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Asien

Kulturszene streitet über Umgang mit China

Kurz nach der Eröffnung der deutschen Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Pekings neuem Nationalmuseum wurde der bekannte chinesische Künstler Ai Weiwei verhaftet. Und in Deutschland ist eine heftige Debatte entbrannt.

Der Künstler Ai Weiwei (Foto: dapd)

Seit dem 3. April verschwunden: Ai Weiwei

Ai Weiwei hat sich zum Anwalt der Aufklärung gemacht: Indem er sich den Mund nicht verbieten ließ. Indem er ganz direkt nach dem Erdbeben vor drei Jahren in der Provinz Sichuan Aufklärung betrieb zur Frage: Warum sind so auffallend viele Schulen eingestürzt? Indem er sich nicht das Recht nehmen ließ, sich auf chinesische Gesetze zu berufen und offene Diskussionen zu führen. Die Verhaftung des streitbaren Künstlers am 3. April hat in Deutschland besonderes Aufsehen erregt - nicht zuletzt deshalb, weil drei große deutsche Museen gerade eine über Jahre vorbereitete Ausstellung zur "Kunst der Aufklärung" in dem von deutschen Architekten neu gebauten chinesischen Nationalmuseum eröffnet hatten.

Aufklärung, das Zeitalter der Kritik

Gottlieb Schick Porträt der Heinrike Dannecker, 1802 © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jörg P. Anders

Die "Kunst der Aufklärung" zeigt Bilder der Epoche

Die Ausstellung zeigt unter anderem die Schuhe des Philosophen Immanuel Kant. Der hatte die Epoche der Aufklärung definiert als das "eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss". Anspruch auf Achtung hat nach Kant nur, "was freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können". Zur Eröffnung der Ausstellung war auch Außenminister Guido Westerwelle angereist. Weil Ai Weiwei direkt nach Westerwelles Abreise verhaftet wurde, fühlt sich die deutsche Seite nun besonders brüskiert. Bevor er beim chinesischen Botschafter in Berlin gegen die Verhaftung Ais protestierte, hatte Westerwelle den kulturellen Dialog mit China über die Ausstellung noch einmal verteidigt: "Der Vorgang um den Künstler Ai Weiwei zeigt auch, wie relevant diese Ausstellung und ihre politische Botschaft sind." Auch das Begleitprogramm der Schau sei gerade jetzt notwendig für China.

Für die Planung dieses Begleitprogramms unter dem Titel "Aufklärung im Dialog" war unter anderem der Erlanger Sinologe Michael Lackner verantwortlich. Lackner fordert angesichts der Verhaftung Ai Weiweis von Deutschland ein klares Zeichen. Das könnte auch in der Rücknahme der Ausstellung bestehen. Vor allem aber fordert Lackner die Ausstellungsverantwortlichen auf, Mut zu zeigen. Mut, derartige Überlegungen wenigstens in den Raum zu stellen.

Kulturellen Dialog fortsetzen

Guido Westerwelle drückt Chinas Vizepremier Li Keqiang die Hand ( Foto: AP)

Einen Tag nach Westerwelles Händedruck mit Chinas Vizepremier Li Keqiang wurde Ai Weiwei verhaftet

Der deutsche Kulturbetrieb diskutiert erbittert über die Frage, was Auswärtige Kulturpolitik in autoritären Ländern wie China kann, darf und soll. Die deutsche Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller etwa kritisierte die Schau in Peking mit scharfen Worten. Gegenüber dem Nachrichtenmagazin "Focus" äußerte Müller die Vermutung, die deutsche Kulturpolitik würde "regelrecht winseln um die Anerkennung Chinas".

Die Direktoren der drei an der Pekinger Ausstellung beteiligten Museen wiederum werben in den deutschen Medien offensiv um die Fortsetzung der Ausstellung und den Dialog mit China. Ähnlich sieht es Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Er fordert aber gleichzeitig öffentlichen und internationalen Druck auf Peking, um eine Freilassung Ai Weiweis zu erreichen.

Künstler Ai Weiwei freilassen

Hans-Olaf Henkel, ehemaliger BDI-Präsident (Foto: picture-alliance/ZB)

Hans-Olaf Henkel ist von Deutschlands Wirtschaft enttäuscht

Diese Haltung vertritt auch der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie. Hans-Olaf Henkel hat Vertreter aus Politik und Wirtschaft aufgefordert, sich für die Freilassung Ai Weiweis einzusetzen. Auf Reaktionen von Seiten der Wirtschaft wartet er bislang vergeblich. Das ist für den langjährigen Amnesty-International-Unterstützer Henkel nicht nur enttäuschend, sondern auch kurzsichtig. Im Gespräch mit der Deutschen Welle betont er nachdrücklich seine Erfahrung. "Das Eintreten für die Menschenrechte - auch vor Ort - im klaren, richtigen Ton schadet der deutschen Wirtschaft nicht."

Auch der deutsche China-Kenner und Berater der Bundesregierung, Tilman Spengler, stellt süffisant fest, das Eintreten für die Menschenrechte sei wohl nicht die oberste Priorität in der China-Politik deutscher Unternehmen. Spengler war - obwohl er auf der Gästeliste von Außenminister Westerwelle stand - von der chinesischen Seite die Einreise für die Ausstellungseröffnung verweigert worden. Und das neun Stunden vor Abflug. Für Spengler selbst kam das nicht überraschend. "Ich habe auf dem Kongress des PEN im November letzten Jahres die Laudatio auf den Bürgerrechtler und späteren Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gehalten", berichtet er. Und diese Tatsache habe in Peking "offenbar irgendwelche Leute verstimmt".

Für Spengler ist die Ausstellung zur Aufklärung wichtig - gerade jetzt, gerade an ihrem Ort: Dem Platz des Himmlischen Friedens. Dort wurde 1989 die chinesische Demokratiebewegung gewaltsam niedergewalzt. Den Sinologen freut es, dass man genau dort "auf einen Teil von kultureller Weltgeschichte hinweist, die anders geschrieben worden ist als mit Blut: nämlich mit den Spuren des Verstandes".

Autor: Matthias von Hein

Redaktion: Klaus Dahmann / Ana Lehmann

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