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Alltagsdeutsch – Podcast

Kunst, Klischees und Kulturbanausen

Theater, Museen und Konzertsäle ziehen jedes Jahr Tausende von Menschen in Deutschland an. Kunst, Schauspielerei, Musik – kurz Kultur im Allgemeinen – haben einen hohen Rang. Was ist Kunst? Wer sieht sie sich an?

Sprecherin:

Großstädte verfügen meist über ein sehr breit gefächertes Kulturprogramm. In Köln zum Beispiel existieren nicht nur städtische Bühnen. Darüber hinaus gibt es viele freie Theater und Schauspielgruppen, die ein buntes Angebot von altmodisch bis Avantgarde bieten. Stefan Kuntz über das, was man in der Freien Szene alles finden kann.

Stefan Kuntz:

"Das fängt an bei den Kabarettisten, bei den Comedy-Leuten, bei den Kleinkünstlern, bei den Feuerschluckern und hört irgendwo auf bei Leuten, die zu siebt den Faust inszenieren."

Sprecher:

Kleinkunst ist ein gängiger Begriff für Kabarett, Artistik, Zauberei und Clownerie. Er dient der Abgrenzung von der "Großen Kunst", die man in Theatern und Museen findet. Der Kleinkunst fehlt oft das Hehre und Ehrfurchtgebietende der 'Großen Kunst"; sie hat oft mehr mit Geschicklichkeit als mit Erkenntnisvermittlung zu tun. Klare Unterscheidungen aber gibt es nicht, und mancher Kleinkünstler ist genauso originell und tiefsinnig wie ein engagiertes Theaterensemble.

Sprecherin:

In letzter Zeit haben vor allem Kindertheater in der freien Szene zugenommen. Auf der einen Seite also üppiges Wachstum an Stilformen, auf der anderen Seite sieht man Vieles zusammenschrumpfen durch die schlechte wirtschaftliche Situation. Stefan Kuntz:

Stefan Kuntz:

"Typisch für die freie Szene, das ist, dass man mit sehr wenig Bühnenbild, mit sehr wenig Kostümen und sehr wenig Technik auskommen muss, weil die Finanzen das einfach gebieten. Typisch ist, dass man im Moment doch sehr viel Klassiker – auch moderne Klassiker – inszeniert, aber eben ganz anders oder gegen den Strich gebürstet inszeniert."

Sprecher:

Wenn man seine Haare gegen den Strich bürstet, ruft das ein irritierendes Hautkribbeln hervor. In Freien Theatern sind Inszenierungen von Klassikern oft gegen den Strich gebürstet. Sie werden anders gezeigt, als man es aus der Geschichte kennt. Die sprachliche Formel ist in verschiedenen Versionen gebräuchlich. So kann man zum Beispiel auch einen Text gegen den Strich lesen, also anders, als der Autor es gedacht hat oder die Gewohnheit es nahelegt. Und wenn mir etwas gegen den Strich geht, dann missfällt es mir deutlich oder verärgert mich sogar.

Sprecherin:

Das Klischee von den Brettern, die die Welt bedeuten als Ausdruck für die Schauspielbühne ist zwar schon ein bisschen angestaubt, aber etwas muss schon dran sein an diesem Bild. Sonst würden nicht immer neue Idealisten in die freie Szene strömen. Doch was macht sie eigentlich aus, die freie Szene?

Stefan Kuntze:

"Ja, es gibt ein anderes Selbstverständnis. Freie Schauspieler in freien Theatern können mehr oder weniger von heute auf morgen sagen: Ne, dazu habe ich keine Lust, das mache ich nicht mehr mit. Da gehe ich doch lieber kellnern oder Taxi fahren. Oder ich gehe zu 'ner anderen Gruppe. Nun gibt es auch in freien Theatern inzwischen Verträge, und man ist natürlich untereinander sauer, wenn einer von einen Tag auf den anderen die Klamotten hinschmeißt. Die inhaltlichen und ästhetischen Unterschiede zwischen den Stadttheatern und den freien Theatern sind geringer geworden. Ich denke aber nach wie vor, dass es eigentlich so ist, dass man sich im freien Theater weniger langweilt als im Stadttheater. Es ist im Schnitt immer noch aufregender und ich hoffe, das bleibt so."

