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Kultur

Kunst für die Völkerfreundschaft

Ein deutscher Maler gestaltet ein Fenster in der Kathedrale von Reims, die für Frankreich eine nationale Ikone ist. Sie wird 800 Jahre alt und hat für das Verhältnis zu Deutschland große historische Bedeutung.

Der deutsche Künstler Imi Knoebel entwirft ein Kirchenfenster in Reims (Foto: Ivo Faber) © Ivo Faber

Die prominente Geschichte der Kathedrale von Reims beginnt bereits rund 700 Jahre bevor Erzbischof Aubry de Humbert 1211 den Grundstein für die heutige Kathedrale legt. Um das Jahr 500 wird der Frankenkönig Chlodwig von Bischof Remigius in Reims getauft und damit zum ersten katholischen Herrscher des Westens. Diese Taufe gilt vielen als die Geburtsstunde Frankreichs. Fast alle französischen Könige werden in Reims gekrönt, 25 in der heutigen Kathedrale. Der letzte Herrscher erhält hier im Jahr 1825 seine königlichen Weihen. Nicht zuletzt durch diese royale Präsenz wird der Wein dieser Gegend zum Inbegriff des Luxus und bleibt es, obwohl inzwischen viele Weine aus anderen Gegenden weitaus höhere Preise erzielen als Champagner.

Blutige Geschichte

Kathedrale Notre-Dame, Reims (Foto: Arco Images)

Die Kathedrale von Reims von außen...

Drei Mal wird Reims in den vergangenen 150 Jahren zum Ziel deutscher Angriffe: 1870/71, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Wenn in der deutschen Öffentlichkeit von Krieg und Geschichte die Rede ist, dann geht es meistens um die Zeit des Nationalsozialismus, den Massenmord an den Juden, die Gräuel im von Hitler begonnenen Zweiten Weltkrieg. Für die meisten Franzosen aber ist - auch heute noch - der erste Weltkrieg la "grande guerre", der große Krieg, an den im ganzen Land zahlreiche Denkmäler erinnern. Warum das so ist, wird nirgendwo so deutlich wie in der Champagne, dem am längsten und härtesten umkämpften Gebiet. 1918, am Ende des Ersten Weltkrieges, haben mehr als die Hälfte seiner Bewohner ihr Leben verloren. Im Département Aine sogar zwei Drittel. 85 Prozent der Stadt Reims sind zerstört.

Frankreich ins Herz getroffen

Blick ins Kirchenschiff der Kathedrale Notre-Dame, Reims (Foto: Isabelle Bruyere)

...und von innen

Die Kathedrale von Reims wird von den Deutschen im Ersten Weltkrieg schwer beschädigt. "Sie wurde ganz klar anvisiert als Symbol der nationalen Geschichte", betont Patrick Demouy, Historiker an der Universität Reims und auch in der Stadt geboren. Bereits während des Ersten Weltkrieges gründete sich ein Verein, um das berühmte Bauwerk zu erhalten, "La Société des Amis de la Cathédrale". Noch heute bemühen sie sich, Mäzene zu finden, die den kostspieligen Unterhalt und die anhaltende Restaurierung der Kathedrale mit ihren 2300 Skulpturen finanzieren. Damals, nach ihrer Beinahe-Zerstörung, kam die Hilfe aus Übersee. Die amerikanische Familie Rockefeller stellte über ihre Stiftung Gelder bereit, um einen neuen Dachstuhl zu bauen. Man war sich bewusst, dass dadurch die anderen Restaurierungsarbeiten schnell voranschreiten würden. Der "Rockefeller-Stiftung ist es zu verdanken, dass die Kirche gerettet wurde.", so Bernard Poret, Präsident der "Gemeinschaft der Freunde der Kathedrale".

