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Kultur

Kuratorin: "Krim-Gold darf keine Geisel werden"

Die Kuratorin der Ausstellung "Die Krim: Gold und Geheimnisse des Schwarzen Meeres" fordert im DW-Interview die Rückgabe der Objekte an die Krim. Doch auch Russland stellt Ansprüche. Der Streit bleibt vorerst ungelöst.

Goldfund aus der Krim

Die Schnalle in Form eines Heraklesknoten im Gold-Türkis-Stil aus Ust‘-Al’ma war Teil der Ausstellung

Am 31. August geht die Ausstellung "Die Krim: Gold und Geheimnisse des Schwarzen Meeres" im Allard-Pierson-Museum in Amsterdam zu Ende. Die Ausstellung, die auch von Juli 2013 bis Januar 2014 im LVR-Museum Bonn gezeigt wurde und dann in die Niederlande ging, ist zum Zankapfel im russisch-ukrainischen Konflikt geworden.

Von 432 Objekten der Ausstellung, zu denen antike Waffen und Juwelen, kostbare chinesische Lackschatullen und andere Grabbeigaben zählen, stammen einige aus Kiew. Die meisten kommen aber aus Museen der Krim. Als die Ausstellung in Amsterdam im Februar 2014 eröffnete, gehörte die Krim zur Ukraine. In der Zwischenzeit wurde sie von Russland annektiert. Wohin sollen also die Exponate zurückkehren? Der russische Kultusminister Wladimir Medinski und die Museen auf der Krim fordern eine Übergabe der Objekte an die Museen auf der Halbinsel. Aber auch der ukrainische Staat bekundet seine Ansprüche. "Alle Objekte müssen an die Ukraine zurückgehen", unterstrich die stellvertretende Kultusministerin Svetlana Fomenko am Freitag in Kiew. Beide Seiten haben Juristen eingeschaltet, die nun die Verträge und die Rechtslage prüfen.

Valentina Mordvintseva, Archäologin von der Krim

Valentina Mordvintseva

Solange der Rechtsstreit andauert, wollen die Niederländer die Objekte bei sich aufbewahren - allein schon, um eine Klage der jeweils benachteiligten Seite zu vermeiden. Am letzten Tag der Ausstellung teilte ein Sprecher des Allard-Pierson-Museums mit: "Die umstrittenen Objekte werden in Amsterdam gelagert, bis die Lage übersichtlicher wird." Für die Kuratorin der Ausstellung, Valentina Mordvintseva, ist der poltische Zoff um die Kulturschätze ein persönliches Drama. Denn für die Ausstellung haben die vier Krim-Museen ihre Spitzenobjekte zur Verfügung gestellt - und sie bürgte mit ihrem guten Namen.

Valentina Mordvintseva ist in Moskau geboren. Seit über 20 Jahren lebt und arbeitet sie in Simferopol auf der Krim. Bis Mai 2014 war sie leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Archäologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Nun wird die Abteilung in die russische Akademie der Wissenschaften eingegliedert.

DW: Frau Mordvintseva, welche Bedeutung haben die ausgestellten Objekte?

Valentina Mordvintseva: Wir haben das Beste vom Besten zusammengetragen. Es ging ja darum, zum ersten Mal dem westlichen Publikum mehr als tausend Jahre der einzigartigen Krim-Kultur zu zeigen. Die vom Landesmuseum Bonn mitorganisierte Ausstellung dokumentiert die abwechslungsreiche Geschichte der Halbinsel, die in der Antike eine Brücke zwischen Europa und Asien war.

Die Rankenfrau ist ein Symbol der Halbinsel Krim

"Die Rankenfrau" ist ein Symbol der Halbinsel Krim

Unter den Objekten sind auch Symbole der Krim: zum Beispiel die Rankenfrau aus Kertsch, eine Gottheit mit Pflanzen-Beinen, die zahlreiche Briefmarken und Postkarten schmückt. Oder aber die kostbaren chinesischen Lackkästchen aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Einige Objekte sind noch im 19. Jahrhundert auf der Krim ausgegraben worden und trotz allen Wirren in den Museen der Halbinsel geblieben. Viele stammen aber aus ganz neuen Grabungen und sind nicht einmal ausreichend wissenschaftlich untersucht. Ich weiß nun gar nicht, wie ich meinen Archäologen-Kollegen, die sie gefunden haben, in die Augen schauen soll. Ich wage mich kaum noch auf die Straße.

Aus welchen Sammlungen stammen die Objekte?

Von 432 ausgestellten Exponaten stammen gerade 19 aus dem Museum für Nationalgeschichte in Kiew. Die übrigen 413 kommen aus vier wichtigen Museen der Krim – Bachtschisaraj (215), Kertsch (39), Chersones (27) und dem Nationalmuseum der Tauris, so die antike Bezeichnung der Krim, in Simferopol (132). Nun müssen die Anwälte unsere Sachen für uns zurückerobern. Das ist schrecklich.

Was sagen die Juristen?

Ich fliege nun nach Amsterdam, um mich mit ihnen zu treffen. Unsere Anwälte gehen davon aus, dass der Ausstellungsvertrag zwischen den leihgebenden Museen auf der einen Seite und den ausstellenden Museen in Deutschland und den Niederlanden auf der anderen Seite abgeschlossen wurde.

