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Kultur

Kunstdialog mit Ramallah

Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme sind die ersten Stipendiaten der neuen "Akademie der Künste der Welt". Das junge Künstlerpaar lebt und arbeitet für neun Monate in Köln - und macht mit Kunst Politik.

Der Künstler Basel Abbas beim Auftritt, Foto: Marta Nendza

Stipendiaten Akademie der Künste der Welt in Köln

Die "Zone" ist ein unheimlicher Ort: eine Landschaft, in der Ruinen herumstehen, Menschen ohne erkennbares Ziel unterwegs sind, künstliches Licht die beengenden Mauern und Tunnel erleuchtet. Gelegentlich schiebt sich ein Neubau ins Bild oder Werbeplakate, die schnelle Autos, schicke Apartments und ein komfortables Leben versprechen. Wo sind wir?

Die Sound- und Filminstallation The Zone“ in Ramallah Thema: Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme sind die ersten Stipendiaten der neuen „Akademie der Künste der Welt“. Das junge Künstlerpaar lebt und arbeitet für neun Monate in Köln – und macht mit Kunst Politik. undatiert, eingestellt im Dezember 2012

Zwischen Albtraum und Besatzung: Ramallah

"'The Zone' beschäftigt sich mit der Traumwelt, die in Ramallah entsteht, zwischen der Besatzung und dem Alptraum der realen Verhältnisse", erklärt der Künstler Basel Abbas. Die Film- und Soundinstallation, die er zusammen mit seiner Partnerin Ruanne Abou-Rahme entwickelt hat, schafft eine Fiktion und gibt gleichzeitig eine sehr konkrete Erfahrung wieder: das Leben in der Westbank. Das Künstlerpaar lebt in Ramallah in den palästinensischen Autonomiegebieten und beschäftigt sich in Installationen, Performances, Publikationen, Video- und Sound-Arbeiten mit den Widersprüchen des dortigen Alltags. Ein Leben im Ausnahmezustand, dessen Schein-Normalität, so Basel Abbas, surreale Züge hat.

Wünsche und Desaster

"Ramallah ist eine Art Blase: Ein Teil der Gesellschaft hat viel Geld und tut so, als würde er nicht unter Besatzung leben. Diese Leute gehen in teure Restaurants und Bars und haben schicke Autos - aber fünf Minuten entfernt sieht man die Grenze und die Checkpoints." Ruanne und Basel nennen dieses Phänomen Ramallah-Syndrom, eine ihrer Arbeiten trägt diesen Titel. Die Künstler erzählen, dass sie eigentlich unter zwei Besatzungen leben: der israelischen und der einer korrupten, am eigenen Machterhalt interessierten Palästinensischen Autonomie-Behörde. Sie sprechen über die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen, über Bomben und Alltagsschikanen.

Ruanne Abou-Rahme und Basel Abbas bei einer Live-Performance in Beirut, Foto: Tanya Traboulsi Thema: Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme sind die ersten Stipendiaten der neuen „Akademie der Künste der Welt“. Das junge Künstlerpaar lebt und arbeitet für neun Monate in Köln – und macht mit Kunst Politik. undatiert, eingestellt im Dezember 2012

Ruanne Abou-Rahme (Mitte) und Basel Abbas bei einer Live-Performance in Beirut

Man fragt sich, wie das eigentlich auszuhalten ist - und wie die Stadt Köln auf jemanden wirkt, der gerade aus der Westbank kommt. Vor wenigen Tagen haben Ruanne und Basel hier ein Apartment bezogen, wo sie neun Monate leben und arbeiten werden. Sie sind die ersten Stipendiaten des Fellow-Programms der neuen "Akademie der Künste der Welt", deren Anliegen es ist, den interkulturellen Dialog zu befördern und internationale Netzwerke zu knüpfen. Für die beiden 29-Jährigen, die ihre Projekte ohnehin meist im Ausland realisieren müssen, ist das Stipendium ein Glücksfall: "An der Akademie interessiert uns, dass es keine festgelegte Struktur gibt, wo man dann am Ende eine Ausstellung zeigt und wieder abreist." Sie fänden es spannender, die Stadt kennenzulernen, die Menschen, ob Künstler oder die verschiedenen Communities, und langfristige Kontakte aufzubauen.

Eine neue politisch-ästhetische Sprache entwickeln

Für Köln und die Akademie sind diese ersten Stipendiaten zweifellos auch ein Glücksfall. Bei ihrer ersten Lecture Performance, die Bezüge zwischen verschiedenen revolutionären Banditen des 20. Jahrhunderts herstellte, zeigte sich das Publikum überraschend wissbegierig. Erleben konnte es zwei Künstler, die scharfe Kritik an den politischen Verhältnissen üben, aber wie viele ihrer Generation den Glauben an die politischen Parteien und Institutionen verloren haben. Auch als Künstler wollen sie sich nicht politisch instrumentalisieren lassen - nicht "für die palästinensische Sache" und nicht für andere.

Erster Auftritt in Köln: Die beiden Künstler bei ihrer Lecture Performance „Die zufälligen Rebellen“, Foto: DW M.Weidmüller

Erster Auftritt in Köln: Die Performance "Die zufälligen Rebellen"

"Wir betrachten Politik als etwas sehr Intimes und Persönliches. Politik ist die Fähigkeit, dein tägliches Leben neu zu gestalten", erklärt Ruanne. "Wir sehen Palästina nicht als isolierte Angelegenheit, die nur Palästinenser betrifft, wir betrachten es als eine humane Sache, die die ganze Welt angeht. Es ist ein Mikrokosmos, in dem das passiert, was sich weltweit abspielt, es ist hier nur sehr klar, sehr sichtbar, sehr roh." Es gehe, ergänzt Ruanne, um die Entwicklung einer neuen politischen Sprache und Ästhetik. "Ich denke, unsere künstlerische Arbeit hat im Kern etwas sehr Widerständiges. Auch wenn wir reales Material verwenden, gibt es immer eine Ebene der Intervention, auch durch die Art, wie wir mit Bildern und Sound umgehen. Man wird aufgefordert, nachzudenken. Es kann etwas im Inneren des Betrachters aktivieren. In diesem Sinne haben wir Hoffnung - in Menschen.“

Schule der politischen Künste

Hoffnung eher in Graswurzelbewegungen als in die jüngste UN-Resolution: Sie ändere nichts an der Besatzungsrealität in Palästina, lächerlich und realitätsfern, wie die Zwei-Staaten-Lösung überhaupt. Ruanne Abou-Rahme und Basel Abbas glauben an einen Staat, in dem Demokratie und Bürgerrechte für alle gelten. Für Europäer sei die Zwei-Staaten-Lösung eine bequeme Vorstellung, um ein Problem zu lösen, das sie gar nicht verstanden haben.

Die "Akademie der Künste der Welt" könnte zum Verstehen beitragen. Schon beim ersten Treffen hatten sich die 14 internationalen Gründungsmitglieder, darunter der chinesische Dissident Liao Yiwu oder die Künstlerin Rosemarie Trockel, auf einen politischen Akzent der neuen Institution verständigt. Dass die aus Israel stammende Galit Eilat im Oktober zur Präsidentin gewählt wurde und die ersten Stipendiaten aus den Palästinensergebieten stammen, mag wie ein abgestimmtes Statement zum Nahost-Konflikt wirken. Vielleicht ist es auch einfach eine glückliche Fügung.

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