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Alltagsdeutsch – Podcast

Kunst im Knast

Der Alltag in Gefängnissen ist meist von Langeweile und Gewalt geprägt. In deutschen Gefängnissen werden viele Gefangene beschäftigt und auf ihr Leben nach der Haftzeit vorbereitet – etwa mit Kunstprojekten.

Sprecher:
Die Welt auf acht Quadratmetern. Ein Schrank, ein Bett, ein kleines Regal, ein angeschlagenes Waschbecken und eine Toilette. Der Blick nach draußen auf ein Stück heile Welt mit Wäscheständern und Blumenkästen ist vergittert. So wie in der Justizvollzugsanstalt im rheinischen Siegburg bei Köln leben die meisten Insassen in deutschen Gefängnissen. Wegsperren, am Besten bei Wasser und Brot halten. So und ähnlich klingt es aus den Mündern vieler, die noch nie ein Gefängnis von innen gesehen haben. Da ist die Angst, selber einmal Opfer eines Verbrechens zu werden und die Ansicht, "bestraft fühlt sich nur, wem jegliche Freude am Leben genommen wurde". Doch irgendwann öffnet sich die Zellentür, der Häftling wird entlassen. Was für ein Mensch steht dann vor den Gefängnistoren?

Sprecherin:

Der deutsche Strafvollzug will nicht nur einsperren, sondern den Menschen hinter Gittern Alternativen zu ihrem bisherigen Leben aufzeigen, damit sie nach ihrer Entlassung nicht wieder straffällig werden. Grundlage dieser Strategie ist die Erkenntnis, dass ein Gefängnisaufenthalt mit dieser sogenannten Resozialisierung vielleicht nicht unbedingt einen besseren Menschen aus dem Gefangenen macht, ohne sie aber in jedem Fall einen schlechteren. Ohne geistige und körperliche Anregung verkümmert ein Mensch, egal ob hinter Gittern oder davor, meint Professor Helmut Markwort.

Helmut Markwort:

"Ich weiß nicht, ob Sie schon mal versucht haben, einen Tag in einem Raum von vielleicht drei mal zwei Metern nur auf der faulen Haut zu liegen. Es ist 'nen ganz interessantes Phänomen, dass Gefangene zum Beispiel, die sich weigern, eine Arbeit, die man ihnen anbietet im Vollzug, anzunehmen; dass es eine Strafe für sie ist, wenn sie dann eben in ihre Zelle eingeschlossen werden, auch nicht mehr an Freizeitveranstaltungen teilnehmen dürfen. Also, das Alleinsein auf der Zelle, nur mit sich selbst beschäftigt zu sein, das ist etwas, was für die Gefangenen ganz schlimm ist."

Sprecher:

Die meisten Menschen im Gefängnis wollen also nicht auf der faulen Haut liegen. Mit dieser Redewendung werden besonders träge und arbeitsscheue Leute beschrieben. Sie ist in diesem Zusammenhang treffend, denn in einer Zelle bleibt einem nicht mehr viel übrig, als sich aufs Bett zu legen, da die Auswahl an Möbelstücken begrenzt ist. Um die Probleme, die durch Einsamkeit und Untätigkeit entstehen, zu verhindern, geht die Anstaltsleitung im Siegburger Gefängnis einen besonderen Weg. Gegen den anfänglichen Widerstand der Behörden gibt es außer der bundesweit üblichen Arbeit auch Kunst im Gefängnis.

Sprecherin:

Jugendliche Häftlinge bemalen einmal in der Woche mit Schülern die Wände ihres Zellenblocks. Erwachsene Straftäter arbeiten unter der Leitung der Studenten der Alanus-Kunsthochschule an Bildern und Skulpturen. Ali Mehmet sitzt für fünf Jahre im Gefängnis. Bewaffneter Raubüberfall und Drogenbesitz. Ali ist Türke und gehört mit 23 Jahren zu den ältesten im Jugendstrafvollzug. Seine gepflegten schwarzen Haare hat er zu einem Zopf gebunden. Sein trister Gefängnisoverall ist vorne heruntergeklappt. Viel gibt es nicht, was man machen kann, um sich von anderen Gefangenen zu unterscheiden. Eher schüchtern steht er an der Wand. Die Schülerinnen aus dem Gymnasium in Overath sind heute wieder da, um mit den Häftlingen zu malen. Eine schöne Beschäftigung, sagt Ali, aber mehr eben auch nicht. Resozialisieren müsse sich jeder selbst.

