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Kultur

Kulturprägend: Zum Tode Helmut Kohls

Als Politiker baute er das Haus Europas. Als Kulturmensch, der Helmut Kohl auch war, veränderte er das Gesicht Deutschlands. Ein Rückblick.

Der Designer Jens Henning zeichnete Kohl 1998 in Andy Warhol-Manier. Foto: picture-alliance/dpa

Der Designer Jens Henning zeichnete Kohl 1998 in Andy Warhol-Manier

Mal wurde er als "Birne" unterschätzt, mal hielten Kritiker ihm "Provinzialismus" vor. Zu Beginn seiner Kanzlerschaft ergossen sich Spott und Häme über Helmut Kohl. Als 16 Jahre später, am Ende  der Amtszeit (1982 - 1998), ein Feuilletonist der Süddeutschen Zeitung titelte: "Seine Kulturhoheit, der Kanzler", klang das wie eine Mischung aus Ironie und Respekt: Immerhin hatte Kohl seiner Bundesregierung die Kulturstaatlichkeit Deutschlands ins Stammbuch geschrieben und die Kulturausgaben des Bundes verdreifacht!

Kohl war Pfälzer und Historiker. Was er schon im Studium lernte - Kultur und Geschichte seien untrennbar - prägte sein politisches Handeln. "Für ihn ist Kultur die Summe einer sinn- und wertorientierten Lebensordnung und Lebensdeutung eines Volkes einschließlich seiner Geschichte und seines Lebensraumes", resümierte der Politologe und einstige Kohl-Berater Wolfgang Bergsdorf in einem Aufsatz für die Konrad Adenauer-Stiftung. "So erhält Kohls Kulturbegriff auch die Dimensionen der Orientierung und der Selbstvergewisserung".

Nordrhein-Westfalen Bundeskunsthalle in Bonn (picture-alliance/dpa)

Entstand auf Anregung Helmut Kohls: Die Bundeskunsthalle in Bonn

Gekränkt vom Spott der Intellektuellen

Als "vergangenheitsbestimmt und traditionsverwurzelt" charakterisiert der Publizist und Politikwissenschaftler Norbert Seitz das Gesellschaftsbild Helmut Kohls. "Kohls Bild von Kultur war sehr schlicht, aber immerhin war er gesprächsbereit." Mit seiner Museumspolitik habe er Zeichen gesetzt und die Kulturlandschaft Deutschlands verändert. Und: "Kohls Kulturpolitik hatte Gott-sei-Dank nichts mit dem zu tun, was er die 'Geistig-moralische Wende' nannte". Der Spott von Intellektuellen habe ihn tief gekränkt. "Zurückgeschlagen hat er mit dem Pfund der Deutschen Einheit im Gepäck", so Seitz, der ein vielbeachtetes Buch über die "schwierige Beziehung" der deutschen Kanzler zu den Künsten geschrieben hat. Helmut Kohl stehe für das schwierige Verhältnis von Geist und Macht. 

Schon als Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz (1969-1976) schöpfte Kohl die kulturpolitischen Kompetenzen aus, die laut Grundgesetz bei den Bundesländern liegen. "Unter Kohls Ägide wurden die Zwergenschule abgeschafft, die konfessionelle Schulen reduziert, neue Hochschulen gegründet", erinnert die Konrad-Adenauer-Stiftung auf ihrer Webseite. Schon 2004 hielt die CDU-nahe Stiftung Gesprächsreihen ab, um die politischen Nachwirkungen der "Ära Kohl" zu ergründen. Kohls Landesregierung baute die Künstlerförderung aus und pflegte das Erbe des Künstlers Max Slevogt und des Schriftsteller Carl Zuckmayer. Beide stammten aus der Region. Kohl persönlich brachte Marc Chagall dazu, die Kirchenfenster von St. Stephan in Mainz zu gestalten. Doch auch der vom Verfall bedrohte Künstlerbahnhof Rolandseck bei Remagen verdankt Kohl seine Rettung. Das Hambacher Schloss schließlich, Symbol der deutschen Demokratiebewegung, wurde auf Betreiben Kohls restauriert.

Künstlerbahnhof Rolandseck wieder geöffnet (picture-alliance / dpa/dpaweb)

Verdankt Helmut Kohl seine Rettung: der Künstlerbahnhof Rolandseck bei Bonn

Baumeister der Nation

Kaum im Kanzleramt, schlug Kohl neue Pflöcke für die Kultur ein: Er erklärte den Bau einer Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn zum Regierungsprogramm. Er kündigte die Errichtung des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin an. Ein Haus der Geschichte sollte in Bonn entstehen. Längst sind alle drei Häuser gebaut, keines aus der deutschen Museumslandschaft weg zu denken. Er wolle "keine regierungsamtliche Ästhetik oder Geschichtsschreibung durchsetzen", versicherte Kohl. Heute mutmaßt das ohnehin niemand mehr.

