″Kulturelle Identität gibt Menschen ein Zuhause″ | Lebensart | DW | 02.01.2017
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Lebensart

"Kulturelle Identität gibt Menschen ein Zuhause"

Der Döner gehört zu Deutschland wie die Bratkartoffel, meint der Kulturwissenschaftler Peter W. Marx im DW-Interview. Er glaubt an eine europäische Identität - auch wenn diese vielen Europäern gar nicht bewusst sei.

Mit dem offiziellen "Danmarkskanon" wurden unlängst zehn Werte veröffentlicht, die das Dänischsein beschreiben. Aus 2.425 eingegangenen Vorschlägen wählte eine Kommission 20 Begriffe aus, über die die Dänen im November online abstimmen konnten. Mit rund 327.000 abgegebenen Stimmen wurde so versucht, die kulturelle Identität des skandinavischen Landes festzulegen. Seit Bekanntgabe der Ergebnisse wird auch in der Schweiz die Möglichkeit eines nationalen Wertekanons diskutiert.

Universelle und nationale Werte als kulturelle Identität

Brennholz vor einem Kamin (Fotolia/maho)

"Hygge" steht für eine dänische Art der Behaglichkeit und ist jetzt Teil des nationalen Wertekanons

Die ersten beiden Ränge des dänischen Wertekanons belegen mit der "Wohlfahrtsgesellschaft" und "Freiheit" recht allgemeine Konzepte. Aber auch einer der wohl dänischsten Begriffe überhaupt, "Hygge", schafft es in die Top-Ten. Dieser wird oft mit "Gemütlichkeit" übersetzt, beinhaltet aber ebenso einen allgemeinen Zustand des Wohlfühlens. Außerdem liegen den Dänen ihre Sprache sowie das "christliche Kulturerbe" am Herzen.

Gemeinsam haben die gewählten Werte des "Danmarkskanons" neben universellen Konzepten ihre nationale Tendenz. Das wird vor allem in den Begriffen deutlich, mit denen sich die Dänen gerade nicht identifizieren. Dazu zählen etwa "Mitmenschlichkeit", "Dänemark in der Welt" oder "Raum für Vielfalt". Der ehemalige dänische Kulturminister Bertel Haarder, Initiator des Wertekanons, betont, die erfragten Werte dienten "in einer Zeit der internationalen Konflikte und der Einwanderung" dazu, an der dänischen Kultur festzuhalten.

"Alles, was Menschen ein Gefühl von Zuhause gibt, ist ein aktiver Träger kultureller Identität", sagt Peter W. Marx. Der Kulturwissenschaftler und Kulturhistoriker an der Universität zu Köln erklärt im DW-Interview, warum die kulturelle Identität wichtig so ist und dass sie längst nicht mehr an den Ländergrenzen endet.

Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Peter W. Marx (privat)

Kulturwissenschaftler Peter W. Marx ist Professor an der Universität zu Köln

DW: Herr Marx, wozu braucht eine Gesellschaft überhaupt eine kulturelle Identität?

Peter Marx: Kulturelle Identität ist zunächst mal ein Katalog, ein Set an Merkmalen, mit dem eine bestimmte Gruppe sich selbst identifiziert. Sie kann regional, national oder über bestimmte Vorlieben gebildet werden. Letztlich dient die kulturelle Identität einer gewissen Welt- und Sozialorientierung. Wir wollen wissen, mit wem wir Gemeinsamkeiten haben, was bestimmte Werte betrifft. Wir sind als Menschen soziale Wesen. Und dazu gehört auch der Versuch, diese Gemeinsamkeiten zu definieren. Dass man das jetzt, wie in Dänemark, als Liste macht und dann im Internet abstimmt, ist eine spezifische Form. Aber jede Form von sozialer Gruppe macht das auf die eine oder andere Weise.

Ergibt die Vorgehensweise Dänemarks Sinn? Können etwa 300.000 Stimmen die kulturelle Identität eines Landes mit über fünf Millionen Einwohnern abbilden?

Nein, natürlich nicht. Das ist eine schöne PR-Aktion. Aber da man nicht weiß, wer sich überhaupt in solchen Umfragen engagiert, ist sie in keiner Weise repräsentativ. Was ich hingegen an dem Prozess interessant finde, ist, dass man grundsätzlich darüber nachdenkt: Was macht uns eigentlich aus? Was sind denn die Stützpfeiler unserer Gesellschaft, auf die wir uns verständigen können, auf denen wir gemeinsam unser Wir-Sein aufbauen?

Wie könnte man denn stattdessen eine kulturelle Identität bestimmen?