Ali Mehmet:

"Das findet bei jedem Menschen im Kopf selber ab. Wenn einer die Einstellung hat, der geht raus, baut wieder Scheiße. Das ist normal. Aber resozialisieren kann, glaub' ich, nur jeder sich selbst, so, und, das kann kein andrer machen. Ich weiß jetzt nicht, wie das draußen ist, so. Viele sagen, wenn du raus kommst, kommst du sowieso wieder drauf. Ich bin das erste Mal im Knast. Ich weiß nicht, wie dat ist, wenn ich jetzt raus komme. Von mir aus sag' ich 'Nein', ich nimm das nicht, aber ich will es trotzdem machen, weil dann, hab' ich 'ne Therapie gemacht und ich schätz' mal, das hilft mir noch mehr."

Sprecher:

Alis Problem sind die Drogen. Er traut sich selbst nicht ganz über den Weg, möchte eigentlich eine Therapie machen, damit er nicht wieder draufkommt, wie er sagt. Auf Drogen sein ist die umgangssprachliche Formulierung für drogenabhängig sein. Wegen seiner Sucht kam Ali in den Knast. Ein Wort, das aus der Gaunersprache stammt. Gemeint ist damit sowohl die Gefängnisstrafe als auch das Gefängnis an sich. Woher das Wort Knast ursprünglich stammt, weiß man nicht mehr ganz genau. Vergleichen lässt es sich mit dem jüdischen knas, der Geldstrafe.

Sprecherin:

Ein Raum zwischen den Zellen und dem Treppenhaus. Niedrige Decken in undefinierbaren Farben, gestrichene Tapeten. An den Wänden stehen Jugendliche auf Tischen und Leitern und tragen mit großen Pinseln Motive auf. Zehn Schülerinnen und ein Schüler aus einem Gymnasium im bergischen Overath setzen sich jeden Dienstag eine Stunde ins Auto, um nach Siegburg ins Gefängnis zu fahren. Fröhlich und ausgelassen geht es zu in diesen zwei Stunden, bis die Mädchen wieder zurück müssen in ihre heile Welt. Das sie – genau wie die Gefangenen – eingeschlossen werden, scheint sie nicht mehr zu stören. Mehr dagegen die Vorurteile, die ihre Mitschüler haben, die nicht an dem Gefängnisprojekt in der JVA in Siegburg teilnehmen. Die 18-jährige Lena ärgert sich besonders über einige Jungen in ihrer Klasse.

Lena:

"Es gibt viele, die sagen, ja, die wirklich dem total negativ gegenüberstehen. Und sagen, ja wird schon 'nen Grund haben, warum der sitzt. Wieso geht 'n ihr da hin und malt mit denen? Ist doch Scheiße. Und sind doch alles, ne…Es ist einfach auch 'nen Stück, ja, Realität, mit der wir halt auch einfach, denk' ich, konfrontiert werden müssen und nicht einfach mit Scheuklappen durch die Welt gehen. Und die schlechten Menschen sind einfach weggeschlossen und die guten können draußen rumlaufen, so ungefähr. Das, denke ich, ist die absolut falsche Meinung."

Sprecher:

Lena möchte alles sehen, wach durch die Welt gehen. Sie vergleicht ihre Mitschüler mit Pferden, denen man, damit ihre Umwelt sie nicht irritiert und sie sich wehren, also scheuen, einen Sichtschutz an den Außenseiten der Augen anbringt. Mit diesen sogenannten Scheuklappen können diese Tiere nur geradeaus sehen, und das tun – Lenas Meinung nach – wohl auch die Kritiker solcher Gefängnisprojekte.

Sprecherin:

Die meisten Gefangenen – so heißen sie im Juristendeutsch tatsächlich; Häftlinge sind sie nur, solange sie in einer Untersuchungshaft sitzen – haben eine gemeinsame Geschichte. Viele stammen aus zerrütteten Familienverhältnissen, haben nie gelernt, Verantwortung für sich und ihr Tun zu übernehmen, auch wenn das nicht alles erklärt und auf keinen Fall eine Entschuldigung für Verbrechen sein kann, so lohnt es sich doch, über die Gründe nachzudenken, die Menschen ins Gefängnis bringen. Der Kriminologe Professor Helmut Markwort verweist auf wissenschaftliche Untersuchungen.

