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Kultur

Kunst hinter Gittern ohne Ai Weiwei

Der Wichtigste fehlt. Ai Weiweis Berliner Ausstellung startete ohne den verschleppten Künstler. Statt dessen kamen Menschenrechts-Aktivisten und politische Prominenz. Die Kunst interessierte dabei die Wenigsten.

Ein riesiges Transparent mit der Frage 'Where is Ai Weiwei' hängt an der Fassade der Galerie Neugerriemschneider, wo die Ai-Weiwei-Ausstellung stattfindet (Copyright: Rirkrit Tiravanija. Courtesy of neugerriemschneider, Berlin. Foto: Jens Ziehe)

Where is Ai Weiwei? Ein riesiges Transparent hängt außen an der Galerie Neugerriemschneider und fängt sofort den Blick aller Ausstellungsbesucher ein. Der Künstler Rirkrit Tiravanija hat es für die Galeristen Tim Neuger und Burkhard Riemschneider entworfen, die nun auch seit Wochen kein Lebenszeichen von ihrem prominenten Künstler haben.

Überraschende Verletzlichkeit

Kunst hinter Gittern - Blick von außen auf die Installation von Ai Weiwei in der Galerie Neugerriemschneider (Foto: Aya Bach)

Hinter Glas und Gitter: Ai Weiweis Installation

Nähert man sich dem Ausstellungsraum im Hinterhof einess Berliner Altbau-Ensembles, bietet sich ein Bild, das symbolträchtiger kaum sein könnte: Hinter einem vergitterten Fenster steht die Installation von Ai Weiwei. Durch Metallstäbe hindurch fällt der Blick auf kahle Bäume, knorrige Gewächse, die dunkel und schweigend im Raum stehen. Betritt man die Galerie, wird der Anblick freundlicher: Licht durchflutet das mächtige Geäst, das sich nun als Kunst- und Menschenwerk entpuppt: Es besteht aus Einzelteilen, die mit dicken Schrauben zusammengehalten werden - Überreste abgestorbener Bäume aus südchinesischen Bergregionen. Hier führen sie nun ein zweites Leben, doch ihre Naht- und Bruchstellen offenbaren eine überraschende Verletzlichkeit.

Aus dem Himmel gefallen

Ein stummer Protest gegen die Zerstörung der Natur? Mit Holztüren aus historischen Bauten hatte Ai Weiwei schon bei der Kasseler documenta ein künstlerisches Signal gesetzt gegen den Abriss von Häusern, die dem chinesischen Bauboom weichen mussten.

Installation aus Bäumen und Porzellanobjekten von Ai Weiwei in einer Ausstellung der Berliner Galerie Neugerriemschneider (Copyright: Ai Weiwei. Courtesy of neugerriemschneider, Berlin. Foto: Jens Ziehe)

Stabil oder fragil? Ai Weiweis Kunstwerke aus Holz und Porzellan

In der Berliner Installation nun liegen Inseln aus Porzellan den Bäumen zu Füßen. "Rock" ("Fels") hat Ai Weiwei diese Arbeit genannt. Aber so hart ihr Material auch sein mag – sie erinnern eher an versprengte Eisschollen oder Wolken, die aus dem Himmel gefallen sind. Zart glänzt ihre weiße Oberfläche, blaue Linien betonen die weichen Umrisse. Ein stilles Ensemble, das zum Nachdenken über Natur und menschliche Eingriffe einladen könnte, vielleicht sogar zum Meditieren.

Verzerrte Wahrnehmung

Protest-Aktion von Amnesty International bei der Eröffnung der Ai Weiwei-Ausstellung in der Galerie Neugerriemschneider (Foto: Aya Bach)

Protest: Amnesty International

Doch dafür ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Ai Weiwei ist verschleppt, noch immer geben die chinesischen Behörden keinerlei Auskunft darüber, was mit ihm passiert. Zwangsläufig gilt das Interesse der meisten Gäste hier weniger der Kunst als der Politik. Ein großartiger Künstler sei Ai Weiwei, lässt der Videokünstler Klaus vom Bruch verlauten, der sich unter die Gäste gemischt hat, aber die Wahrnehmung seiner Kunst sei nun durch die politischen Ereignisse völlig verzerrt. "Und das Interessante ist, dass die Politik überhaupt nicht damit umgehen kann, also auch keine Haltung hat".

