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Kultur

Kunst mit Nägeln: Günther Uecker wird 85

Er zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern der Gegenwart. Günther Uecker kennt die Welt. Und die Welt kennt ihn, weil seine Bildsprache als Maler und Objektkünstler universal ist - sein Werkzeug ist der Hammer.

Uecker in seiner Ausstellung

Die 85 Jahre sieht man dem Düsseldorfer Künstler wahrlich nicht an

Nägel. Tausende handelsübliche Nägel. Alle einzeln auf ein mit Leinen bezogenes Holzbrett gehämmert. Manche grade, manche schräg, aber niemals komplett eingeschlagen. Jedes Jahr fertigt Günther Uecker mindestens eins dieser Nagelreliefs an. Seit mehr als einem halben Jahrhundert. Vor allem diese Nagelbilder sind es, die Günther Uecker so bekannt gemacht haben - in Deutschland und auch international.

Nicht nur in Leinwände hat Uecker die Metallstifte getrieben, sondern auch in Nähmaschinen, Schallplattenspieler oder Konzertflügel. Kaum ein anderer Künstler hat sein Werk so sehr dem Handwerk und der einfachen, körperlichen Arbeit gewidmet wie Günther Uecker. Er ist "Bildhauer" im wahrsten Sinne des Wortes. Uecker haut Nägel in Bilder und Objekte und schafft dadurch Reliefs - er selbst nennt sie Nagelfelder - die erst im Spiel mit Licht und Schatten ihre volle Wirkung erzielen.

Krieg und Frieden

Günther Uecker wird am 13. März 1930 im Wendorf bei Schwerin geboren. Mit fünfzehn Jahren, kurz vor Kriegsende, vernagelt er Fenster und Türen des Hauses mit Holzbrettern, um seine Mutter und seine Schwester vor der heran nahenden russischen Armee zu beschützen. Von da an ziehen sich Nägel wie ein roter Faden durch das Schaffen des Künstlers. Nach dem Krieg bleibt er zunächst in der DDR und studiert von 1949 bis 1953 Malerei und Bildende Kunst in Wismar.

1955 flüchtet er nach West-Berlin und landet schließlich in Düsseldorf, wo er von 1955 bis 1957 an der Kunstakademie bei Otto Pankok studiert. Während des Studiums lernt er die Künstler Heinz Mack und Otto Piene kennen. Deren Künstlergruppe ZERO schließt er sich 1961 an. Gemeinsam setzen sie programmatisch die Zeit auf Null - als "Stunde Null", die von den Gräueln des zweiten Weltkriegs unberührt ist und einen neuen Anfang in der Kunst möglich macht.

Zeitlose Kunst

Die avantgardistische Künstlergruppe wirkt weit über Deutschland und über ihre Zeit hinaus. Mit dem neuen Jahrtausend stoßen die Ideen von ZERO wieder vermehrt auf Interesse in der aktuellen Kunstwelt: eine Renaissance der Avantgarde-Gruppe findet statt. Seit 2004 finden regelmäßig auf der ganzen Welt Zero-Retrospektiven statt. Der Martin-Gropius-Bau in Berlin wird ZERO im März 2015 eine große Ausstellung widmen. 1966 ahnt niemand diesen Erfolg. ZERO löst sich kurz danach auf. Die Künstler widmen sich von nun an ihren eigenen Ideen. In über 60 Ländern hat Günther Uecker mittlerweile ausgestellt, in vielen dieser Länder leistete er Pionierarbeit mit seiner abstrakten Kunst.

Der Brief an Peking

Die UN-Menschenrechtserklärung als Kunstform: "Brief an Peking"

2012 stellte Uecker als erster westlicher Künstler im Iran in Teheran aus. 2007 hatte er seine Objekte schon in China gezeigt. Die Ausstellung in Peking war ursprünglich schon für 1994 geplant gewesen. Uecker wurde damals von der chinesischen Regierung zu einer Ausstellung in Peking eingeladen und hatte dafür die Konzept-Arbeit "Brief an Peking" (Foto) angefertigt. Auf 19 großen, frei im Raum hängenden Leinentüchern stand die Menschenrechtserklärung der UN, zum Teil mit schwarzer Farbe überarbeitet und unkenntlich gemacht. Die Schau wurde daraufhin kurzfristig vom chinesischen Kulturministerium abgesagt. Das Volk sei noch nicht bereit für seine Kunst, so die Begründung damals. 18 Jahre später durfte er dann in China ausstellen.

Humanistische Künstlerideale

Der "Brief an Peking" ist nicht das einzige Werk, in dem sich Uecker konkret mit humanitären Missständen auseinandersetzt. Ein künstlerischer Appell gegen die Verletzung der Menschenrechte ist auch die Arbeit "Verletzungsworte": Sie versammelt 60 Wörter, die von physischen und psychischen Wunden erzählen. Seit 1993 wird das politische Kunstwerk weltweit ausgestellt. Begriffe wie "schlagen", "verachten" und "vergasen" hat Uecker dafür in die jeweilige Landessprache übersetzt, aufgeschrieben und seinem Werk beigefügt.

Ueckers Kunst wird auf der ganzen Welt und in den unterschiedlichsten Kulturen verstanden und geschätzt. Auf die Frage, was sie so universal macht, hat Uecker seinen eigenen Erklärungsansatz: "Was man mir oft sagt, ist, dass der humane Charakter, der in meinem Werk erkennbar wird, die Menschen berührt." Vor allem aber ist sein Werk zeitlos geblieben und noch heute aktuell.

Das Nagelfeld für Yves Klein

Ueckers Nagelfeld für seinen verstorbenen Künstler-Freund Yves Klein

Wiedersehen mit seiner Kunst

Am 6. Juni 1962 starb Yves Klein mit nur 34 Jahren an einem Herzinfarkt. Der französische Künstler war nicht nur ein Freund, sondern auch der Schwager von Günther Uecker. Nachdem er in Paris Totenwache für Yves Klein gehalten hatte, schuf er ein Nagelrelief für den Avantgardekünstler, der vor allem durch sein "Yves Klein-Blau" und seine monochromen Arbeiten berühmt geworden ist. Ueckers Hommage: Eine weiße Leinwand mit wenigen roten Farbpigmenten grundiert, in sparsam gesetzte Nägel. Anders als seine sonstigen Reliefarbeiten ist es heller, hat weniger Nägel, die konzentriert in der Mitte gesetzt sind.

Erst 50 Jahre später, beim Aufbau der großen Uecker-Schau in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, sieht der Künstler diese Arbeit, die ein privater Sammler gekauft hat, zum ersten Mal wieder. Ein schönes Geschenk zu seinem 85. Geburtstag. Uecker ist sichtlich gerührt, und auch stolz, dass sein Werk so zeitlos und aktuell geblieben ist: "Die Bilder haben von mir so weit Abstand genommen, dass ich sie unbefangen betrachten kann, wie der Besucher einer Ausstellung."

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