Helmut Markwort:

"Der klassische Gefangene, das ist in der Regel der, der mehrere Straftaten bereits begangen hat. Er kann in aller Regel nicht konstant arbeiten. Er kann Frustrationen, die sich ihm im Alltag bieten, kann er nicht wegstecken. Er wird in der Regel also sehr spontan reagieren. Er kann sich in seiner Freizeit kaum beschäftigen und was ganz wichtig ist, der Straftäter, der mehrere Jahre seines Lebens in Gefängnissen gewesen ist, hat in der Regel in seiner Jugend nicht gelernt, Bindungen einzugehen, Beziehungen aufrecht zu erhalten, alles das fehlt dem Gefangenen. Ich denke schon, dass viele eben aus dem Gleis geraten sind, wenn also in den Familien die Beziehungen zerbrochen sind."

Sprecher:

Selbstverständlich wird nicht jeder, der eine unglückliche Kindheit hatte, zum Kriminellen. Der Lebenszug der meisten Menschen bleibt auf dem richtigen Gleis. Professor Markwort argumentiert hier, dass es Umstände gibt, die die Menschen von der geraden Strecke ab und auf die schiefe Bahn bringen. Ob der Zug allerdings durch das Malen im Gefängnis wieder die richtige Richtung einschlagen kann, ist auch für Professor Markwort fraglich.

Sprecherin:

Fest steht allerdings, meint der Wissenschaftler, dass eine bloße Verwahrung der Gefangenen während sie ihre Strafe absitzen, ihre Probleme mit der Gesellschaft eher verschlimmert als verbessert. Dieser Meinung ist auch Walter Maringer. Er koordiniert die Freizeit der Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt Siegburg. (Schlüsselgeräusch) – Der große schwere Universalschlüssel gehört schon seit vielen Jahren zu seinem Arbeitsmaterial. Ihm ist nichts Menschliches fremd, erzählt er bei einem Gang durch das Gefängnis. In den älteren Gebäuden, die noch aus dem Ende des letzten Jahrhundert stammen, ist vom Erdgeschoss aus das oberste Stockwerk zu erkennen. Dazwischen jeweils breite Fangnetze, damit sich niemand hinunterstürzen kann – und damit niemand hinuntergestürzt wird. Walter Maringer kennt Gefängnisse noch aus einer Zeit, in der kein Mensch an Resozialisierung dachte.

Walter Maringer:

"In früheren Jahren oder Jahrzehnten, da bezog sich halt Knast überwiegend auf das Wegsperren, sofern nicht Arbeit da war auf Kabelhöfen und so weiter, wie ich das mal in Werl erlebt hab', wo dann so Godzillas und Rambos die Äxte schwingen, oder im Steinbruch, und das sind eigentlich auch Brutstätten der Gewalt, so was denken wir, ist nicht geeignet, im Bewusstsein der Leute was zu verändern."

Sprecher:

Die Filmechse namens Godzilla und der Schauspieler Sylvester Stallone, der in seiner Rolle als Dschungelkämpfer Rambo schon fast tierähnliche Züge angenommen hat, scheinen für Walter Maringer sinnbildlich für die Zustände in den Gefängnissen vor vielen Jahren zu sein. Wenn die Häftlinge sich selbst überlassen werden, herrscht die Macht des Stärkeren. In solchen Verwahranstalten wurde Gewalt zum Leben erweckt, also ausgebrütet. Brutstätten sind im eigentlichen Sinn des Begriffs Nester, in denen die Eier von Vögeln ausgebrütet werden. Das mittelhochdeutsche Wort bruot bedeutete ursprünglich erwärmen. Mit Brut meint man heute aber auch die ausgebrüteten Wesen selbst. Das Adjektiv brutal hat damit eigentlich nichts zu tun, weil es lateinischen Ursprungs ist, passt aber gut in diesen Zusammenhang. Es kommt von brutalis, also tierisch und vielleicht dachte Walter Maringer daran, als er von der Echse Godzilla sprach.

