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Kultur

Kunst zu verschenken

Eine große Bank verändert ihre Kunstpolitik: Sie verschenkt die Glanzstücke ihrer Sammlung an ausgewählte Museen, bringt sie als Geschenke in den öffentlichen Raum. Grund zur Freude - doch was steckt dahinter?

Dan Flavin, Untitled, 1990 (Foto: Wolfgang Günzel)

Dan Flavin: Untitled (1990)

Man muss sich Udo Kittelmann als einen glücklichen Menschen vorstellen. Und warum sollte der Chef der Berliner Nationalgalerie auch nicht glücklich sein? Gerade werden per Lastwagen hochkarätige Kunstwerke in seinem Museum abgeliefert, das Feinste vom Feinsten – und Kittelmann braucht dafür nicht einen Euro zu zahlen! Und nicht nur das: Zu den Morgengaben zählt außerdem ein Scheck über eine Million Euro in bar. "Seit heute ist die Nationalgalerie Millionär", freut sich der umtriebige Museumsmann und kann es eigentlich selbst nicht fassen. Geschenke! In dieser Zeit der Finanzkrise, wo die Museen keinerlei Geld mehr haben, auch nur die nötigsten Ankäufe zu tätigen.

Der neue Umgang mit der Kunst

Andy Warhol, Johann Wofgang von Goethe, 1982 (Foto: Wolfgang Günzel)

Fürs Staedel: Warhols Goethe

Ausgerechnet einer Bank, die selbst nicht ganz ohne finanzielle Nöte dasteht, ist dieser Gratis-Transfer zu verdanken: der Commerzbank. Deren Vorstandsvorsitzender Martin Blessing hat gleichsam die Wende in der Kunstpolitik seines Haus verkündet. Bisher liebten es die Banken, sich mit Kunst bedeutender und weniger bedeutender Meister zu umgeben, Gemälde prangten in Fluren, Statuen in Konferenzräumen. Plötzlich scheint alles anders, das Gemeinwohl wurde entdeckt. Warum?

Nun ist Martin Blessing wohl ein kunstsinniger Mann. Den Andy Warhol, der sich im Besitz der Commerzbank befindet und der einen farbenfrohen Goethe mit Hut in Violett und Sandfarben leuchtend porträtiert, würde er sich schon gern über seinen Chefschreibtisch hängen. Doch Blessing übt Verzicht, zugunsten der Allgemeinheit: "Der Goethe geht nach Frankfurt, ins Städel, und da gehört er ja schließlich auch hin."

Berlin, Frankfurt, Dresden

Es ist nämlich nicht nur die Berliner Nationalgalerie, die von dem Deal profitiert, sondern auch das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, das Städel-Museum sowie die Dresdner Städtischen Galerien und die Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen. Berlin, Frankfurt, Dresden – drei Städte, mit denen Commerzbank und Dresdner Bank, die mittlerweile von der Commerzbank übernommen wurde, seit jeher verbunden sind. "Aus unserer Sicht wollen wir natürlich auch der Gesellschaft etwas zurückgeben. Deshalb gehört bei uns die Förderung von Kunst, Kultur und auch Nachwuchs zu unserem Programm", betont Blessing, um dann blitzschnell zu überraschen: "Dafür müssen wir aber nicht eine eigene Kunstsammlung aufbauen, denn wir glauben, dass Kunstwerke in einem Museum besser aufgehoben sind."

Erleichterung bei der Kuratorin

Per Kirkeby, Tor I, 1987 (Foto: Wolfgang Günzel)

In Dresden: Per Kirkeby, Tor I

Eine kopernikanische Wende in der Kunstpolitik der Geldinstitute. Bisher haben die Banken ihre Kunstsammlungen gehegt und gepflegt und weitgehend für sich behalten. Die Dresdner Bank hatte seit den siebziger Jahren eine umfassende internationale Sammlung aufgebaut – um die 2000 Kunstwerke, rund hundert davon besonders wertvoll. Und genau die sind es, die jetzt an die fünf Museen verteilt werden. Die Kuratorin Astrid Kießling-Taskin hat die Sammlung der Dresdner Bank ab 2002 mit aufgebaut. Heute meint sie, es sei am Anfang schon ein wenig für sie schwer gewesen, dass das Thema Kunst "anders in der Commerzbank weitergeht". Aber sie sagt auch: "Ich bin zum Teil erleichtert, dass gerade die hochkarätigen Werke, die Millionenwerke, jetzt wirklich in guten Händen sind. Wir haben überhaupt nicht die Ressourcen und auch nicht die Möglichkeiten, die Werke zu konservieren und zu betreuen, dass sie auch noch in der nächsten und übernächsten Generation zu sehen sind."

Anfang des Jahres hatte die Commerzbank das international bedeutendste Objekt der übernommenen Dresdner Bank, eine Statue Giacomettis mit dem Namen "L’Homme qui marche", versteigern lassen – für die Traumsumme von 74 Millionen Euro. Das ist der höchste Preis, der je im Rahmen einer Auktion erzielt wurde. Auch dieser Gewinn wird nun verteilt – wobei der allergrößte Teil bei der Bank verbleibt und in die Bilanz eingeht. Jedes der fünf erwählten Museen bekommt eine Million in bar – nicht für Ankäufe, sondern für Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten. Maßahmen, die wichtig sind, mit denen man aber in der Öffentlichkeit nicht glänzen kann und die daher bei Sponsoren meist zu kurz kommen.

Kein Vorbild für Andere

Franz Ackermann, Evasion IV, 1996 (Foto: Wolfgang Günzel)

Franz Ackermann, Evasion IV

Dass eine private Sammlung ihre Werke in dieser Form an mehrere Institutionen verteilt, hat es wohl noch nie gegeben. Die Direktoren anderer Kunstsammlungen in Deutschland haben keineswegs vor, ihre Werke zu verschenken. Die Deutsche Bank beispielsweise, die 56.000 Papierwerke besitzt, hat dem Frankfurter Städel zwar für seinen Neubau 600 Arbeiten überlassen – doch sie will ihre Sammlung im Gegenteil noch weiter ausbauen. Ähnlich sieht man das bei den Kunstsammlungen der Allianz in München. Dort heißt es: "Wir denken gar nicht daran, etwas aus unseren Sammlungen an Museen abzugeben- höchstens obsoletes Zeug wie Aquarelle der fünfziger Jahre."

Die Commerzbank hat mit ihrer Schenkungspolitik eine Lücke entdeckt – sie spart Kosten für sachgemäße Lagerung und nötige Restaurierung und gut für den Ruf ist es allemal. Schließlich werden die Museumsbesucher freundlich darauf hingewiesen werden, von wem einige der ausgestellten Stücke stammen. Bliebe zu fragen, was die Künstler, sofern sie noch leben, von diesem Transfer halten würden. Und ob sie jemals in den Hallen der großen Banken glücklich waren.

Autor: Werner Bloch
Redaktion: Petra Lambeck