Sprecher:

Die Klamotte bezeichnete ursprünglich einen zerbrochenen Mauerstein. Umgangssprachlich sehr verbreitet wird sie heute für alles benutzt, was alt und wertlos ist oder was man ironisch abwerten möchte. Als Bezeichnung für Kleider sind die Klamotten nur mehr ein anderes Wort mit legerer Tonart geworden. Wenn Mitglieder einer freien Theatergruppe die Klamotten hinschmeißen, sind ihre Kollegen verständlicherweise sauer. Der Begriff sauer als Ausdruck für eine große Verärgerung ist so gebräuchlich, dass man ihn offiziell benutzen kann, ohne besonders aufzufallen. Der Ausdruck steigert sich ähnlich wie der Geruch saurer Milch. Wer besonders verärgert ist, den bezeichnet man als stinksauer.

Sprecherin:

Um einen Blick hinter die Kulissen des Daseins als freier Schauspieler zu werfen, besuche ich Alice Eßer. Die frühere Sozialarbeiterin hat zunächst eine Clown-Schule in der Schweiz besucht und spielt mit Leidenschaft Theater – sofern man sie denn lässt, denn Anstellungen wie Einkommen sind eher mäßig als regelmäßig.


Alice Eßer:

"Manchmal ist es so von der Hand in den Mund zu leben, so das, was gerade kommt, das ist es. Ich habe nicht am Hungertuch genagt, aber ich konnte auch mir nicht viel leisten. Wenn man so versucht, jetzt sich selbständig zu machen, dann ist es einfach so, dass man viel arbeiten muss, sich immer anbieten muss, damit man nicht ewig und drei Tage kein Land sieht, sondern dass es einfach weiter geht, und dass man denkt, es entwickelt sich auch zum Guten, sonst würde man es nicht machen."

Sprecher:

Hungertuch, an dem die Schauspielerin zum Glück nicht nagen musste, hieß früher das Tuch, mit dem in der Fastenzeit der Altar verhängt wurde, um die Gläubigen zur Buße zu mahnen. Aus der Wendung am Hungertuch nähen als Ausdruck für eine entbehrungsreiche Situation wurde später am Hungertuch nagen. Damit sie nicht ewig und drei Tage kein Land sieht, musste die Schauspielerin sich sehr anstrengen. Die Wendung ewig und drei Tage wird oft benutzt, um einen sehr langen Zeitraum zu beschreiben. Und das Land, das man sieht oder nicht, sind natürlich die besseren Zeiten mit mehr Erfolg.

Sprecherin:

Eine große Karriere malt sich die Schauspielerin nicht aus. Sie möchte nur gern zeigen, was sie kann.

Alice Eßer:

"Die Unterhaltungsbranche boomt. Musical, leichte Kost, Komödien, auf nem Niveau, wo man lachen kann, was auch schön ist, was auch Spaß macht bestimmt, zu spielen. Das wird auch von den Medien sehr hoch gepusht. Und da kann es schon sein, dass im ganzen Medienrummel und auch das Hangeln um die Medien, dass man einfach untergeht, wenn man versucht, Wahrheiten rüberzubringen, die vielleicht nicht auf den ersten Blick hin ersichtlich sind."

Sprecher:

Manches wird von den Medien hoch gepusht, anderes übergangen. Der lautmalerische, aus dem Englischen übertragene Begriff pushen wird gerne benutzt, um von starker Verbreitung und Unterstützung mit einem negativen Unterton zu sprechen. Vom Rummel spricht man, wenn Lärm, reger Betrieb und Durcheinander einer Sache betont werden sollen. Das Wort, das einen Laut nachahmenden Ursprung ähnlich wie das Rumpeln hat, wurde früher oft für den Jahrmarkt benutzt. Spektakulär wie auf einem Jahrmarkt geht es oft auch in den Medien zu, so dass man dann vom Medienrummel spricht.

