Kulturhauptstadt Leeuwarden lockt mit Kühen und Kultur | DW Reise | DW | 29.01.2018
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Reise

Kulturhauptstadt Leeuwarden lockt mit Kühen und Kultur

Lassen sich europäische Probleme mit Kultur und Träumen lösen? Die Menschen in und um Leeuwarden glauben fest daran. Ein Streifzug durch die Kulturhauptstadt im Norden der Niederlande.

"Das Wichtigste an Friesland sind eigentlich die schwarzbunten Kühe", sagt Piter Renia lächelnd. "Und dann kommt die Kultur." Der knorrige Friese mit Rauschebart spielt darauf an, dass die Milchwirtschaft immer noch prägend ist für die Region und die Menschen sehr stolz auf ihre Kühe und ihre kaltblütigen friesischen Pferde sind. Renia ist Lehrer und hat in vier Dörfern rund um Leeuwarden Laien-Theateraufführungen organisiert. "Ich liebe Friesland und die Menschen hier", schwärmt er. "Die sind sehr enthusiastisch." 

In mehr als dreißig Dörfern wird im Laufe des Jahres am Kirchturm unter freiem Himmel Theater gespielt. Mit 100 friesischen Pferden soll im Sommer Theodor Storms "Schimmelreiter" am Deich aufgeführt werden. "Das ist Kultur von unten. Das ist ein Gemeinschaftswerk", meint der freiwillige Helfer Piter Renia, der sich stolz "Botschafter des Kulturhauptstadtjahres" nennen darf.

Piter Renia (DW/B. Riegert)

Stolzer "Botschafter des Kulturhauptstadtjahres": der Lehrer Piter Renia

Kleine Kunst und große Projekte

Neben der Kunst im Kleinen gibt es rund 60 große Projekte in Leeuwarden und der Provinz Friesland. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Verbindung zwischen Meer und Land. Im Sommer sollen großflächige Installationen internationaler Künstler auf den grasüberzogenen langen Deichen entstehen, die Friesland vom grauen Wattenmeer trennen.

"Leeuwarden soll Träume wagen, Aktionen wagen und mutig seine Andersartigkeit zeigen", meint Tjerrd van Bekkum. Er ist der Programmmanager für das Kulturhauptstadtjahr in Leeuwarden. "Kunst und Kultur sind das Rückgrat der Gesellschaft. Das zeigen wir mit den Menschen und durch die Menschen. Wir haben ein Programm, eine Philosophie, eine Mission, anderen Regionen zu zeigen, wie man das macht." Die Menschen sollen sich durch die Kultur vernetzen, damit sie sich auch alltäglicher Probleme wie dem Umweltschutz, der industriellen Landwirtschaft oder dem Klimawandel gemeinsam annehmen können.

Das wünscht sich auch die künstlerische Leiterin der Eröffnungsveranstaltungen, Ira Judkovskaja. "Ich hoffe, die Besucher fühlen sich hier verbunden. Verbunden mit anderen Menschen, aber auch mit anderen Teilen Europas. Dieses Gefühl der Offenheit sollten sie nach Hause tragen."

Leeuwarden hat sich fein gemacht. Es gibt die typischen Grachten, schön renovierte barocke Giebel, glänzend goldene Löwen in den Stadtwappen und einen schiefen Kirchturm, der Vergleiche mit Pisa herausfordert. Die Stadt ist lebhaft und bunt. Rund ein Fünftel der 100.000 Einwohner studiert.

Käsehändler Anton Klapwyk in seinem Käseladen (DW/B. Riegert)

Käsehändler Anton Klapwyk wirbt mit Mata-Hari-Käse

Käse ist Kultur

Der Chef eines Käseladens, Anton Klapwyk, freut sich über die vielen neuen Besucher, die die Kultur anlockt. "Wir merken das jetzt schon, selbst im Januar. Die Buchungen für den Sommer gehen durch die Decke." Anton Klapwyk ist auf den Kulturzug aufgesprungen und hat Leeuwarden auf einem Plakat auch gleich zur europäischen Käsehauptstadt 2018 ausgerufen. Nicht ganz legal, aber trotzdem. Er bietet einen speziellen Mata-Hari-Käse an. Ob die berühmte Tänzerin und Spionin aus Leeuwarden, die vor 100 Jahren hingerichtet wurde, überhaupt Käse mochte, ist allerdings nicht überliefert.

Hans Groeneweg im Friesland-Museum in Leeuwarden (DW/B. Riegert)

Kurator Hans Groeneweg will nicht alle Geheimnisse um Mata Hari lüften

Mata Hari, die als Margaretha Geertrudia Zelle 1876 geboren wurde, hat das Fries Museum eine schicke multimediale Ausstellung gewidmet. "Wir wollen die verlorene Tochter zurück in die Stadt holen. Sie wurde hier geboren, ging in die Fremde machte eine Karriere außerhalb Frieslands. Sie reiste durch ganz Europa, tanzte, spionierte. Sie war eine echte europäische Künstlerin. Sie war ein Popstar. Darum gehört sie zur Kulturhauptstadt", erklärt Hans Groeneweg, der Kurator der Ausstellung "Der Mythos und das Mädchen". Ein Teil der Legenden um Mata Hari sei aufgeklärt, aber nicht alle. "Wir wissen nicht alles, aber das ist gut so. Mata Hari sollte einige Geheimnisse behalten", meint der Kurator.

Niederlande Leeuwarden Europäische Kulturhauptstadt (DW/B. Riegert)

Eröffnungsshow am 27. Januar: Friesisch nasskaltes Wetter tut dem Jubel keinen Abbruch

"Wir sind alle sehr stolz hier"

Ein bereits sichtbares Projekt sind die elf großen Brunnen, die in den elf Städten Frieslands stehen. Am Bahnhof von Leeuwarden empfangen zwei vier Meter hohe weiße Kinderköpfe, die träumend in einer Dampfwolke schweben, die Besucher. An diesem Brunnen treffen wir den Bürgermeister von Leeuwarden, Ferd Crone. "Ich bin sehr stolz. Wir sind alle sehr stolz hier. Wir sind jetzt in den Schlagzeilen in ganz Europa." Stolz ist nicht nur der Bürgermeister. Auch die Friesen, die wir bei der Eröffnungsfeier am Wochenende treffen, sind sehr stolz auf den Titel und die kommenden Aktionen. "Wir wollen Themen wie Umweltzerstörung, Biodiversität oder Armut mit kulturellen Interventionen anpacken. Das sind alles europäische Probleme und wir wollen sie durch Träumen lösen. Die Künstler helfen uns, die Welt anders zu sehen. Wir wollen über unsere Zukunft träumen", beschreibt Bürgermeister Crone die Stimmung.

König Willem-Alexander zieht an einem Seil (DW/B. Riegert)

König Willem-Alexander läutet in Leeuwarden das Kulturjahr ein

Als dann bei der Eröffnungsfeier der König der Niederlande, Willem-Alexander, höchstpersönlich ein Glockenseil zieht, um das Kulturjahr einzuläuten, ist Bürgermeister Crone seelig. Und nicht nur er. Ein Besucher sagt, dass der König im Prinzip nach Hause gekommen sei, denn der friesische Zweig der Königsfamilie habe seinen Ursprung in Leeuwarden. "Ja, wir Friesen sind schon ein stolzes Kulturvolk, eigenständig, aber offen", sagt Bürgermeister Crone. Man sei stolz auf diesen Menschenschlag, die friesischen Pferde, und, ja, natürlich auch auf die Kühe.

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Europäische Kulturhauptstadt 2018

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