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Kultur

Kunst und Spielplatz

Kinder haben einen unvoreingenommenen Blick - auch auf die Kunstwerke der dOCUMENTA (13). Hier lässt sich vieles neu entdecken. Ein Rundgang mit Kindern ist für Erwachsene ebenfalls ein Erlebnis.

Das ist doch mal was anderes. Keine Schule heute. Ein Ausflug, zur dOCUMENTA, der großen Kunstausstellung in Kassel, steht auf dem Programm. Manche haben schon davon gehört. Schließlich gehen die Mädchen und Jungen in einem Vorort von Kassel zur Schule. Heute haben sich vier Klassen der Grundschule Schenkelsberg aufgemacht und sind mit dem Bus mitten ins Herz der Weltkunstausstellung dOCUMENTA gefahren, begleitet von vier Lehrerinnen und ein paar Müttern. Direkt hinter dem Fridericianum liegt das Studio D13, groß wie eine Sporthalle und lichtdurchflutet. Hier findet das Programm für Kinder und Jugendliche statt.

Kinder und Kunst

Die dOCUMENTA (13) bietet Workshops für 6- bis 18-Jährige an. Für drei Stunden führen die sogenannten Wordly Companions - Frauen und Männer aus verschiedenen Berufen, die Besucher über die Ausstellung führen - auch die Kleinen und Heranwachsenden über das weitläufige Gelände.

Ein Junge zeigt ein selbst gefertigtes Kunstwerk (Foto: Jochen Kürten)

Die Kinder sind stolz auf ihre kleinen handgefertigten Kunstwerke

Doch zunächst einmal wird gebastelt an diesem Morgen in Halle D13. Nachdem sich die erste Unruhe gelegt hat und die rund 60 Kinder in vier Gruppen aufgeteilt worden sind, kann es losgehen. Zunächst sollen sich die Kinder Geschichten ausdenken, Geschichten über Steine und alte Fotos. Der jungen Frau, die den Workshop heute leitet, fällt es sichtlich schwer, sich gegen die Lautstärke der Siebenjährigen zu behaupten. Da muss die Lehrerin ran. Fee Marschang hat ihre Klasse fest im Griff. Sie mahnt zur Ruhe und fordert die Kinder auf, mit den vorhandenen Materialien zu arbeiten: Holz und Pappe, Farben, Leder, Steine, Klebstoff und Krepppapier, alles liegt bereit. Und wer will, der kann sich auch im großen weißen Regal bedienen, in dem viele verschiedene Gegenstände liegen, die die offiziellen dOCUMENTA-Künstler für die Kinder-Workshops zu Verfügung gestellt haben.

Ketchup und Pappe

Verena hat aus Knetgummi ein paar kleine gelbe Teller und Töpfe geformt, alle mit rotem Inhalt. "Hmm, Ketchup, das würde ich jetzt am liebsten auch essen", seufzt sie. Harin hat auf einem großen Stück Pappe gleich eine ganze Geschichte verewigt, nicht nur gemalt, auch geklebt und gesteckt. Die Geschichte eines Mädchens, das sich verlaufen hat. Simon und Till haben aus Leder, Kordel und Holz einen Heißluftballon zusammengebaut. "Der ist noch nicht ganz fertig", mault Till. Doch die Lehrerin verspricht, dass die kleinen, selbstgebastelten Kunstwerke mit nach Hause genommen werden dürfen. Die Kinder sind zufrieden.

Kinder bestaunen das Zeltlanger am Rande der dOCUMENTA 13 (Foto: Jochen Kürten)

Das bunte Völkchen im Zeltlager fasziniert die kleinen Besucher

Und dann geht´s raus. Vor dem Fridericianum kommen die Kinder zunächst an einem seltsamen Zelt-Lager vorbei. Das hat sich hier in den letzten Wochen fest etabliert. Allerlei bunte Typen haben sich hier versammelt und protestieren gegen das Unrecht in der Welt. Heute genießen sie das schöne Wetter. Es sind Punks und Obdachlose, Gaukler und Jongleure, junge Leute, die es auch cool finden, mitten in der Stadt zu campieren und Bestandteil eines riesigen Kunsthappenings zu sein. Die Grundschulkinder staunen nicht schlecht über das bunte Völkchen, bleiben mit offenen Mündern stehen und zeigen auf die farbigen Zelte und Schlafsäcke. Doch die Erwachsenen rufen zur Eile. Allzu viel Zeit bleibt nicht, schließlich will man noch ein paar "richtige" Kunstwerke besichtigen.

