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Kultur

Kunst in der Provinz: Das MARTA in Herford

Modern Art in der Provinz? Das geht nicht gut, dachten viele, als 2005 das Museum MARTA in Herford eröffnet wurde. Dabei hat es Stararchitekt Frank Gehry entworfen. Leiter Roland Nachtigäller zieht zum Jubiläum Bilanz.

Das Museum MARTA in Herford (Foto: MARTA)

Große Architektur in einer kleinen Stadt: das MARTA in Herford

Das Vorbild heißt Bilbao: Auch in der mittelgroßen spanischen Stadt hat Stararchitekt Gehry ein Museum für Moderne Kunst geschaffen. Und das zieht mittlerweile Touristenmassen aus aller Welt in die ansonsten eher unspektakuläre Industriestadt. Dieser Bilbao-Effekt sollte auch in der ostwestfälischen Kleinstadt Herford wirken. Vor fünf Jahren hat das MARTA eröffnet, ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst - im Nirgendwo zwischen Bielefeld und Hannover.

DW-World.de: Herr Nachtigäller, Herford ist nicht Bilbao, aber gewisse Hoffnungen hat auch Herford gehabt, als es sich für einen spektakulären Museumsneubau entschieden hat. Wie sind Ihre Erfahrungen jetzt, rund fünf Jahre später, am MARTA-Standort Herford?

Roland Nachtigäller: Die Erfahrungen sind im Grunde sehr vielfältig. Es ist auf jeden Fall so, dass dieses Museum in den ersten viereinhalb Jahren, wir feiern jetzt im Mai fünfjährigen Geburtstag, einen sehr deutlichen Besucherzustrom hat. Wir haben das statistisch erfasst: Ungefähr 70 Prozent unserer Besucher kommen von außerhalb des Kreises Herford, das heißt, es gibt eine hohe Attraktivität des Hauses. Ob das aber nun mit dem Gründungsdirektor Jan van Hoet, mit der sehr besonderen Architektur oder auch mit einem herausragenden Programm zu tun hat, das lässt sich natürlich im Einzelnen nicht so genau auseinanderrechnen.

Lichtinstallationen im Museum MARTa in Herford (Foto: MARTA)

Das MARTA zeigt zeitgenössische Kunst und punktet bei den Herfordern

Lässt es sich denn womöglich im Einzelnen auseinanderrechnen, ob auch was bei der Stadt ankommt? Profitiert auch die Stadt vom Zustrom der Kulturtouristen?

Auf jeden Fall. Ich meine, wenn wir von 70 Prozent unserer Besucher sprechen und die pendeln bei 60.000 bis 80.000 Besuchern bei einer Stadt, die gerade mal 65.000 Einwohner hat, dann ist das ein enormer Zustrom für eine doch relativ kleine Stadt. Wir haben mal eine Befragung von Besuchern gemacht, die ist nicht völlig repräsentativ, aber hat einen sehr guten Querschnitt gehabt, was denn so gemacht wird. Und da wird deutlich: Die Menschen, die hier ins Museum kommen, wollen wenigstens noch ein bisschen die Altstadt anschauen, shoppen, auf jeden Fall was etwas essen gehen und so weiter. Im Schnitt lässt ungefähr jeder Besucher rund 90 Euro hier in der Stadt außerhalb des MARTA.

Haben Sie Zahlen, inwiefern ein solches Museum wie Ihres in einer kleineren deutschen Stadt auch interessant ist für ausländische Besucher?

Nicht jeder sagt uns, aus welcher Stadt er kommt, es ist aber ein großer Prozentsatz. Ich würde sagen rund 90 Prozent geben das an, und da kommen wir auf 13 Prozent, die aus dem Ausland anreisen.

Herford liegt in Ostwestfalen, eine Region, deren Menschen eher bodenständig und wirtschaftlich ausgesprochen erfolgreich sind, gerade in der Möbelindustrie gibt es dort einige Weltmarktführer. Es ist aber kein Menschenschlag, der ständig ins Museum geht. Ist das Kunstinteresse durch Ihr neues Museum, das MARTA, auch in der Region gestiegen?

Roland Nachtigäller (Foto: MARTA)

Vermittler zwischen Kunst und Herfordern: Roland Nachtigäller

Das ist auf jeden Fall das ganz große Ziel, aber das muss ich auch zugeben, das ist eine schwierige Aufgabe. Ich denke schon, dass wir eine ganze Reihe von Menschen hier in der Region neu haben begeistern können für die Kunst. Das merkt man auch daran, dass wir doch in dieser sehr jungen Geschichte mittlerweile einen Freundeskreis von fünfhundert Mitgliedern haben, was echt eine enorme Zahl ist sowohl für die Größe des Museums als auch vor allen Dinge für den kurzen Zeitraum der Existenz. Das heißt, es gibt einfach eine Klientel von ortsansässigen Menschen, die daran glaubt, dass das eine wunderbare Chance ist für die Region. Und der Rest ist ein langsamer Prozess. Je schwieriger oder je bodenständiger eine Region ist, desto mehr müssen Sie über Vermittlungsarbeit, über Gespräche und auch über das Tieferlegen der Eintrittschwelle versuchen, die Menschen dafür zu faszinieren, zumindest die Neugier für so etwas zu entdecken. Das ist aber mit Sicherheit ein Prozess, der seine Zeit braucht.

Zum Schluss mal ganz grundsätzlich: Was macht ein erfolgreiches Museum in einer kleineren oder mittelgroßen Stadt aus?

Ich glaube, dass es auf der einen Seite sich ganz bewusst und sehr aktiv einklinkt in einen internationalen Dialog über künstlerische Perspektiven, über das, wie unsere Zukunft nicht nur in kultureller, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht aussehen soll. Gleichzeitig muss man aber versuchen, nach innen so zu vermitteln, dass die Besucher nicht das Gefühl haben, diese Art von Auseinandersetzung findet eigentlich ohne sie statt. Das ist ein langer Überzeugungsprozess. Es ist aber etwas sehr Lohnenswertes und es hat den großen Vorteil, dass man eben Kultur als ein ganz lebendiges System, als eine ganz lebendige Erfahrung, nicht nur in den Großstädten beheimatet hat. Sondern eben auch in kleineren Städten sagt, wir bauen ganz konkret gedanklich, perspektivisch, aber auch praktisch an einer Zukunftsgestaltung mit.

Das Interview führte Andreas Main

Redaktion: Klaus Gehrke