Welches Gericht wird angerufen?

Das ist eine gute Frage. Im Vertrag stand ein Gericht in Kiew. Aber in der aktuellen Situation wäre es merkwürdig, diese Entscheidung einem Kiewer Gericht zu überlassen. Zumal jeder weiß, wie korrupt die Gerichte in der Ukraine sind. Wir reden ja vom Schicksal der Kulturschätze, die dürfen nicht zum Spielball im politischen Konflikt werden. Ich sage aber grundsätzlich als Wissenschaftlerin: Es steht der Ukraine nicht zu, die Kunstobjekte in Geiselhaft zu nehmen. Was sollen diese Objekte in Kiew? Sie würden da wie Kriegstrophäen aussehen - erobert im Krieg gegen Russland.

Diese Tongefäße sind ein Versuch der Nomaden, römische Gefäße in Tierform nachzuahmen. Auf der ganzen Krim sind nur drei davon gefunden.

Diese Tongefäße sind ein Versuch der Nomaden, römische Gefäße in Tierform nachzuahmen. Auf der gesamten Krim sind bislang nur drei davon gefunden worden.

Es heißt, die Krim gehört zur Ukraine. Bitte schön, ich habe nichts gegen diese Auffassung. Aber Museumsobjekte gehören ja dem Volk. Sind wir hier auf der Krim kein Volk, keine Menschen? Haben wir kein Recht auf unsere Kultur und unsere Geschichte? Ich gehe oft auf den Markt, und die Marktfrauen, bei denen ich einkaufe, fragen mich: "Na, wie sieht es aus mit unseren Goldschätzen? Wann kommen sie zurück?" Das ist ein Thema, das ganz viele Menschen berührt.

Erinnert Sie die Situation nicht etwa an den deutsch-russischen Beutekunststreit? Schließlich liegen etwa die Objekte aus Brandenburg, wie der Goldschatz von Eberswalde, in den russischen Museen.

Stimmt, es ist eine ähnliche Situation. Und auch die ist ganz schrecklich und ungerecht.

Wie ist die Idee dieser Ausstellung entstanden?

Alles fing mit den chinesischen Lackkästchen an. Sie wurden in den Gräbern von Ust'-Al'ma entdeckt und waren eine Sensation - es war der westlichste Fund von Lackkunst-Objekten in der Geschichte. Ausgegraben hat sie mein ehemaliger Ehemann, der Archäologe Jurij Zajcev. Und dann lagen diese völlig zerstörten Holzreste in meinem Kühlschrank.

Die Lackkästchen wurden in Japan restauriert

Die Lackkästchen wurden in Japan restauriert

Ich hatte ein vitales Interesse daran, sie loszuwerden. Da ich in Deutschland als DAAD- und später Humboldt-Stipendiatin war, habe ich meine deutschen Freunde nach Rat gefragt. Sie brachten mich mit Masako Schone-Sladek, der Konservatorin des Museums für ostasiatische Kunst in Köln, zusammen. Als die antiken Meisterwerke von japanischen Restauratoren rekonstruiert wurden, wollten wir sie unbedingt der Weltöffentlichkeit zeigen. Bei der Organisation der Ausstellung haben mir vor allem meine geschätzten Kollegen Jan Bemmann von der Universität in Bonn und Michael Schmauder vom Landesmuseum geholfen. Das Allard-Pierson-Museum wurde nur ins Boot geholt, um das Projekt finanzieren zu können. Ich bedauere diese Entscheidung jetzt sehr: wäre da nicht diese Ausstellung in Amsterdam, wären alle Kunstschätze schon längst zu Hause.

Die deutschen Archäologen graben ja sehr intensiv im Bereich der antiken Nomadenkulturen. Glauben Sie, dass diese Zusammenarbeit nun beeinträchtig werden kann?

Naja, die Deutschen, etwa Professor Hermann Parzinger, graben vor allem in der Ukraine, Südrussland und Sibirien. Ich persönlich plante ein gemeinsames Projekt mit Salvatore Ortisi vom Archäologischen Institut der Universität zu Köln. Das ist aber erst mal auf Eis gelegt. Natürlich ist das gegenseitige Vertrauen sehr zerrüttet. Sollten unsere Objekte je nach Hause kommen, werden sie wahrscheinlich nie wieder für eine internationale Ausstellung ausgeliehen werden.

Die Krim-Museen waren einst sowjetisch, dann ukrainisch und nun seit wenigen Monaten in russischer Hand. Was hat sich für sie geändert?

Wie ich beobachten kann, noch nichts. Wir funktionierten genauso wie in der Sowjetunion. Dieselbe Struktur, dieselben Abteilungen, dieselben Aufgaben.

Es ist nicht einfach, in der Kriegszeit archäologische Projekte zu betreiben.

Das kann man so sagen. Aber im Vergleich dazu, was die Menschen im Osten der Ukraine durchmachen, sind unsere Schwierigkeiten nichts. Ich sehe hier viele Flüchtlinge aus der Ostukraine, das ist richtig schrecklich. Gott sei dank, haben wir hier keinen Krieg.