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Kultur

Kunstraub in Kirchen

Seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft sind in Albanien immer wieder Kunstschätze aus Kirchen gestohlen worden. Jetzt hat ein brutaler Kunstraub zum ersten Mal öffentliche Empörung ausgelöst.

Ikone von Onufri aus dem 16. Jahrhundert (Foto: picture alliance)

Ikone des Malers Onufri aus dem 16. Jahrhundert

Mit Messern und Äxten zerstörten Kunsträuber im Januar denkmalgeschützte Fresken in einer kleinen Kirche bei Elbasan in Zentralalbanien. Sie hatten versucht, die Wandmalerei zu entfernen und sie dabei zerrissen. Im Februar fielen Räuber in gleicher Weise über eine Kirche im südlichen Himara her. In beiden Fällen ging es um orthodoxe Kirchen, deren reich geschmückte Innenräume auf Kunsträuber besonders anziehend wirken. 

Viele der zerstörten Werke stammten von Onufri, einem berühmten Ikonenmaler des 16. Jahrhunderts. Er gilt als Aushängeschild der mittelalterlichen Kunst in Albanien. Deshalb war die Empörung in den Medien und vor allem unter Archäologen sehr groß.

Keiner der Kunsträuber wurde bislang gefasst

Porträt von Gjergj Frasheri, Archäologe und Restaurator in Tirana, Albanien (Foto: Privat / Frasheri)

Archäologe Frasheri macht sich Sorgen um das albanische Kulturerbe

Doch das Problem ist nicht neu: "Seit 20 Jahren sind in orthodoxen Kirchen im Süden Albaniens kontinuierlich Ikonen und andere Objekte aus Kircheninnenräumen von historischem Wert entwendet worden. Im Jahr 1990 gab es noch über 12.000 inventarisierte Ikonen im ganzen Land. Heute weiß niemand, wie viele davon übrig geblieben sind", beklagt der albanische Archäologieprofessor und Restaurator Gjergj Frasheri. Seiner Meinung nach tut der Staat zu wenig für den Schutz des Kulturerbes. Keiner der Kunsträuber wurde bislang gefasst und zur Rechenschaft gezogen.

Gentian Stratoberdha, Architekt und Direktor des Bereichs Kulturerbe bei der Orthodoxen Kirche Albaniens stellt fest, dass selbst prominente Privatsammler in den letzten Jahren in Albanien Ausstellungen organisiert haben, bei denen Kulturgüter aus Kirchen präsentiert wurden. Doch die Herkunft der Werke sei meistens unklar geblieben. "Ob wir es wissen wollen oder nicht, es gibt einen heimlichen Schwarzmarkt - Händler und Kunden, die solchen Dingen nachjagen."

Erste Protestaktionen zum Schutz der Kulturgüter

Zerstörte Fresken von Onufri in einer orthodoxen Kirche (Foto: TR/AFP/Getty Images)

Zerstörte Fresken von Onufri in einer orthodoxen Kirche

Viele der dort gehandelten Ikonen stammen aus der Myzeqe-Ebene, dem Flachland Zentralalbaniens, dessen orthodoxe Kirchen früher besonders reich mit mittelalterlichen Fresken ausgemalt waren. "Dort sind mindestens 13 Kirchen ausgeraubt worden: Jetzt haben sie keine richtige Kirchenausstattung mehr", sagt Gentian Stratoberdha. Selbst die Ikonostase - die dreitürige Bilderwand zwischen Gemeinde- und Altarraum - wurde aus diesen orthodoxen Kirchen gestohlen.

Bis jetzt reagierte die Öffentlichkeit kaum auf solche Nachrichten. Doch das ändert sich nach der Beschädigung der Fresken des Malers Onufri: Das "Forum zum Schutz des Kulturerbes" prangerte in mehreren Protestaktionen die Gleichgültigkeit des Staates an und forderte sogar den Rücktritt des Kulturministers. Das Kulturministerium will nach den Protesten jetzt 51 ausgewählte Kirchen mit Kameras überwachen lassen. Sie sollen bis Ende April installiert werden. Doch Gentian Stratoberdha gibt zu bedenken, dass auch diese beschädigt oder gestohlen werden könnten - oder dass man auch an Stromausfälle denken müsse. Außerdem funktioniere ein Kamerasystem "nicht in Kirchen, die sich in entlegenen Gegenden befinden, die selbst von der Polizei erst nach zwei Stunden erreicht werden können. Der albanische Staat sollte diese Denkmäler mit bewaffneten Sicherheitskräften schützen."

"Wir verlieren unsere Identität"

Porträt von Hasan Nallbani, Maler und Restaurator in Tirana, Albanien (Foto: Privat / Nallbani)

Maler Nallbani: Selbst Studenten wissen nur noch wenig über Kunst

Paradoxerweise waren Werke der Kirchenkunst während der kommunistischen Diktatur in Albanien sicherer als heute - obwohl die Ausübung der Religion damals verboten war und das kommunistische Regime sogar Kirchen zerstörte. Denn der Staat betrachtete die Kunstwerke als nationales Kulturgut, das geschützt werden muss. Heute kümmere sich kaum noch jemand um kulturelle Werte und Kunst, beklagt der Maler und Restaurator Hasan Nallbani. "Als ich noch an der Universität unterrichtete, war der Besuch dieser Kirchen mit den Studenten Teil des Studienplans. Doch heute hören viele albanische Studenten erst durch diesen Raub zum ersten Mal überhaupt vom Maler Onufri." 

Die Gleichgültigkeit großer Teile der Gesellschaft gegenüber der Kunst und der vielen Fälle von Kunstraub kritisiert auch Architekt Gentian Stratoberdha. Denn die Zerstörung von christlich-orthodoxen Kulturgütern sei nicht nur für Angehörige dieser Religion ein großer Verlust - sondern für alle Bürger im multikonfessionellen Albanien: "Wir verlieren unsere Identität. Vielleicht ist es manchen Bürgern gleichgültig, weil sie sich durch ihre eigene Konfession oder Religion sehr weit weg von den orthodoxen Kulturgütern fühlen." Doch diese solle man nicht aus der Perspektive des eigenen Glaubens betrachten, "sondern als nationales Kulturerbe des albanischen Volkes." Wenn es sie nicht mehr gebe, würden Zeugnisse einer 1500-jährigen Geschichte verschwinden.

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