Sprecherin:

Die Gefangenen sind froh, wenn sie sich beschäftigen könne, aber auch, wenn gewalttätige Mitgefangene ruhig gestellt sind. Der stille Ali Mehmet, der meint, dass sich jeder nur selbst resozialisieren könne, führt etwas schüchtern seine Zelle vor. Ein paar Poster an den Wänden sollen das triste Gefängnisgrau verschönern. Von seinem vergitterten Fenster aus, erzählt Ali, kann er im Sommer manchmal sehen, wie die Menschen jenseits der hohen Gefängnismauer auf ihren Balkonen sitzen und gemütlich Kaffee trinken. Am Anfang war er oft traurig, aber er hat gelernt, mit seiner Situation zurechtzukommen. Ratschläge erteilt er niemandem.

Ali Mehmet:

"Jeder muss die Erfahrung für sich selbst machen. Bringt ja nichts so, wenn ich sage soundso, denken die, ja, hab' ich 'nen Heiligenschein und lauf' hier rum. Jeder hat seine eigene Verantwortung, so was die für sich machen. Natürlich helf' ich so und sag' denen soundso natürlich, wenn die irgendwas passieren sollte, aber im Grunde genommen hat jeder seine eigenen Probleme hier im Knast, und jeder muss damit selber klar kommen."

Sprecher:

Im Gefängnis ist es wichtig, was die anderen Häftlinge von einem halten. Es war für Ali nicht ganz einfach, sich für die Malgruppe mit den Gymnasiastinnen zu bewerben, ohne dass die anderen ihn für einen Schwächling halten. Genauso wenig will Ali, dass seine Mitgefangenen denken, er habe einen Heiligenschein. Das ist selbstverständlich nur im übertragenen Sinn gemeint. Kein noch so wohlwollender Zeitgenosse hält einen überführten Straftäter für heilig, zumal ihm sicherlich der besagte Schein fehlt – dieses von sehr gläubigen Menschen vermeintlich entdeckte Symbol der Heiligkeit, das den betroffenen Personen über dem Kopf schwebt. Ein imaginärer Heiligenschein wird heutzutage denjenigen verpasst, die sich für etwas Besseres halten, also ganz und gar nicht heilig sind.

Sprecherin:

Ob es den Gefangenen hilft, draußen besser klar zu kommen, wer weiß. Aber Gabriele Biehler, die Initiatorin des Ganzen, war von Anfang an überzeugt davon, dass die Besucher in der JVA Siegburg ihren Mädchen, also den Schülerinnen ihrer Kunstklasse, helfen. Die Schülerinnen und die Gefangenen stehen an den entgegengesetzten Enden der sozialen Leiter, würden sich auf der Straße keines Blickes würdigen. Beim Bemalen der Gefängniswände lernen sie sich wirklich kennen, meint Gabriele Biehler.

Gabriele Biehler:

"Mein Hauptziel ist, dass meine Mädchen, die aus zum Teil oberer Mittelschicht kommen, aus absolut behüteten Kreisen, geradezu steril aufwachsen, dass die mal einer anderen Sache begegnen. Und ich glaube, ich hab' viele Mädchen, die nie dieser Welt begegnen würden. Wir haben einen Schüleraustausch mit Südamerika und ich kann Ihnen sagen, Argentinien ist viel näher für diese Mädchen als die JVA in Siegburg."


Fragen zum Text

Wird ein Gefangener auf die Zeit nach seiner Haft vorbereitet, dann wird er …

1. renaturiert.

2. resozialisiert.

3. reformiert.

Ein anderer Ausdruck für aus dem Gleis geraten sein ist …

1. auf die schiefe Bahn geraten sein.

2. auf gerader Strecke gefahren sein.

3. auf das richtige Pferd gesetzt haben.

In Verwahranstalten

1. wird den Insassen viel Abwechslung geboten.

2. sitzen Gefangene ihre Strafe nur ab.

3. werden besonders teure Gegenstände aufbewahrt.

Arbeitsauftrag

Lesen Sie sich den verlinkten Beitrag "Lifestyle-Label aus dem Knast" durch. Erstellen Sie in eigenen Worten eine Kurzzusammenfassung des Inhalts.

Autor: Bettina Schmieding

Redaktion: Beatrice Warken

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