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Kultur

Kunst für den Transitverkehr

Acht Millionen Menschen fahren jeden Tag in New York U-Bahn. Gegen die Hektik setzt das städtische Verkehrsunternehmen Installationen, Fotos und Musik. Eine Kunst-Reise von der Südspitze Manhattans bis zum Central Park.

'See it split, see it change' erstreckt sich hinter dem Blätterzaun über 75 Meter. (Foto: Aarni Kuoppamäki)

'See it split, see it change'

Die Reise beginnt in South Ferry. Gleich am Drehkreuz wartet das erste Kunstwerk. Ein stählerner Zaun wie aus Ästen und Blattwerk trennt den Eingangsbereich von den Treppen zum Gleis. Hinter dem Zaun: beleuchtete Silhouetten von Bäumen auf weißem Glas. "See it split, see it change" heißt das Kunstwerk, entworfen von den Zwillingen Doug und Mike Starn. Die Bäume sind eine Anspielung auf New Yorks organisches Wachstum und auf den Park über der Haltestelle South Ferry.

Ein oder zwei Mal pro Woche spielt Jeremiah Lockwood unter Tage. (Foto: Aarni Kuoppamäki)

Jeremiah Lockwood

Anfang des Jahres wurde South Ferry für eine halbe Milliarde Dollar renoviert. Weil die Station ein öffentliches Bauwerk ist, floss - gemäß dem Gesetz - ein Prozent der ersten 20 Millionen in die künstlerische Gestaltung. "Eine sehr geringe Summe", sagt Amy Hausmann, Vizedirektorin des Programms "Art for Transit" des städtischen Verkehrsunternehmens MTA, aber es sei genug, um in der Station einen großen Unterschied zu machen. Das Unternehmen hat den Auftrag für die Haltestellen-Kunst ausgeschrieben. Über 200 Kunstwerke sind fest in den Stationen installiert, 60 weitere sind in Planung.

Von South Ferry bis Times Square

Von South Ferry geht es mit der Linie 1 nordwärts bis zum Times Square. Hier hängt das letzte öffentliche Werk des amerikanischen Pop-Art Malers Roy Lichtenstein: Ein gelber Zug rast auf 16 Metern Breite durch ein futuristisches New York. Eine Ecke weiter hängt ein Mosaik von Jack Beal. Davor werkelt ein Blues-Musiker an seinem Verstärker herum, der ausgefallen ist. Daneben spielt Roland Richards von der Insel Trinidad auf der Stahltrommel "What a Wonderful World".

Richards musiziert seit 30 Jahren in der U-Bahn. Am Anfang spielte er einfach so. Heute ist er einer von rund 150 aktiven und offiziellen U-Bahn-Musikern. Um sich zu qualifizieren, musste er in Grand Central vor einer Jury auftreten. Er spielt für ein Zufallspublikum von hunderten, vielleicht tausenden von Passanten. Manche bleiben stehen und lauschen dem Spiel. Andere werfen im Vorbeigehen Münzen oder einen Geldschein in Richards’ Instrumentenkoffer. An seinem besten Abend verdiente er hier tausend Dollar, sagt er, ein andernmal seien es nur fünf. Es gebe halt gute und schlechte Tage.

Der fliegende Bahn-Fisch stammt von Chris Gall aus Arizona. (Foto: Aarni Kuoppamäki)

Der fliegende Bahn-Fisch

Jeremiah Lockwood, der Blues-Musiker, spielt schon sein halbes Leben in der U-Bahn. Er gibt auch Bühnenkonzerte, aber das Spielen "unter der Erde" ist ihm wichtig, sagt er. "Ich glaube nicht, dass ich irgendwann aufhöre. Ich habe zwar nicht mehr soviel Zeit wie früher, aber die U-Bahn ist für mich ein wichtiger Ort, an den ich immer zurückkehre. Das hat einen großen Einfluss auf meine Musik gehabt."

Von Times Square bis Grand Central

Mit der grauen Shuttle-Linie geht es weiter zu Grand Central. Die Bahnhofshalle ist ein architektonisches Meisterwerk. Im Untergeschoss hängen so genannte Lichtboxen für Foto-Kunst. Zurzeit sind das Aufnahmen vom Grand Central der 1950er-Jahre - die erste Ausstellung des 77-jährigen Boris Klapwald. An insgesamt fünf Haltestellen gibt es solche Lichtboxen mit unterschiedlichen Foto-Ausstellungen, zusätzlich zu all den fest installierten Kunstwerken. "Wenn wir Stationen schaffen, die schön sind, wo auf Gestaltung und Bauweise geachtet wird, fühlen die Menschen sich sicherer", sagt Amy Hausmann. "Menschen, die Kunst in ihrer Haltestelle haben, machen sich diese wirklich zu Eigen und lieben die Kunst, die sie jeden Tag sehen."

Von Grand Central bis zur 59. Straße

Elizabeth Murrays Mosaik 'Blooming' erstreckt sich über alle vier Wände des Raums. (Foto: Aarni Kuoppamäki)

'Blooming' von Elizabeth Murray

Noch einmal umsteigen: Zwischen den Bahnsteigen der Linien 4 bis 6 spielt eine Latin-Band. An anderen Tagen gibt es auch Hip-Hop, Reggae, Klassik und sogar Musik, die mit einer Säge gemacht wird. Dass hin und wieder eine U-Bahn durch den Refrain rumpelt, gehört einfach dazu. Unter der digitalen Haltestellenanzeige eines Waggons hängt ein breites Poster des Illustrators und Autoren Chris Gall. Es zeigt eine U-Bahn, die zugleich Fisch ist und über New York schwebt wie ein Zeppelin. Diese Poster, die jedes Jahr neu in Auftrag gegeben werden, sind die vierte Sparte des Programms Arts for Transit neben festen Installationen, Fotografie und Musik.

Die Fahrt endet an der Lexington Avenue, Ecke 59. Straße. Der Aufstieg zum Central Park führt vorbei an Elizabeth Murrays träumerischem Mosaik mit dem Titel „Blooming". Da steht ein Zitat der Dichterin Gwendolyn Brooks: „Betreibe dein Blühen im Lärmen und Peitschen des Wirbelwinds." Wer als Künstler in der Hektik der New Yorker U-Bahn arbeitet, ist hierbei wohl allen anderen einen Schritt voraus.

Autor: Aarni Kuoppamäki

Redaktion: Petra Lambeck

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