"Kohl erkannte die Notwendigkeit einer eigenen kulturpolitischen Rolle des Bundes - als erster Kanzler", bilanziert der Historiker und Kulturmanager Christoph Stölzl. Tatsächlich stieg der Kulturhaushalt des Bundes von 346 Millionen DM im Jahr 1982 auf 1,3 Mrd. im Jahr 1997. Kohl organisierte Gelder für Neugründungen und zugleich für die gesamtstaatlichen Kulturaufgaben. Dazu zählten die Forschungen des Leo-Baeck-Instituts zur Geschichte des deutschsprachigen Judentums ebenso wie die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte Deutschlands in der "Gedenkstätte Wannsee-Villa", der "Topographie des Terrors", einem "Allierten-Museum" und dem "Deutsch-russischen Museum Berlin-Karlshorst". "Helmut Kohl hat sich nie hinter föderale Unzuständigkeitsformeln zurückgezogen", betont Stölzl, "was de jure möglich gewesen wäre!"

Leuchtendes Bundeskanzleramt (picture-Alliance/dpa/S. Gollnow)

Das neue Bundeskanzleramt in Berlin - seinerzeit als Kohloneum und Kanzlerklo bespöttelt.

Zusammenbruch im Osten verhindert

Als "Kanzler der Einheit" war Kohl bemüht, den abrupten Zusammenbruch der kulturellen Einrichtungen in den neuen Bundesländern zu verhindern – was auch gelang. So wurden im Rahmen eines Substanzerhaltungsprogramms, eines Infrastrukturprogramms und eines  Denkmalschutzsonderprogramms zwischen 1991 bis 1993 rund 1,5 Milliarden Euro aufgewendet. Die "Übergangsfinanzierung Kultur" bewahrte Orchester, Theater, Museen vor der Schließung. Sie war Grundlage für die Rettung unzähliger historischer Bauwerke. Für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche machte Kohl sich persönlich stark. Das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas verdankt Kohl ebenso seinen konzeptionellen Durchbruch wie der Neubau des Kanzleramtes im Berliner Spreebogen. Der Volksmund gab dem von Axel Schultes und Charlotte Frank entworfenen Bau schon bald die Namen "Elefantenklo" oder "Kohlosseum".

Eigentlich sollte das Deutsche Historische Museum (DHM) an der Berliner Mauer errichtet werden, dort, wo heute das Bundeskanzleramt steht. Doch dann fiel die Mauer. Das DHM unter seinem Generaldirektor Christoph Stölzl zog in das Zeughaus Unter den Linden, platzte aber schnell aus allen Nähten. So wurde - auf Helmut Kohls Vermittlung, ohne öffentliche Ausschreibung und ohne Wettbewerb - der chinesisch-amerikanische Star-Architekt I. M. Pei für die Gestaltung eines Erweiterungsgebäudes engagiert.

Die Pieta als "Kohl-Witz"

Der Maler Albrecht Gehse vor seinem Porträt von Helmut Kohl. Foto: AP

Der Maler Albrecht Gehse vor seinem Kanzlerporträt von Helmut Kohl

Es war ein Coup, der Kohl Anerkennung wie Kritik einbrachte - ebenso wie Kohls Einsatz für die Neue Wache in Berlin. Lange war über die Gestaltung der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland gestritten worden. Auf Geheiß des Kanzlers wurde eine anrührende, kaum dreißig Zentimeter hohe Skulptur von Käthe Kollwitz zu einer mannshohen Bronzeplastik vergrößert. Diese sitzt nun seit November 1993 in dem Schinkel-Bau Unter den Linden - als "Kohl-Witz", wie Kritiker seinerzeit höhnten. Mit der Verhüllung des Reichstags im Sommer 1995 konnte Helmut Kohl sich überhaupt nicht anfreunden: Er hielt die Aktion des Künstlers Christo schlicht für "eine der größeren Blödheiten, die wir Deutsche uns leisten".

Im Berliner Kanzleramt hängt längst auch ein Porträt Helmut Kohls. Gemalt hat es der Leipziger Künstler Albrecht Gehse, ein Schüler Bernhard Heisigs. Kohl hat es selbst bezahlt. Das Bild zeigt, wie Ex-Museumsmann Christoph Stölzl einmal feststellte, den "Kopf eines Handwerkers, der zugleich ein Intellektueller ist."

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