste, und ihre Waffe. Neben ihr steht Roj. Die zierliche junge Frau hat an der Grenze zum Irak gegen die Al-Nusra-Front gekämpft, die Al-Kaida nahe steht und aus Syrien einen islamischen Gottesstaat machen will. "Ich habe den Islamisten nicht in die Augen gesehen, sie waren immer vor uns, bis wir sie schließlich verjagt haben", sagt Roj stolz. Das war im vergangenen Winter. Ein Jahr zuvor hatten die kurdischen Kämpfer die Truppen von Baschar al-Assad verjagt.

Drei kurdische Kämpferinnen der YPG-Miliz in Uniform (Foto: DW/ K. Erdmann)

Roj, Warsin und Canda kämpfen im Nordosten Syriens für ein unabhängiges Kurdistan

Die YPG wurde nach eigenen Angaben offiziell im Jahr 2012 gegründet, um den syrischen Bürgerkrieg soweit wie möglich aus der eigenen Region herauszuhalten. Die Miliz gilt als militärischer Arm der stärksten kurdischen Partei PYD. Die gesamte Region ist seit Monaten faktisch von der Außenwelt abgeschlossen, denn der Versuch der syrischen Kurden, sich hier selbst zu verwalten, wird von den Nachbarländern nicht nur mit Wohlwollen betrachtet. Die Türkei befürchtet einen Aufstand der Kurden im eigenen Land, falls das Modell der syrischen Kurden Erfolg haben sollte. Die Kurden im Irak sind gespalten, ein Teil macht mit der Türkei gute Ölgeschäfte und will deshalb die guten Beziehungen zu Ankara nicht gefährden. Die irakische Regierung wiederum hegt zwar Sympathien für die Kurden im Nachbarland, ist jedoch zurückhaltend, solange unklar ist, wer künftig in Damaskus das Sagen haben wird.

Von der Schulbank in den Kampf

Die syrischen Kurden sind also auf sich selbst gestellt und müssen sich weitgehend allein verteidigen. Das hat zu einer regelrechten Mobilisierungswelle geführt, auf die auch Roj und Warsin aufgesprungen sind. Erst vor wenigen Monaten haben die Kurden Rojava als autonome Region ausgerufen.

"In erster Linie sind wir hier, weil unsere Heimat angegriffen wurde, und die wollen wir verteidigen. Das hat etwas mit Verantwortung zu tun. Wir wurden nicht gezwungen, wir tun das freiwillig", schaltet sich Canda ins Gespräch ein. Sie gehört zum Militärischen Rat, befehligt mit 21 Jahren also bereits andere. Sie redet wie ein Wasserfall und klingt rhetorisch und ideologisch exzellent geschult. "Meine Eltern sind stolz auf mich, sie unterstützen und motivieren mich und finden auch, dass ich das Richtige tue. Und selbst wenn ich fallen würde, würden sie das nicht negativ sehen, sondern würden sagen: Sie ist für den Frieden und die Demokratie gefallen."

Die 18-jährige Eylem hat noch ein kindliches Gesicht. Kaum vorstellbar, dass sie schon mit der Waffe hantiert. Sie hat gerade erst Abitur gemacht und nach der Schule eigentlich ganz andere Pläne: "Ich wollte eigentlich Arabisch studieren, weil diese Sprache hier bislang gesprochen wurde. Kurdisch gab es ja bisher hier nicht und die Sprache wurde auch nicht unterrichtet. Und ich war mir sicher, dass ich mit einem solchen Abschluss auch unter dem Assad-Regime erfolgreich gewesen wäre, denn Arabisch ist sehr gefragt." Eylems Worte deuten an, was hier viele Jahre für die Kurden galt: Sich mit dem Assad-System irgendwie zu arrangieren statt zu rebellieren.

Jetzt sehen die syrischen Kurden durch den Bürgerkrieg erstmals eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben in der Region. Allen voran die Frauen. 35 Prozent der 45.000 Kämpfer sind weiblich: "Gerade bei uns wurden die Frauen bisher mit anderen Augen gesehen. Sie werden unterdrückt, ausgebeutet, für die Männer sind sie minderwertig", sagt Eylem. "Und jetzt haben wir die Chance zu zeigen, dass wir auch anders können. Wir möchten nicht nur für uns Kurden, sondern auch für andere ethnische Gruppen Vorbilder sein, zum Beispiel für die arabischen Frauen."

Stützpunkt der YPG in der Nähe von Qamischli (Foto: DW/ K. Erdmann)

Stützpunkt der YPG in der Nähe von Qamischli

Frauen werden die Zukunft entscheiden

Immerhin stellen Frauen nicht nur bei der kurdischen Miliz mehr als ein Drittel der Mitglieder. Auch die stärkste kurdische Partei PYD, dessen militärischer Arm die YPG ist, hat eine Frauenquote von 40 Prozent eingeführt und den Vorstand paritätisch besetzt. Die Co-Vorsitzende Asya Abdullah widmet sich der politischen Arbeit und der Gleichberechtigung: "Wir Frauen sind zum Maßstab geworden. Inzwischen sind wir in manchen Bereichen so dominant, dass die Männer eine Quote fordern." Denn natürlich gefalle das nicht jedem Mann, sagt Asya Abdullah und muss selbst darüber lachen. Neben ihr sitzt ein Vertreter des Hohen Kurdischen Rates, der politischen Repräsentanz der Region. Auch er muss lachen - und schweigt.

Großes Vorbild für die Selbstverwaltung und den Vormarsch der Frauen ist der seit nunmehr 15 Jahren inhaftierte Chef der kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan. Er hat 20 Jahre seines Lebens im Exil in Syrien verbracht. Der PKK-Chef hatte immer wieder für eine Befreiung der Frau geworben. Noch immer hängt sein Bild in vielen Wohnzimmern, sein Spitzname "Apo" ist auf Häuserwände gesprüht. Mit viel Optimismus kämpfen die Kurden für ihre autonome Region. Sie könnten vielleicht zu den Gewinnern des syrischen Bürgerkriegs gehören - wenn sie nicht zwischen den Interessen der Nachbarländer zerrieben werden.

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