1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Kunst zwischen Exil und Existenznot

Wie entsteht Kunst in einem geschundenen Land? Berlin zeigt Einblicke in die irakische Kunstwelt der vergangenen Jahrzehnte und der Gegenwart. Ein kurzer, größtenteils virtueller Rundgang.

default

Tahrir-Platz, Bagdad 1960

Orientteppiche liegen auf grauem Betonboden und deuten einen Kreis an. Auf den Teppichen stehen Hocker, auf denen wiederum kleine Fernseher sind. Der Besucher, der in die Mitte der Installation tritt, setzt sich einer verstörenden Informationsflut aus.

Rechts läuft eine Nachrichtensendung von Al-Arabija, links ein Beitrag von Al-Iraqiya. Auf einem anderen Bildschirm ist eine billig produzierte, nachgestellte Actionszene zu sehen, in der vermummte Kidnapper ein Opfer in ihre Gewalt bringen.

Ausstellung Irakische Gegenwartskunst

'16 Hours in Baghdad', Dokumentarfilm von Tariq Hashim, 2004

Nicht nur in dieser Installation taucht die Frage auf, aus welchen Informationen sich das eigene Bild der derzeitigen Situation im Irak speist. Ist es nicht ausschließlich die mediale Übermittlung, die uns einen Einblick in die vermeintliche Realität gewährt?

Die künstlerische Beschäftigung mit medialer Information, mit vermeintlich objektiven oder propagandistischen Inhalten und Formaten bildet einen Schwerpunkt der Ausstellung, die derzeit in Berlin zu sehen ist. Doch nicht nur als Untersuchungsmaterial, auch als Mittel des künstlerischen Ausdrucks sind die audiovisuellen Medien stark vertreten.

Blick von außen

Ausstellung Irakische Gegenwartskunst

Merjan-Moschee und Geschäftszentrum, Bagdad 1959, Sammlung Latif el Ani

Mit Hilfe von Videoporträts, Dokumentationen, Videoinstallationen, Features oder Spielfilmcollagen nähern sich die hier vertretenen irakischen Künstler einer Heimat, die sie teilweise schon vor Jahrzehnten verlassen haben. Der Blick der Exilanten ist dabei zwangsläufig ein Blick von außen; ein Umstand, der auch als Sujet häufig thematisiert wird.

Wie die Kuratorin Catherine David betont, versteht sich die Ausstellung "The Iraqi Equation" nicht als ultimative Bestandsaufnahme irakischer Kultur der Gegenwart. Vielmehr soll sie als eine Plattform für kreative Leistungen irakischer Kulturschaffender betrachtet werden. Dabei sei es unausweichlich zu bemerken, dass sich ein großer Teil der irakischen Kulturproduktion seit Jahrzehnten im Exil abspiele.
Doch die Ausstellungsmacher haben sich auch um einen Blick von innen bemüht. Mit dem Filmemacher Oday Rasheed und dem durch sein Weblog bekannt gewordenen Salam Pax sind zwei jüngere Vertreter irakischer Kultur vertreten, die auch gegenwärtig im Irak leben und arbeiten.

Romantisierende Orientvorstellungen

Eine Sonderstellung in der Reihe der im Irak lebenden Künstler nimmt der Fotograf Latif el Ani ein. Er war jahrzehntelang als Chronist des irakischen Alltagslebens tätig. In der Ausstellung sind einige seiner dokumentarischen Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 1960er Jahren zu sehen. Die Aufnahmen verzichten scheinbar auf jegliche Inszenierung, um die Wirklichkeit zu fokussieren.

Ausstellung Irakische Gegenwartskunst

'Return to the Land of Wonder', Dokumentarfilm von Maysoon Pachachi

Im krassen Gegensatz zu dieser offensiven Wirklichkeitsverpflichtung stehen die Klischeevorstellungen, die anderen Künstlern Stoff für ihre Arbeit bieten. So beschäftigen sich einige Exponate und Bücher, die in der Ausstellung zu finden sind, vor allem mit romantisierenden Orientvorstellungen und dem westlichen Blick auf den Irak.

Die Video-lnstallation des Exil-Irakers Samir konfrontiert mit den Wechseln, die das Bild des Irak in der westlichen Wahrnehmung erfuhr. Samir kontrastiert die amerikanische Hollywoodphantasie "Der Dieb von Bagdad" aus dem Jahre 1924 nicht nur mit aktuellen Privataufnahmen einer Bagdader Mittelstandsfamilie, sondern auch mit widersprüchlichen historischen und aktuellen TV-Reportagen westlicher Produzenten.

Offensives Dialogverhältnis

Vielfach finden sich in Berlin Exponate, die die Positionierung in einem Zwischenraum beschreiben. Nicht nur bei den bildenden Künstlern, auch in den Werken von Schriftstellern und Dichtern wird die Auseinandersetzung mit der Lebenssituation im Exilland zum Bestandteil des Werkes.

So vermittelt die Ausstellung, die scheinbar willkürlich Malerei, Fotografie, Literatur und Medienkunst umfasst, in ihrer Gesamtheit vor allem eines: Die irakische Kulturszene befindet sich in einem zwangsläufigen und offensiven Dialogverhältnis mit der westlichen Welt.

Die Ausstellung "Contemporary Arab Representations. The Iraqi Equation" ist noch bis 26. Februar in Berlin in den Räumen der KUNST-WERKE-BERLIN e.V. zu sehen.



Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links