Sprecherin:

Nun kann man natürlich nicht generell sagen, dass in Deutschland nur noch reine Unterhaltung ankommt. Stücke mit Anspruch, ob Klassiker oder moderne Bühnenexperimente, finden nach wie vor ihr Publikum.

Sprecherin:

Von den Kunstmachern gehe ich weiter zu den Kunstkonsumenten. Denn ich möchte gerne wissen, was Kunst, was Musik, Theater oder Gemäldeausstellungen für die Besucher bedeuten.

O-Töne:

"Ich hab schon oft erlebt, wenn ich deprimiert war, wenn es mir schlecht ging, wenn ich in ein Konzert, wo Mozart gespielt wurde, ging, dann ging es mir nachher besser. / Steckenpferd, Unterhaltung, kommt drauf an, was es für ein Museum ist. Da ich auch im Schulberuf tätig bin, gucke ich immer so'n bisschen danach, was man eventuell auch mal verwenden kann."

Sprecher:

Mit einem Steckenpferd, meist einem Stab mit einem Pferdekopf aus Holz, haben sich in früheren Zeiten Kinder vergnügt und viele Phantasieritte ausgeführt. Das Steckenpferd als Bezeichnung für eine Neigung, für das, was man gerne und häufig macht, hat sich erhalten. Das Steckenpferd hat ähnlich wie die Bezeichnung Hobby einen spielerischen Charakter. Hier denkt man an Spielzeugeisenbahnen und Bastelarbeiten. Deshalb sprechen manche Menschen, wenn es um Kunst geht, lieber von Leidenschaft oder Liebhaberei.

Sprecherin:

Wenn für die Kunst viel Geld ausgegeben wird, großzügige Museen und Galerien gebaut werden, findet das nicht nur Zustimmung. Vor allem von einem wird es sogar rundweg abgelehnt, dem Kulturbanausen.

O-Töne:

"Also, ein Kulturbanause ist jemand, der sich weigert irgendwie, das wahrzunehmen, was da ist, sich nicht drauf einstellen will oder so was, also, der es bewusst irgendwie ablehnt. / Ja, ich glaub, die meisten Leute sind Kulturbanausen. Ich glaub, das ist ziemlich normal, mit Kultur nicht viel am Hut zu haben. Die meisten Leute auf der Straße oder die so genannte breite Masse interessiert sich einfach nicht dafür. / Es ist jemand, der eben sagt, das braucht man nicht, das ist überflüssig. Wir wohnen auf dem Land, da dürfte ich keinen Muckser tun, wenn ich bedaure, ich kann nicht ins Theater gehen. Die sagen, ach, so was brauche ich nicht, das brauch' man doch, das ist überflüssig."

Sprecher:

Zum Begriff des Kulturbanausen gehört die Ignoranz. Wer mit Kultur nichts am Hut hat, wie ein Passant es formulierte, das heißt, wer sich dafür nicht interessiert, würde zu Unrecht den Titel Kulturbanause tragen. Aber wer Banause ist und wer nicht, hängt natürlich vom Blickwinkel des Betrachters ab.

O-Ton:

"Ein leuchtendes Beispiel hab ich da erlebt. Ich war mal hier in dem Verein 'Freunde des Wallraff-Richartz-Museums', und da war ein Herr, der hat dann schon mal für uns Vorträge gehalten, und das war bestimmt ein Mensch im Elfenbeinturm. Der redete über unsere Köpfe hinweg in einer Art und Weise, mit Fremdwörtern gespickt, das war richtig so über unsern Kopf hinweg gesprochen. Man merkte, der hat gedacht, was wollen die Banausen, die verstehen mich doch nicht."

