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Kultur

Kunstfälscher vor Gericht

Es ist der größte deutsche Kunstskandal der Nachkriegszeit: Vier Kunstbetrüger haben jahrelang mit angeblichen Meisterwerken der Klassischen Moderne Millionen verdient. Ab dem 1. September stehen sie nun vor Gericht.

Das Bild Liegender Akt mit Katze von Hermann Max Pechstein in der Ausstellung Die Jahre der Brücke 1905-1913 in der Galerie Moritzburg in Halle/Saale (Foto vom 31.05.2005). Das 2003 für 500 000 Euro bei Lempertz versteigerte Werk «Liegender Akt mit Katze» von Max Pechstein und ein weiteres versteigertes Werk des Malers gilt als Fälschung (Foto: picture-alliance/dpa)

Er ist zwar schon seit 1992 tot, wurde aber im vergangenen Jahr posthum zu einer zweifelhaften Berühmtheit: Der Kaufmann Werner Jägers steht mit seiner "Kunstsammlung Werner Jägers" für einen der größten Kunstfälschungsskandale der Nachkriegszeit. Letztes Jahr im September wurde bekannt, dass eine Gruppe von Fälschern angebliche Neuentdeckungen der Werke von Malern wie Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Fernand Léger oder Max Ernst über die Auktionshäuser Christie’s, Sotheby’s und das Kunsthaus Lempertz sowie über renommierte Galerien in Paris in den internationalen Kunstmarkt eingeschleust hat. Die Fälscher gaben die Gemälde als Erbstücke ihres verstorbenen Großvaters Werner Jägers aus. Doch die Kölner Staatsanwaltschaft hat bereits 14 dieser vermeintlichen Meisterwerke zweifelsfrei als Fälschungen enttarnt. Bei 33 weiteren Gemälden wird noch international ermittelt.

Europäische Kunstszene jahrelang getäuscht

12.01.2011 DW-TV Kultur.21 Kunstfälschung

Genau unter die Lupe genommen

Vier Angeklagte stehen nun ab dem 1. September vor Gericht: Zwei Enkelinnen von Werner Jägers, der Ehemann einer der Enkelinnen sowie ein Werbegrafiker aus Krefeld, der ebenfalls mit angeblich geerbten Gemälden seines Großvaters in Aktion getreten ist – der "Sammlung Wilhelm Knops". Die vier haben tatsächlich geschickt agiert und die europäische Kunstszene über anderthalb Jahrzehnte lang an der Nase herumgeführt. Sie gaben die Werke berühmter Maler nicht nur als Erbstücke aus den Sammlungen ihrer angeblich befreundeten Großväter aus, sondern fälschten auch Herkunftsnachweise: Aufkleber legendärer Galeristen und Sammler waren auf den Rückseiten der Bilder angebracht. Denn zum Anforderungsprofil eines Kunstfälschers gehört heutzutage nicht nur handwerkliches Können, sondern ebenfalls die Erfindung einer plausiblen Herkunftsgeschichte.

Selbst Werner Spies hat sich geirrt

Die Bilder sind außerdem von hochrangigen Experten begutachtet und für echt befunden worden, darunter der Max Ernst-Kenner und -Freund Werner Spies. Allein fünf der gefälschten Gemälde hat er als Originale anerkannt. Wegen seiner Fehlurteile hat ihn die deutsche Presse in den vergangenen Wochen regelrecht an den Pranger gestellt. Denn bisher galt der Ausstellungsmacher und ehemalige Direktor des Centre Pompidou in Paris als unanfechtbare Autorität. In Frankreich hat ihn ein betrogener Kunstkäufer sogar auf Schadenersatz verklagt. Doch im Kölner Prozess ist er nur als Zeuge vorgeladen – einer von 168, die an 40 Verhandlungstagen bis März 2012 angehört werden sollen.

Lehrstück für den gesamten Kunsthandel

Blauer Tag (1911) des deutschen Künstlers Max Pechstein. Das Bild ist Teil der Retrospektive Max Pechstein. (Foto: dpa)

Echt: "Blauer Tag" von Max Pechstein

Vor allem der Irrtum von Werner Spies macht diesen Fall zu einem regelrechten Lehrstück für den gesamten Kunsthandel. Er legt einen eklatanten Systemfehler offen: Das Expertenwesen ist in die Kritik geraten. Kunsthistoriker, Erben und Nachlassverwalter prüfen Werke meist nur nach Augenschein – doch der kann täuschen, wie der aktuelle Fall zeigt. Kann man die positiven Expertisen psychologisch erklären, weil die Experten vor lauter Freude über das Auftauchen verschollener Bilder unkritisch werden? Oder drängt sich da eher die Frage auf, ob Kunsthändler und Experten mitunter nicht so genau hinsehen, weil sie vielleicht am Verkauf der Werke mitverdienen? Manchmal liegen keine schriftlichen Expertisen vor und einige betrachten die Bilder gar nicht im Original, sondern urteilen anhand von Fotografien. Dabei können Kunsttechnologen und Restauratoren heute mit UV-Licht, Infrarotkameras und Röntgengeräten regelrecht ins Innere der Bilder schauen. Und auch chemische Untersuchungen sind längst Usus, zumal eine Materialanalyse heute keineswegs mehr einen schwerwiegenden Eingriff in das Gemälde bedeutet.

Rekordpreis für Fälschung

Das Auktionshaus Lempertz hat 2006 das Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“ von Heinrich Campendonk für die Rekordsumme von 2,88 Millionen Euro (2,4 Millionen Zuschlagspreis) versteigert - allerdings erwies das Bild sich als Fälschung.

Nicht echt: „Rotes Bild mit Pferden“ von Heinrich Campendonk

Ins Rollen gebracht wurde der aktuelle Skandal denn auch durch eine chemische Farbanalyse. In einem angeblichen Gemälde des Expressionisten Heinrich Campendonk stieß man auf ein verräterisches Pigment: ein Titanweiß, das zum angeblichen Entstehungszeitpunkt noch nicht auf dem Markt war. Und ausgerechnet dieses Gemälde war im Kölner Kunsthaus Lempertz für 2,4 Millionen Euro versteigert worden – der höchste Preis, der je für einen Campendonk gezahlt worden ist. Ob hier Sorgfaltspflichten bei der Überprüfung der Echtheit des Gemäldes verletzt worden sind, wird der Prozess gegen die Kunstfälscher wahrscheinlich nicht klären, weil gegen beteiligte Kunsthändler in getrennten Verfahren ermittelt wird. Doch eins ist jetzt schon gewiss: Derart hohe Summen wird in Zukunft kein Sammler mehr ausgeben ohne kunsttechnologische Untersuchung.

Autorin: Christel Wester

Redaktion: Klaus Gehrke