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Europa

Kulturelle Vielfalt im deutschen Theater

Auf deutschen Bühnen sind kaum Theaterstücke zu sehen, die sich mit Erfahrungen von Migranten auseinandersetzen. Ein Theater im Ruhrgebiet möchte das ändern: mit einem Wettbewerb für Autoren mit Migrationshintergrund.

Die Teilnehmer diskutieren über ein Manuskript (Foto: Volker Beushausen)

Die Teilnehmer diskutieren über ein Manuskript.

Sie ist jung, attraktiv und gebildet. Auf der Suche nach dem richtigen Partner geht die Deutsch-Türkin Hürmüz mit sieben potentiellen Kandidaten aus. Einer von ihnen - der Deutsche Stefan - bezeichnet sie als "Türkin, die nicht weiß, wohin sie gehört". Sie selbst sieht sich als deutsch geprägt. "Aber die Deutschen tun immer so, als wenn wir Ausländer uns nicht anpassen wollten. Und weil das so wehtut, bin ich lieber türkisch. Doch da passe ich nicht wirklich rein", reflektiert die Hauptfigur der Komödie "Sieben Männer für Hürmüz".

Autorin ist die türkischstämmige Journalistin Tanya Zeran - und mit ihrem ersten eigenen Theaterstück ist die Berlinerin schon fast fertig. Einmal im Monat trifft sie sich am Wochenende mit acht anderen Teilnehmern des Projekts "In Zukunft" am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel. Gemeinsam entwickeln sie ihre Manuskripte. Eines davon wird im Herbst an diesem Theater im Ruhrgebiet uraufgeführt, alle anderen sollen die Perspektive der Migranten schon im Juni als szenische Lesungen auf deutsche Bühnen bringen.

Transnationale Identitäten

Tanya Zeran (Foto: Volker Beushausen)

Tanya Zeran

"Ich glaube, es wird am Anfang immer einen positiven Hype geben, die Leute werden die neuen Stücke mögen", sagt Tanya Zeran. "Ich hoffe, dass es in zehn Jahren aber eine Selbstverständlichkeit sein wird, dass auf deutschen Bühnen Stücke von Autoren mit Migrationshintergrund inszeniert werden." Und dass niemand mehr über Migranten so spricht, "als würden sie überhaupt nicht dazugehören, als wären sie eine Art Außerirdische."

Wenn verschiedene Kulturen in einer Person zusammentreffen, gibt es besonders viel zu erzählen, meint Workshop-Teilnehmer Michael Küppers-Adebisi: "Menschen, die in Bewegung sind, die in interkulturellen, transkulturellen Dimensionen leben, arbeiten und denken, haben mehrere Inhalte zu vermitteln und mehrere Arten zu kommunizieren, als das monokulturelle Ansätze bedingen", sagt der mehrfach preisgekrönte Autor. "Von daher haben solche Menschen sehr viel, was sie beitragen können zur gesellschaftlichen Entwicklung."

In seinem philosophischen Drama "Der Reichstag/Kafka in the Mix" reflektiert der Deutsch-Jamaikaner Michael Küppers-Adebisi über transnationale Identitäten.

"Sowohl als auch" statt "Entweder – Oder"

Maxi Obexer (Foto: Volker Beushausen)

Maxi Obexer

Workshop-Leiterin Maxi Obexer schätzt diese neuen Perspektiven der Autoren. Sie betreut sie dramaturgisch und gibt ihnen Tipps, wie sie Szenen und Figuren lebendiger wirken lassen können. Besonders wichtig ist für die Schriftstellerin und Professorin für Szenisches und Kreatives Schreiben, was hinter dem Projekt steckt: "Es ist die Vision, dass mehrere Identitäten, mehrere Herkünfte in eine Person gehören können, ohne dass sie sich auf eine ausschließlich reduzieren müsste."

Von einem 'Entweder - Oder' wollen die Migranten nichts wissen - es gehe eher um ein 'Sowohl als auch'. Und das zu Recht, meint Theaterfrau Obexer und stärkt den Autoren den Rücken: Es sollte selbstverständlich sein, sich als Deutscher und als Türke zu sehen. Und über Deutsche und Türken zu schreiben.

Genau das tut Sinan Akkus in seiner Komödie "Evet, ich will": "Es geht um verschiedene Liebespaare, die heiraten wollen, aber eine Menge Probleme mit den Eltern haben, die gegen die Ehe sind – zum Beispiel zwischen Deutschen und Türken, zwischen religiösen und nicht religiösen Menschen und auch zwischen zwei Homosexuellen", erklärt der türkischstämmige Filmemacher und Schauspieler.

Vom Film zum Theater

Sinan Akkus (Foto: Volker Beushausen)

Sinan Akkus

In seinem gleichnamigen Film "Evet, ich will" spielen über 40 Schauspieler mit - doch für die Bühne muss Sinan Akkus ihre Anzahl stark reduzieren. Dazu hat ihm Christian Scholze geraten. Er ist der Theaterregisseur, der das Gewinnerstück des Autoren-Wettbewerbs am Westfälischen Landestheater inszenieren wird. In den Workshops erlebt Christian Scholze, wie die Stücke entstehen und wie die Gruppe darüber diskutiert: "Ich find es sehr schön, dass sich die Autorinnen und Autoren untereinander mögen und unterstützen, dass gar kein Konkurrenzdenken da ist, sondern alle kämpfen mit - und es geht um alle Stücke!"

Im Juni entscheidet eine Jury von Kulturschaffenden, Lektoren und Literaturwissenschaftlern darüber, welches der neun Stücke im Oktober Premiere feiert. Ein Gewinner steht schon fest: Die deutsche Theaterlandschaft, die neue Perspektiven auf die Lebenswelten zwischen den Kulturen entdeckt.