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Welt

Kundgebung für Mladic endet in Gewalt

In Serbien laufen die Nationalisten Sturm gegen die Auslieferung ihres Ex-Militärführers Mladic an den Internationalen Strafgerichtshof. Mit der Entscheidung der Belgrader Justiz wird schon in Kürze gerechnet.

Demonstranten mit Fahnen (Foto: DW)

Tausende serbische Nationalisten verlangten die Freilassung Mladics

Für die Nationalisten ist Ratko Mladic weiter ein "Volksheld", ein "Patriot" und Kämpfer für "Großserbien": Die Wut der serbischen Nationalisten über die Verfolgung ihres Idols durch das westliche Ausland, aber auch über die eigene Regierung, war groß und mündete am Sonntag (29.05.2011) in Belgrad in Straßenschlachten mit der Polizei.

Polizist mit Helm drückt gefesselten Demonstranten auf den Boden (Foto: AP) Foto: ap

Belgrader Polizei griff hart gegen Demonstranten durch

Einen Tag vor der möglichen Entscheidung der Belgrader Richter für eine Überstellung Mladics an das UN-Tribunal in Den Haag eskalierten Gewalt und Chaos in der serbischen Hauptstadt. Bei der Demonstration für die Freilassung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers flogen Steine und Feuerwerkskörper auf die Polizei und wurden Schaufenster eingeschlagen. Wenn der Aufmarsch mit einigen tausend Teilnehmern auch kleiner ausfiel als erwartet, kam es anschließend doch zu blutigen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht. Die Polizei sprach von Verletzten auf bei den Seiten und berichtete von 70 Festnahmen. Die Demonstranten sangen nationalistische Lieder und trugen Spruchbänder und Plakate zu Ehren Mladics.

Serbische Regierung als "Verräter" angeprangert

"Kooperation mit dem Haager Tribunal ist Hochverrat", prangerte die radikale Partei den Kurs der Belgrader Regierung an. Gefordert wurde der Rücktritt von Präsident Boris Tadic, der Mladics Festnahme angeordnet hatte und als führender Vertreter einer prowestlichen Politik gilt.

Im Osten Bosniens versammelten sich rund 3000 Sympathisanten Mladics in der Stadt Kalinovik. Sie marschierten anschließend in das Dorf Bozanici, um dort zu jener Hütte zu pilgern, in der der Ex-General einst geboren wurde.

Anwalt: "Mladic würde Auslieferung nicht überleben"

Mladic wird von Polizisten ins Gericht geführt (Foto: AP)

Der festgenommene Mladic wird den Belgrader Richtern vorgeführt

Im Auslieferungsverfahren wurde an diesem Montag der Einspruch der Mladic-Anwälte erwartet. Nach Eingang eines entsprechenden Schriftstücks könnten drei Richter endgültig über die geplante Überstellung an das UN-Tribunal in Den Haag entscheiden. Formell ist dann noch die Unterschrift der Justizministerin notwendig.

Mladics Verteidiger Milos Saljic machte nun geltend, sein Mandant werde einen Transport in die Niederlande nicht überleben. Mladic sei schwer krank und werde im Falle einer Auslieferung vor Prozessbeginn sterben. Saljic bat um mehrere Ärzte, die den 68-Jährigen untersuchen sollten.

Serbische Zeitungen veröffentlichten dagegen die Diagnose eines fünfköpfigen Medizinerteams, derzufolge Mladic fähig wäre, einem Gerichtsverfahren zu folgen und den Prozess durchzustehen. Er leidet nach Darstellung der Ärzte unter den Folgen eines früheren Schlaganfalls und eines Herzinfarktes.

Mladic schiebt alle Schuld auf Milosevic

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte Mladic bislang die Schuld für die ihm vorgeworfenen Gräueltaten dem früheren Präsidenten Slobodan Milosevic zugeschoben - und den Serben, die diesen gewählt hätten. Milosevic war 2006 während des Prozesses vor dem Tribunal im Gefängnis in Den Haag gestorben.

Mladic, der frühere General der bosnischen Serben, war 1995 vom Kriegsverbrechertribunal unter anderem wegen des Massakers von Srebrenica mit 8000 Toten angeklagt worden. Es war das schlimmste Massaker auf europäischem Boden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Bei seiner fast 16 Jahre langen Flucht konnte er sich auf zahlreiche Unterstützer verlassen.

Deckung auch durch Ex-Regierungschef Kostunica

Nach Berichten der kroatischen Zeitung "Jutarnji" soll auch der frühere serbische Regierungschef Vojislav Kostunica jahrelang die Ergreifung Mladics verhindert haben. Seit 2006 habe man in Belgrad genau gewusst, wo diese sich versteckt hielt, schreibt das Blatt unter Berufung auf Depeschen der US-Botschaft in Serbien, die von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht wurden. Erst unter der neuen Regierung und dem noch amtierenden Präsidenten Tadic habe die Fahndung ernsthaft begonnen.

Autor: Siegfried Scheithauer (rtr, dapd, dpa)
Redaktion: Julia Elvers-Guyot

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