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Kultur

Kulturgeragogik – eine neue Wissensdisziplin

Mit einer Wortneuschöpfung geht im Mai ein Weiterbildungsprojekt an den Start, das auf den demografischen Wandel reagiert: "Kulturgeragogik" soll die künstlerische Arbeit mit Senioren professionalisieren.

Graffiti-Kurs im Rahmen einer Aktionswoche für Kreativität im Alter in Remscheid. Veranstalter war das Institut für Bildung und Kultur in Remscheid. (Copyright: Stephan Eichler)

Kreativität im Alter: Graffiti-Kurs

Mit einem neuen Weiterbildungsangebot reagieren die Fachhochschule Münster und das Institut für Kultur und Bildung an der Akademie Remscheid auf den demografischen Wandel unserer Gesellschaft: Sie entwickeln Konzepte für die kreative Arbeit mit älteren Menschen. Dafür haben sie bewusst den Begriff "Kulturgeragogik" gewählt, in Abgrenzung von der "Kulturpädagogik", weil sie dieses Wort nicht passend fanden, erzählt Kim de Groote vom Institut für Kultur und Bildung, weil hier nicht Kinder und Jugendliche im Fokus des Interesses stehen. "Geragogik" kommt zwar von Pädagogik, aber darin steckt auch die Gerontologie, die Lehre vom Alter. "Und ältere Menschen", sagt Hans Hermann Wickel von der Fachhochschule Münster, "müssen didaktisch anders behandelt werden als jüngere, weil sie auch in ihrem Lernverhalten und in ihren Bedürfnissen anders sind."

Große Nachfrage, kleines Angebot

Für viele Menschen, die in den Ruhestand gehen, gewinnen Kunst und Kultur einen neuen Stellenwert, sie wollen die gewonnene Freizeit kreativ nutzen. Außerdem finden kulturelle Aktivitäten häufig in Gemeinschaft statt – die Beschäftigung mit Kunst bietet also die Möglichkeit, Gleichgesinnte kennenzulernen und neue Kontakte zu knüpfen. Kim de Groote stellt allerdings fest, dass das Angebot an Kreativkursen für Ältere kleiner ist als die Nachfrage. Außerdem hört sie häufig Klagen über den Mangel an Qualität. Den Grund sieht sie darin, dass viele Kulturpädagogen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ausgebildet sind: "Und wenn sie dann die neue Zielgruppe der Älteren entdecken, wissen sie zunächst einmal gar nicht, was mache ich da überhaupt für Angebote, was kommt bei den Menschen an, was interessiert die Leute?"

Musikalische Angebote in Heimen

Polyphonie: Gesangsprojekt für ältere Menschen des Instituts für Bildung und Kultur in Remscheid in Zusammenarbeit mit den Duisburger Philharmonikern. (Copyright: Stephan Eichler)

"Polyphonie": Gesangsprojekt für ältere Menschen

Allerdings geht es nicht nur darum, was angeboten wird – vielfach geht es vor allem um das wie. Hans Hermann Wickel ist Musiker und Musikwissenschaftler und hat sich auf den Einsatz von Musik in der sozialen Arbeit spezialisiert. Vor etwa zehn Jahren hat er musikalische Arbeit mit älteren Menschen zum Schwerpunkt seiner Forschung und Lehre als Professor an der Fachhochschule Münster gemacht: "Wir haben uns gesagt, es muss ein Angebot geben, mit älteren Menschen musikalisch zu arbeiten. Es ging also darum, eine Didaktik des Musiklernens für ältere Menschen zu entwickeln." Damit hat die Fachhochschule Münster Neuland betreten. Doch nicht nur mit der Entwicklung einer spezifischen Didaktik hat sie eine Vorreiterrolle eingenommen, sondern auch mit einem kulturpolitischen Vorstoß in die Sozialarbeit. Zunächst ging es in der Musikgeragogik in Münster darum, Pflegekräfte musikalisch und didaktisch auszubilden, um Musik in Seniorenheimen zu etablieren.

Geragogik bedeutet Dialog

Zunehmend kamen aber auch Anfragen von Musikpädagogen, weil Musikschulen inzwischen auch Kurse für ältere Menschen anbieten, aber der Unterricht häufig zu Missverständnissen und Frustrationen führt. Erwachsene stellen andere Ansprüche, wie Hans Hermann Wickel erläutert: "In der Geragogik geht man wesentlich stärker von den Bedürfnissen des Lernenden aus, von seinen Bedingungen. Bei Kindern ist das klar, da kann man ein Curriculum aufstellen: Was soll das Kind lernen? Wie soll es das lernen? Beim älteren Menschen wird das viel mehr dialogisch ausgehandelt. Was möchte er lernen? Welche Kompetenzen bringt er mit? Welche Ressourcen hat er noch? Und vor allen Dingen muss man eben seine gesamte musikalische Biografie, seine musikalische Sozialisation berücksichtigen. Denn im Unterschied zum Kind hat der ältere Mensch jede Menge musikalische Erfahrung. Er hat unglaublich viel Musik gehört."

Kulturangebote für Menschen mit Demenz

Was in der Musikgeragogik entwickelt wurde, soll jetzt in der Weiterbildung Kulturgeragogik auf andere Kunstsparten ausgeweitet werden. Wichtig ist dabei vor allem, flexible Konzepte zu entwickeln. Denn: Die sogenannte Zielgruppe der Alten gibt es nicht. Wer jetzt in den Ruhestand geht und ein Instrument lernen möchte, hat andere Voraussetzungen und Bedürfnisse als jemand, der bettlägerig ist und in einem Heim lebt. Die Fachhochschule Münster entwickelt auch musikalische Angebote für Menschen mit Demenz. Und jetzt schon bieten Kunsttherapeuten Museumführungen an, bei denen Tasten und Fühlen im Mittelpunkt stehen. In der Weiterbildung Kulturgeragogik in Münster soll ein breites Angebot für alle Kunstsparten entwickelt werden.

Autorin: Christel Wester

Redaktion: Gudrun Stegen

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