Ein Stein auf einem Baum...

Das erste ist der schon berühmte Stein auf einem Baum in den Kasseler Auen. Die fast neun Meter hohe Skulptur des italienischen Künstlers Guiseppe Penone ("Idee di Pietra") besteht aus einem täuschend echt aussehenden Baum aus Bronze mit einem groben Granitblock im Geäst. In den letzten Wochen ist es zu einem der beliebtesten Kunstwerke der dOCUMENTA geworden. Besonders bei den Kindern. Damit können sie etwas anfangen. Es sieht auf jeden Fall schon einmal erstaunlich aus. Ein Stein auf einem Baum - wie ist der da hinauf gekommen? Beim Näherkommen merken die Kleinen, dass der Baum nicht aus Holz ist. Jeder will mal klopfen. Und einige wollen schnurstracks hochklettern. Doch eine resolute Führerin ruft die Kinder zurück. Schließlich ist das ein Kunstwerk und kein Kletterbaum.

Kinder tanzen um einen Baustamm aus Bronze, einem Kunstwerk auf der dOCUMENTA 13 (Foto: Jochen Kürten)

Klettern verboten - ein Tanz um den Baumstamm aus Bronze macht auch Spaß

Die nächste Station liegt nicht weit. Ein bewaldeter Trampelpfad führt wieder hinauf in die Stadt. Doch der Pfad hat es in sich. Tierstimmen in allen möglichen Schattierungen und Variationen schallen durch die Bäume. Die Kinder sind verblüfft. Woher kommen die Stimmen? "Wo ist denn die Kuh", fragt Lukas nach einem lauten Muhen. "Ist die tot, oder ist die im Kasten am Ende des Wegs?" Die Lehrerin klärt auf. Hier hat die in Teheran geborene deutsche Künstlerin Natascha Sadr Haghighian darüber nachgedacht, dass Tierlaute in jeder Sprache anders klingen. Das hat sie zu einer originellen Klanginstallation genutzt. Die Stimmen kommen aus kleinen Lautsprechern, die kaum sichtbar in den Zweigen hängen. Das wollen aber nicht alle Kinder glauben. "Wo ist die Kuh?", fragt Lukas immer wieder.

Kinder verlassen den Schwarzen Raum auf der dOCUMENTA 13 (Foto: Jochen Kürten)

Wie eine Mutprobe - die Kinder verlassen den "Schwarzen Raum" erleichtert

Den Abschluss des Kinder-Workshops bildet ein Besuch in einem geheimnisvollen schwarzen Raum. Davon haben die Kinder schon den ganzen Vormittag geredet: Was ist in dem Raum? Da sieht man doch nichts! Was erwartet uns da? Gemeint ist die Rauminstallation des deutsch-britischen Künstlers Tino Sehgal. Der lässt Sänger und Tänzer in vollkommener Dunkelheit in einem großen Raum agieren. Das Bewusstsein der Besucher soll angeregt werden. Ein Wagnis für alle Sinne. Für die Kinder wird das zu einem aufregenden Abenteuer. Für manche ist das zuviel. Die kleine Harin läuft tränenüberströmt hinaus. Sie hat Angst. Andere sind mutiger, wollen immer wieder rein.

Die größte Bewährungsprobe für die Lehrerin ist es, die Kinder zum Stillsein anzuhalten. Nur so "funktioniert" das Kunstwerk. Im Raum soll - von Besucherseite - absolute Stille herrschen. Nur die Geräusche und das Singen der Tänzer sollen zu hören sein. Das ist nicht einfach. Die Kinder lassen ihre Emotionen heraus. Besonders nach so einem aufregenden und anregenden Tag. Doch schließlich ist auch das geschafft. Drei Stunden Kunst - die Kinder sind zufrieden, auch erschöpft. Eines steht fest: Der Vormittag auf der dOCUMENTA hat sich gelohnt. Schule ist langweiliger.