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Kultur

Kulturk(r)ampf in Ramallah

Als Israel Ramallah besetzte, verließen viele Organisationen die Stadt. Das Goethe-Institut blieb. Ebenso das Centre Culturel Francais. Inzwischen arbeiten beide eng zusammen - unter schwierigen Bedingungen.

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Schwierige Arbeitsbedingungen für das Goethe-Institut

Das gemeinsame Gebäude des Goethe-Instituts und des Centre Culturel Francais in Ramallah aus hellem, regionaltypischem Jerusalemer Stein strahlt eine gewisse Unverletzbarkeit aus, gepaart mit Schlicht- und Wohlhabenheit. Es ist ein mehrstöckiges Gebäude mit deutsch-französischer Cafeteria, Bibliotheksräumen, Verwaltungsbüros mit freiem Blick über die Stadt und einem durchgestylten Medienraum mit graugelöcherten Stühlen nebst Videobeamer. Hier werden in regelmäßigen Abständen Filme u.a. des Kultursenders Arte gezeigt. "Es handelt sich dabei um Filme, die thematisch mit der Region zu tun haben, und um Kooperationen mit arabischen Ländern", erläutert der Leiter des Goethe-Institutes, Farid Majari.

Kulturzusammenarbeit mit Haken

Die Filmabende sind Teil einer ungewöhnlichen Kooperation: weltweit einmalig versuchen Franzosen und Deutsche im ersten Deutsch-Französischen Kulturzentrum, gemeinsam auswärtige Kulturpolitik zu machen. Sie teilen sich die Verwaltung, die Räume, die Veranstaltungen. Konzerte, aber auch der eine oder andere Kongress werden organisiert. "Deutschland und Frankreich waren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Erbfeinde. Nun arbeiten wir zusammen. Wir glauben, dass das auch ein Signal für diese Region setzen kann", sind sich die beiden Leiter Farid Majari und Gilles Kraemer einig.

Die konstruktive Kulturarbeit läuft allerdings nicht ohne europäische Don-Quichoterien ab. Vor allem die Unvereinbarkeit der Verwaltungsvorschriften der beiden Länder legt Steine in den Weg. "Die deutschen Sicherheitsbestimmungen sehen eine Sicherheitsschleuse am Eingang vor", lacht der Leiter des Centre Culturel Francais, Gilles Kraemer, "wir Franzosen hätten dort eigentlich gern ein Café - aber ohne Schleuse. Das ist doch ungemütlich." Zwei Monate Diskussion. Aus ähnlichen Gründen sind auch der Kinderraum und die Bibliothek noch nicht benutzbar. Monatelang wurde gerungen, ob die Bücher nun nach deutschen oder französischen Katalogschlüsseln eingearbeitet werden.

Nicht jeder darf fahren, wohin er will

Die Beschäftigung mit solch gepflegten Luxusproblemen zeigt aber auch: Die Lage in Ramallah ist friedlich, wenn auch weit von der Normalität entfernt. "Unsere Arbeit wird fürchterlich eingeschränkt", erzählt Farid Majari. "Einen großen Teil von Referenten, Künstlern, Wissenschaftlern können wir nicht einladen, weil sie von den Israelis kein Visum bekommen." Referenten aus Kuwait, dem Libanon oder Syrien würde die Einreise schlicht verweigert. Reisefreiheit ist ein generelles Problem. "Wenn wir eine Lehrerfortbildung machen wollen, dann müssen wir mit unseren deutschen Fachleuten einmal nach Bethlehem, einmal nach Jenin, einmal nach Nablus reisen, statt dass wir in Ramallah - in unserem Zentrum - eine Veranstaltung machen und die Deutschlehrer reisen die vierzig Kilometer aus Nablus an", beschreibt Majari die komplizierte Lage.

"Sonnenallee" auf Arabisch

Neben der willkürlichen Visa-Erteilung und den 52 Straßensperren im kleinen Westjordanland leidet die Kulturarbeit auch unter den Bücherrestriktionen der israelischen Besatzung: "Die Israelis erlauben nach uns vorliegenden Informationen nicht, arabischsprachige Bücher im grossen Maße einzuführen", klagt Majari. Man behilft sich: "Wir haben zum Beispiel den deutschen Roman 'Sonnenallee' ins Arabische übersetzt und drucken ihn als Fortsetzungsroman in der Zeitung 'Al Ajam' ab. Auf diese Weise sind auch in der Sowjetunion alle großen Romane an die Öffentlichkeit gelangt." Majari lächelt. In Zusammenarbeit mit "Al Ajam" will das Goethe-Institut nun regelmäßig Leser erreichen, die anders keinen Zugang zu deutschen Romanen erhalten können.

Doch wieso wird ausgerechnet "Sonnenallee" publiziert, eine Komödie über den Fall der Berliner Mauer? Ist es Sarkasmus oder Ironie deutscher auswärtiger Kulturpolitik dies in einer Zeit zu veröffentlichen, in der gerade eine neue Mauer gebaut wird? Oder ist das Interesse der palästinensischen Öffentlichkeit daran einfach ein Ausdruck der Entpolitisierung weiter Teile der palästinensischen Gesellschaft? Auf diese Frage hat Majari keine Antwort. Leiter deutscher Kulturinstitute enthalten sich politischer Stellungnahmen.

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