Sprecher:

Der Elfenbeinturm wird meist zur Beschreibung von Wissenschaftlern benutzt, die sich nur noch um ihre Forschung kümmern und den Bezug zur Realität verloren haben. Im Elfenbeinturm kann aber auch ein Künstler oder Kunstsachverständiger sein, dem es egal ist, ob er verstanden wird oder nicht. Von seinem hohen Stand redet dann so mancher Professionelle über die Köpfe der Laien hinweg.

Sprecherin:

Kunst findet schon lange nicht mehr nur in den Metropolen statt. Viele kleinere Gemeinden veranstalten regelmäßig Gastspiele, machen Ausstellungen nicht im Museumstempel, sondern im Gemeindehaus oder der örtlichen Sparkasse. Dort, wo kein ehrfurchtgebietender Bau die Kunst beherbergt, bleibt meist auch der Kult aus. Ekkehard Rüger, Redakteur beim "Bergischen Volksboten" in Burscheid, einer kleinen Stadt im Bergischen Land, nördlich von Köln:

Ekkehard Rüger:

"Das Problem abgehoben und abgedreht gibt es hier in der Kleinstadt eben nicht, aus den Gründen, dass es eben auch nicht so eine abgedrehte Szene gibt, die jetzt nicht nur ihr Gemälde – gerade bei bildenden Künstlern also findet man es ja häufiger – ihr Gemälde verkauft, sondern auch sich selber inszeniert. Diese Selbstinszenierer gibt es natürlich hier in dieser Form nicht so."

Sprecher:

Für Künstlichkeit und Weltferne gibt es viele Begriffe in der Umgangssprache. Das allgemein gebräuchliche Wort abgehoben macht diese Ferne besonders deutlich. Die Bezeichnung abgedreht stammt aus der Jugendsprache und kann auch konfus oder verrückt bedeuten.

Sprecherin:

Dass auf dem Lande und in kleineren Städten heute mehr Ausstellungen stattfinden, hat natürlich damit zu tun, dass mehr Menschen ihre Freizeit zur Kreativität nutzen. Doch gibt es auch noch einen anderen Grund. Ekkehard Rüger:

Ekkehard Rüger:

"Ich glaub, es ist demokratischer geworden, weil, ich glaube, einfach mehr Leute sich trauen, das, was sie machen, zu zeigen. Ich will niemandem seinen, seinen Töpferkurs und niemandem seinen Aquarellkurs madig machen, das soll auch jeder machen. Bloß der Drang, das zu zeigen, ist, glaube ich, größer geworden."

Sprecher:

Ekkehard Rüger möchte niemandem seine künstlerische Neigung madig machen. Etwas von Maden Befallenes ist natürlich ungenießbar und schlecht. Mit der gängigen Wendung wird ausgedrückt, dass man anderen eine Sache verleidet, indem man schlecht von ihr spricht.

Sprecherin:

Ein gestiegenes Selbstbewusstsein im Umgang mit Kunst hat zumindest einen Vorteil. Man ist viel besser vor Kulturbanausen und Menschen im Elfenbeinturm geschützt. Ob es allerdings auch gegen das Nagen am Hungertuch hilft, ist noch ungewiss.

Fragen zum Text

Kleinkünstler sind …

1. kleine Maler.

2. Kabarettisten, Artisten, Zauberer.

3. Musiker, die keine großen Instrumente spielen.

"Die Bretter, die die Welt bedeuten" ist ein anderer Ausdruck für …

1. die Bühne eines Theaters.

2. Schiffsplanken.

3. Holzverkleidungen aus aller Welt.

Banausen sind Menschen, die …

1. gerne Bananen essen.

2. kein Verständnis für schöne Dinge haben.

3. vor Ereignissen Angst haben.

Arbeitsauftrag

Verfassen Sie in der Gruppe ein kleines Theaterstück in Deutsch zu einem Thema Ihrer Wahl. Führen Sie das Stück anschließend öffentlich auf.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

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