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Kultur

Kunst & Magie: Die Welt der Außenseiter

Warum lehnen sich manche Menschen auf? Und warum gibt es in allen Kulturen Außenseiter und Exzentriker? Die Bundeskunsthalle gibt in der Ausstellung "Narren. Künstler. Heilige. Lob der Torheit" Antworten.

Die Welt ist ein Dorf. Und das ist in der Schweiz nicht anders als in einem afrikanischen Land. Oder in der Karibik. Oder in Südostasien. Wie das? Die Vielfalt der Kulturen ist doch kaum zu überblicken, so unendlich reich, dass sich Heerscharen von Wissenschaftlern seit Jahrhunderten darum bemühen zu beschreiben, zu analysieren, zu differenzieren. Und doch: Manchmal schmelzen die Unterschiede auf ein Minimum zusammen, erfährt man von verblüffenden Parallelen, erstaunlichen Gemeinsamkeiten.

Leben am Rande der Gesellschaft

Maske der balinesischen Hexenkönigin Rangda (Foto: © Musée du quai Branly, Paris)

Maske der balinesischen Hexenkönigin Rangda

In Bonn weist die Bundeskunsthalle gerade auf solche Gemeinsamkeiten hin. "Narren. Künstler. Heilige. Lob der Torheit" heißt eine Ausstellung, die vom Pariser "Musée du quai Branly" initiiert worden ist. Derzeit gastiert sie in Bonn und zieht im Dezember weiter nach Madrid. "Wenn man sich dem Thema annähert, ist diese Erkenntnis wirklich überraschend", sagt Ausstellungsleiter Wolfger Stumpfe im Gespräch mit der Deutschen Welle. Das Thema ist weitgespannt und kreist doch um einen Typus: den Außenseiter, der sich gegen die Gesellschaft auflehnt, den Exzentriker, der am Rande der Gesellschaft lebt, den Grenzgänger, der sich zwischen menschlicher und übernatürlicher Sphäre bewegt.

Krampus-Kostüm Steiermark, Österreich (Foto: © Musée international du carnaval et du masque, Binche)

Krampus-Kostüm aus der Steiermark (Österreich)

"Die Grundidee der Ausstellung ist diese: Zu zeigen, dass - ob in Alaska oder in Zentralafrika, Ozeanien oder Sibirien - das Phänomen der Grenzgängerei überall große Ähnlichkeiten aufweist", sagt Stumpfe. "Das Überschreiten von Normen, die Unordnung, das Durchbrechen von Regeln, der Verbindung zwischen Menschlichem und Übermenschlichem, als das zählt dazu." Dabei geht es genauso um religiöse wie gesellschaftliche Erscheinungen. Immer wieder kommt die Schau auf das Phänomen des "Vermittlers" zurück. Es gibt Menschen, die zwischen der großen Masse und dem Übersinnlichen stehen, also dem nicht direkt Sichtbaren. Das können Schamanen und Voodoo-Priester sein. Es können aber auch ganz einfach Narren und Clowns in jeglicher Form sein.

Kunst und Leben begegnen sich

Und auf noch etwas anderes weist die Ausstellung hin. Auf die Verwandtschaft dieses gesellschaftlichen Phänomens mit der Kunst. Ethnologische Exponate und Artefakte begegnen sich hier. Das macht Sinn. "Künstler aller Zeiten und aller Gesellschaften waren auch Medizinmänner", sagt der Leiter der Bundeskunsthalle Robert Fleck. Am Beispiel des Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys wird dies besonders deutlich. Beuys wurde von seinen Anhängern immer wieder als Schamane bezeichnet, lebte er doch - in seiner Kunst, aber auch privat - etwas vor, das der "normalen" Gesellschaft stets ein wenig suspekt erschien. Beuys war ein Außenseiter am Rande der bürgerlichen Gesellschaft. Zumindest inszenierte er sich so. Er lebte eine radikal andere, "freiere" Existenz vor.

Ausschnitt aus Chloe Pienes Video Blackmouth (Foto: © Chloe Piene (courtesy of Galerie Natalie Obadia, Paris)

Chloe Pienes Video "Blackmouth" aus dem Jahre 2004

Ähnlich wie der Schamane reagiere und reguliere der Künstler, sagt der französische Ausstellungskurator Jean de Loisy. Beide führten ihre Mitmenschen auf unbekannte Bewusstseinsebenen. Besonders drastisch, aber auch eindrucksvoll machte das die amerikanische Künstlerin Cloe Piene 2004 in ihrem Video "Blackmouth" deutlich. Sie wälzt sich im Schlamm, stößt dabei Urlaute aus, schreit, strampelt - die Nähe zur tierischen Existenz ist unübersehbar. Es sind diese Grenzbereiche, in die man in der Phantasie und im Geist vordringen kann. Darauf können Künstler mit und in ihren Werken hinweisen - und es vorleben.

Andere Wahrnehmung von "Kunst"

Doch lange bevor es diese ganz bewusst agierenden Künstler gab, haben sich immer wieder Menschen an den Rand der Gesellschaft gestellt und dort gewirkt. Wolfger Stumpfe erklärt, dass Kunst und Alltag früher oft gar nicht zu unterscheiden gewesen seien. Kunst, nur um der Kunst willen - L’art pour l’art - gebe es erst seit rund 100 Jahren. Religiöse Malerei, heute in erster Linie auf wertvollen Gemälden und als "Kunstwerk" wahrgenommen, sei früher auch ein "Gebrauchsgegenstand" gewesen, in den Gotteshäusern, den Kirchen.

Michel-Ange Houasses Gemälde Bacchanal (Foto: © Museo nacional del Prado, Madrid)

Ein Fest der Unordnung zu Ehren von Dionysos: Michel-Ange Houasses Gemälde "Bacchanal"

Bilder wie das in Bonn ausgestellte Barockgemälde "Bacchanal" von Michel-Ange Houasse aus dem Jahre 1719 hätten auch noch eine andere Funktion gehabt. Es zeigt ein Fest der Unordnung (gefeiert zu Ehren des Gottes Dionysos) - auch das ein zentraler Ausstellungsbegriff. Diese Feste - die profanen Gegenstücke zu religiösen Zeremonien - existierten in vielen Kulturen und hatten die Kraft eines reinigenden Prozesses. Der Karneval von heute hat keine andere Funktion - und geht auf diese Tradition zurück.

Urmenschliche Ideen und Ausdrucksweisen

Man stößt immer wieder auf diese Parallelen - in der Kunst aus aller Welt, wie auch bei den magischen Werkzeugen und Hilfsmitteln der Schamanen, Priester und Heiler. "Das rührt natürlich daher, dass es sich um urmenschliche Ideen, Vorstellungen und Ausdrucksweisen handelt", sagt Wolfger Stumpfe. Das sei eine Art von Archetypus. "Diese Idee ist in allen menschlichen Gesellschaften der letzten 3000 Jahre vorhanden gewesen, und wahrscheinlich auch schon früher, doch da hat man keine Zeugnisse mehr."

Die Gemeinsamkeiten grässlich verzerrter Masken aus aller Welt, die für die Wesen der Nacht, des Winters oder der Albträume stehen, sind natürlich Attribute wie aufgerisse Augen, ein grotesker Gesichtsausdruck, verzerrte Züge. Wolfger Stumpfe: "Das ist etwas, was überall auf der Welt so auftaucht."