Die Grundidee, das über ein zeitgemäßes Medium wie das Internet oder soziale Medien zu machen, finde ich zunächst mal durchaus legitim, weil ich das Gefühl habe, dass unser vermuteter Kanon viele potemkinsche Dörfer aufbaut, die eigentlich nicht mehr sind als reine Kulisse. Bei einer Umfrage würden Sie vermutlich herausbekommen, dass Goethe, Mozart, Beethoven und Bach Kernsäulen unserer kulturellen Identität sind. Wenn Sie dann aber fragen, wie viele Menschen jeden Tag Beethoven, Bach und Goethe hören oder lesen, werden Sie eine große Diskrepanz feststellen. Wir haben heute also ein sehr abstraktes Verständnis davon, was unsere kulturelle Identität ausmacht, und vergessen dabei, dass auch die Lebenspraxis dazu zählt.

Verschiedene Brotsorten (picture-alliance/dpa)

Deutsches Brot als Teil der deutschen kulturellen Identität

Die UNESCO zum Beispiel hat angefangen, eine Liste des immateriellen kulturellen Erbes aufzubauen. Darunter fällt auch die deutsche Brotkultur. Niemand würde auf die Idee kommen, bei der abstrakten Frage nach kultureller Identität, unser Vollkornbrot zu nennen. Aber es ist ein Teil unserer Art zu leben. Alles das, was Menschen ein Gefühl von Zuhause gibt, ist ein aktiver Träger kultureller Identität.

Inwieweit können denn dann universelle Werte wie Freiheit und Gleichberechtigung, wie sie auch in den "Danmarkskanon" gewählt wurden, zu einer engeren Form von kultureller Identität beitragen?

Jede Form von Identität hat eigentlich zwei unterschiedliche Komponenten. Das Eine ist eine Positivkomponente: Was soll dazugehören? Das Zweite ist ein Set von Kategorien, das sagt, was uns eigentlich von anderen unterscheidet. Insofern ist es ja erst mal sehr sympathisch, dass mit Freiheit und Gleichberechtigung Positivwerte in diesen Kanon aufgenommen werden und es sich nicht nur auf den Diskurs "Was grenzt uns gegen andere eigentlich ab?" beschränkt. Ich denke, es ist richtig und wichtig, dass wir uns darüber unterhalten, was Minimalwerte sind, die wir von allen erwarten.

Nun gehören zur gewählten kulturellen Identität Dänemarks aber neben diesen Positivwerten auch nationale Werte, die einer Abgrenzung dienen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Rückbesinnung auf diese nationalen, kulturellen Werte und unsere aktuelle, krisenreiche Zeit?

Da gibt es ganz unbedingt einen Zusammenhang. Ich glaube, wir erleben im Moment eine Krise, die uns sehr unmittelbar trifft. Wir befinden uns in einer politischen Konstellation, in der etwa Terroristen uns von außen in eine Diskussion "Wir und die Anderen" verstricken wollen. Insofern reflektieren diese Selbstvergewisserungsprozesse auch ein grundsätzliches Krisenempfinden, was spätestens mit der Eurokrise in ganz Europa sehr präsent wurde. Da wurde plötzlich innerhalb der Europäischen Union die Frage aufgeworfen, ob dieses Projekt einer Staatenunion überhaupt sinnvoll ist. Viele Länder fürchten, nach ihrer Währung auch noch die letzten Bastionen ihrer kulturellen Identität zu verlieren.

Wäre es nicht sinnvoller statt einer nationalen Tendenz, eine europäische Identität zu identifizieren?

Ich denke, dass es die auf einer bestimmten Ebene längst gibt. Studierende gehen heute wie selbstverständlich ins Ausland, wechseln von Land zu Land und Hochschule zu Hochschule, die Fremdsprachenkenntnisse sind so gut wie nie. Europa als Lebensraum ist für viele also eine ganz unmittelbare kulturelle Identität. Den meisten Leuten ist vermutlich nur nicht bewusst, wie sehr sie sich in einem geografischen und politischen Raum bewegen, der längst nicht mehr nationalstaatlich begrenzt ist.

Inzwischen gehört zum kulturellen Kanon der Alltagspraxis in Deutschland Döner genauso wie Bratkartoffeln, wahrscheinlich sogar ein bisschen mehr. Wenn ich mir angucke, dass meine Großeltern sich nicht sicher waren, ob italienische Teigwaren überhaupt eine vollwertige Mahlzeit sind, bezweifelt heute keiner mehr, dass Spaghetti mit Tomatensoße ein fabelhaftes Essen sind. Ich würde mir ein bisschen mehr Mut zum Wandel wünschen. Wir sollten stärker die positiven Entwicklungen feiern, statt einen Diskurs zu führen, der ängstlich versucht, Besitzstandswahrung zu betreiben.

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Hygge - das Glücksgeheimnis der Dänen

 

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