Westerwelle: Aufklärungs-Ausstellung muss weitergehen

Selbstgemaltes Plakat von Amnesty international für die Freilassung Ai Weiweis bei der Eröffnung der Ai Weiwei-Ausstellung in der Galerie Neugerriemschneider (Foto: Aya Bach)

Handgemalt: Amnesty-Plakat

Haltung zu zeigen versucht an diesem Tag Bundesaußenminister Guido Westerwelle. Dass er die Ausstellung besucht, ist eine deutliche Geste der Solidarität. Und er fordert die sofortige Freilassung Ai Weiweis. Doch aus Protest gegen seine Verhaftung die deutsche Aufklärungs-Ausstellung in Peking zu schließen, wie es kurz zuvor Bundestagspräsident Lammert gefordert hatte, lehnt er ab: "Ich glaube an die aufklärerische Kraft von Kunst. Und wenn man die 'Kunst der Aufklärung' jetzt in China beenden würde, indem man die Ausstellung schließt, käme das von den Folgen her einem Verbot gleich", sagt Westerwelle. "Ganz normalen Bürgerinnen und Bürgern, die dadurch einen Zugang zur Kunst der Aufklärung, zu freiheitlichen Strömungen in der Kunst bekommen, würde dies dann verwehrt."

Berliner Bürgermeister: Solidarität bekunden

Wo ist Ai Weiwei - die Frage steht auf Buttons des Künstlers Rirkrit Tiravanija bei der Eröffnung der Ai Weiwei-Ausstellung in der Galerie Neugerriemschneider (Foto: Aya Bach)

Buttons für Ai Weiwei

Ehrensache, dass auch Klaus Wowereit, der kunstinsteressierte Regierende Bürgermeister Berlins, auf seiner Tour durch das "Gallery Weekend" eine Station bei Ai Weiwei macht. "Dass ein chinesischer Künstler, der leider verschwunden ist, der von der chinesischen Diktatur im wahrsten Sinne des Wortes aus seiner Arbeit herausgerissen worden ist, hier heute ausstellt, ist natürlich etwas Besonderes", konstatiert er, "und es ist auch eine Gelegenheit, noch mal Solidarität zu bekunden".

Tatsächlich hätte dieses Wochenende für Berlin den Beginn einer engeren Freundschaft mit dem Künstler bedeuten können. Denn Ai wollte ursprünglich nicht nur seine Ausstellung eröffnen, sondern auch seine Pläne voranbringen, ein Studio in Berlin einzurichten.

Menschenrechtler in Aktion

Nun aber steht die Kunst im Schatten der Politik. Der Direktor des Deutschland-Büros von Human Rights Watch, Wenzel Michalski, ist gekommen und beklagt, dass es mit Blick auf Menschenrechte und Meinungsfreiheit in China zur Zeit den größten Rückschritt seit vielen, vielen Jahren gebe. "Wir versuchen Druck auszuüben auf die Regierungen weltweit, damit das jeder, der in China ist, an die große Glocke hängt. Nur so haben Ai Weiwei und die andern Dissidenten eine Chance."

Draußen vor der Ausstellung tritt Amnesty International in Mannschaftsstärke auf. Mit Plakaten fordern all die Männer und Frauen nicht nur die Freilassung Ai Weiweis, sondern erinnern auch an andere inhaftierte Dissidenten wie den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Und sammeln Unterschriften für ihre Petition.

Symbolische Handlungen

Unterschriften-Aktion von Amnesty International vor der Ai-Weiwei-Ausstellung in der Galerie Neugerriemschneider (Foto: Aya Bach)

'Es läuft hervorragend' - Unterschriften für Ai Weiwei

Ihre Flugblätter haben sie auch in der Ausstellung ausgelegt. Dort darf sich auch jeder Besucher Buttons des Künstlers Rirkrit Tiravanija mitnehmen. So wie sein Transparent an der Hauswand fragen auch sie: "Wo ist Ai Weiwei?" - das kann man sich nun auf Englisch, Chinesisch oder Deutsch ans Jackett heften. Eine sinnvolle Solidaritäts-Aktion? Ein originelles Giveaway? Ein Nachweis, dass man bei der Ausstellung war? Schwer zu entscheiden.

Es ist viel ernsthaftes Bemühen um den Künstler zu spüren an diesem Tag. Das alles ist sehr deutsch, sehr engagiert. Wo es keine echten Einflussmöglichkeiten gibt, werden die Handlungen symbolisch. Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack angesichts der Macht- und Hilflosigkeit. Die Unterschriftenaktion, sagen die Amnesty-Leute, läuft hervorragend. Und hat der Außenminister unterschrieben? "Herr Westerwelle hat die Petition mitgenommen", heißt es, er wolle das lieber in Ruhe durchlesen, bevor er unterschreibt. "Wir hoffen, dass er das dann in seinem Büro tut."

Autorin: Aya Bach
Redaktion: Marlis Schaum

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