Reims als Ort der Versöhnung

Konrad Adenauer und Charles de Gaulle bei einem gemeinsame Gottesdienst in der Kathedrale von Reims am 8. Juli 1962 (Foto: AP)

Adenauer und de Gaulle beim gemeinsamen Gottesdienst

Nach dem Zweiten Weltkrieg – die Deutschen hatten ihre Kapitulation in Reims unterzeichnet - bemühen sich deutsche und französische Politiker um eine Aussöhnung zwischen ihren Völkern. Der wichtigste symbolische Akt dazu findet am 8. Juli 1962 statt: Frankreichs Präsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer nehmen gemeinsam an einem Gottesdienst in der Kathedrale von Reims teil, beten gemeinsam und betonen öffentlich ihren festen Willen zur Versöhnung beider Staaten. Gleichzeitig steigt in den 1960ern besonders in Frankreich das Interesse an Kultur und Kunst, was sich unter anderem in der Einrichtung eines eigenen Ministeriums für Kultur niederschlägt. Es entsteht der Wunsch, zeitgenössische Kunst auch in der Kathedrale von Reims zur Geltung zu bringen. 1974 bittet man den Maler Marc Chagall an prominenter Stelle Fenster für die Kirche zu entwerfen.

Im Vorfeld der 800-Jahr-Feier der Kathedrale und vor dem 50-jährigen Jubiläum der deutsch-französischen Freundschaft soll es dann ein deutscher Künstler sein. Gerhard Richter wird ausgewählt, renommiert und weltbekannt. Doch seine Entwürfe stoßen bei den Zuständigen in Reims auf Widerstand. Der Künstler zieht sich zurück. Schnell fällt die Wahl auf den Maler Imi Knoebel, einen Beuys-Schüler, ebenfalls international anerkannt, wenn auch nicht so berühmt wie Richter.

Kritik und Begeisterung

Auch Imi Knoebels Kirchenfenster stoßen in Reims bei manchen auf Kritik, zum Beispiel beim Pfarrer der Kathedrale, Abbé Guerlain. Sein Urteil fällt deutlich aus, auch wenn er die Wahl eines Deutschen grundsätzlich gut findet. Imi Knoebels Fenster bestehen aus einem Mosaik mit einer Vielzahl kleiner Glasstücke in puren Farben von Rot, Gelb und Blau. Diese Reinheit der Farben empfinden Abbé Guerlain und andere als hart, geradezu brutal. Durch die spitze Form der Glasstücke werde das noch verstärkt. Außerdem besitze es keinen spirituellen Sinn, so Abbé Guerlain, und das sei bei allen anderen Fenstern ganz anders, auch bei Chagall.

Das von Imi Knoebel entworfene Kirchenfenster der Kathedrale von Reims (Foto: Ivo Faber)

Das leuchtende - aber umstrittene Knoebel-Fenster

Anne Faivre von der Kulturabteilung der Stadt Reims sieht die intensivfarbigen Kirchenfenster dagegen als hervorragende Ergänzung zur zurückhaltenden figurativen Darstellung von Chagall. Historiker Patrick Demouy enthält sich lieber der Wertung, weist aber darauf hin, dass moderne Kunst anfangs oft auf Ablehnung stößt: "Auch Chagalls Fenster haben sehr zwiespältige Meinungen hervorgerufen, als sie 1974 hier eingebaut wurden. Inzwischen ist Chagall so etwas wie ein Klassiker geworden, denn seine Darstellungen sind sehr figurativ und voller traditioneller Symbolik."

Selbstverständnis

Und was sagt der Künstler selbst zu seinen Fenstern? Nun, Interviews gibt Imi Knoebel grundsätzlich nicht. Aber er hat schriftlich mitgeteilt, was er mit seinem Werk ausdrücken will: "Die ursprüngliche chromatische Sprache der Kathedrale sollte auferstehen und eine Symbiose zwischen Alt und Neu schaffen. Die Farbe gibt Qualität, Gewicht und Balance. Sie hat nicht nur einen Farbwert, sondern auch Leuchtdichte."

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Marlis Schaum

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