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Afrika

Kulturbrücken zwischen Nigeria und Europa

Ratlose Zuschauer und Filmküsse, die keine Küsse sind: Wenn nigerianische und europäische Künstler aufeinandertreffen, müssen sie oft erst kulturelle Unterschiede erklären - sich selbst und dem Publikum.

Hänsel und Gretel-Persiflage der Performance-Gruppe Monster Truck: Home is where the heart is (Foto: DW/Th. Mösch)

Monster Truck

Ungewohnte Klänge hallen durch die Innenstadt von Lagos. Vor einer Alpenkulisse aus Plastik tanzen Nigerianer in Skelett-Kostümen zu bayerischer Volksmusik. Das Ganze ist Teil einer Performance der deutschen Gruppe Monster Truck: Auf einem Grill brät ein Schauspieler Würstchen - verkleidet als Märchenfigur "Gretel" im Trachtenkleid. Über ihm, auf einem Stahlgerüst, wartet eine Hexe zwischen Plastiktannen auf die Gäste, die sich zu ihr hinaufwagen.

Hänsel und Gretel-Persiflage der Performance-Gruppe Monster Truck: Home is where the heart is (Foto: DW/Th. Mösch)

Eine Persiflage auf Hänsel und Gretel in Lagos

"Was ist denn hier die Botschaft?" - fragen sich die nigerianischen Zuschauer; aber auch einige Europäer unter ihnen sind ratlos. Eine Antwort bleiben die Künstler schuldig. Die Zuschauer sollten einfach das Neue auf sich wirken lassen, fordern sie.

Mudi Yahaya hat mit der skurrilen Vorstellung kein Problem. Der Nigerianer ist selbst Performance-Künstler und hat auch schon mit Monster Truck zusammengearbeitet. Yahaya findet es überhaupt nicht schwer, mit deutschen Kollegen einen gemeinsamen Nenner zu finden. "Wir müssen nur die Fragen klären: Warum machen wir das alles? Warum ist Kunst für mich und für dich wichtig?" sagt er, gestikulierend vor seinen Fotos von Männern, Frauen und Kindern, auf deren Körper er Schusslöcher und Wunden aus Wörtern geschminkt hat.

Der nigerianische Fotograf und Performance-Künstler Mudi Yahaya vor seinem Foto No, mit dem er den Missbrauch von und die Gewalt gegen Kinder anprangert - Ausstellung Ruptured Landscapes (Foto: DW/Th. Mösch)

Mudi Yahaya vor einem seiner Bilder

Einen gemeinsamen Nenner hat Mudi Yahaya auch mit Dennis Feser gefunden. Während Yahaya die Körper von Modellen gestaltet und dann fotografiert, arbeitet Feser mit seinem eigenen Körper. Zusammen mit seiner Partnerin Karin Then stellte Dennis Feser beim Lagos-Live-Festival des Goethe-Instituts auf drei Leinwänden ein Video vor, in dem er sich an verschiedenen Orten der Stadt in eine Art futuristischen Maskenmann verwandelt. Dazu nutzt er neben dem Naturmaterial Reisig auch Computerschrott.

Arbeiten im öffentlichen Raum schwierig

Yahaya hat schon in Deutschland mit Feser über dessen Kunst diskutiert: "Ich habe gelernt, dass Performance-Kunst nicht immer in Echtzeit passieren muss", erzählt er. Feser habe ihm gezeigt, dass man eine Performance gestalten und dann später als Video zeigen kann. Trotzdem bleibe die besondere Aura der Performance erhalten, so Yahayas Erkenntnis. Für 2013 denken Feser und Yahaya über eine gemeinsame Ausstellung in Deutschland nach.

Der Performance-Künstler Dennis Feser mit seiner Partnerin Karin Then vor ihrer Video-Installation Copyright (Foto: DW/Th. Mösch)

Dennis Feser mit seiner Partnerin Katrin Then

Die größte Herausforderung sei es gewesen, in Lagos geeignete Orte für seine Aufnahmen zu finden, berichtet Dennis Feser. In der Öffentlichkeit sei man in Nigerias Metropole als Weißer immer sichtbar wie auf einer Bühne, sagt er. "Es gibt relativ wenig Tourismus, relativ wenige Europäer, die hier sind," so Feser. Man könne also nicht untertauchen. "Es ist auch unüblich, dass jemand aus Interesse lange an einem Ort verweilt und dort beispielsweise fotografiert", erzählt er. Deshalb musste er mit seiner Partnerin nach ruhigen Orten suchen. Sie fanden ein altes Haus eines verstorbenen Architekten, das europäischen Bauhaus-Stil und afrikanische Elemente vereint. Dort drehten sie schließlich einen großen Teil des Videos.

Yoruba-Schauspieler küssen anders

Die Künstler vom "Theater im Bahnhof" aus dem österreichischen Graz brauchen dagegen unbedingt die Bühne, um ihre Kunst aufzuführen. Sie produzierten kürzlich in Lagos gemeinsam mit nigerianischen Kollegen das Theater-Stück "Kissin' in Yoruba Movies" - auf deutsch: Küsse in Yoruba-Filmen.

Die Hauptfiguren in dem Stück sind zwei Filmschauspieler, der Nigerianer Gafar Alau und sein österreichischer Kollege Rupert Lehofer. Alau gehört zu den Yoruba, einem der drei großen Völker Nigerias. Viele Werke der boomenden nigerianischen Filmindustrie "Nollywood" sind in der Yoruba-Sprache aufgenommen.

Der Regisseur Ed Hauswirth vom "Theater im Bahnhof" hatte Alau bei einem Besuch in Lagos kennengelernt. Er erzählte ihm, dass ein Yoruba-Schauspieler gewisse Dinge nicht so direkt und eindeutig darstellen könne wie ein Österreicher - Küsse zum Beispiel. "Im Yoruba-Film kannst du nicht einfach irgendwie küssen. Du küsst mit Respekt, so dass der Kuss nicht einmal wie ein Kuss aussieht", erklärte ihm Alau.

Das machte Hauswirth neugierig, und er entwickelte das Stück "Kissin' in Yoruba Movies", in dem Rupert Lehofer und Gafar Alau sich auf der Bühne kurze Szenen aus ihren Filmen angucken. Anschließend tauschen sie sich im Stil von Improvisionstheater und Stand-up Comedy über das Gesehene aus und erklären dem anderen, wie sie die Szene in ihrem Umfeld spielen würden.

Kulturelle Regeln gelten auch im Film

Wer sich nicht an die kulturell gesetzten Regeln halte, könne sich auch im wirklichen Leben nicht mehr auf die Straße trauen, erklärt Alau seine Lage als Schauspieler in Nigeria. Für seine österreichischen Kollegen war dies eine interessante Erkenntnis: Ein Yoruba-Schauspieler bleibt auch im Film Teil seiner Gemeinschaft. Er kann nie ganz in seiner Rolle aufgehen. In Europa unterscheidet das Publikum dagegen meistens genau zwischen der Person des Schauspielers und der Rolle, die er im Film verkörpert.

Szene aus dem Theaterstück Kissin' in Yoruba Movies, auf der Bühne: Rupert Lehofer, Theater im Bahnhof/Graz; Gafar Alau, Lagos (Foto: DW/Th. Mösch)

Szene aus dem Theaterstück "Kissin' in Yoruba Movies"

Alaus österreichischer Kollege Lehofer hat während der Aufführung in Lagos noch eine andere Erfahrung gemacht: Die Europäer im Publikum reagierten anders als die Nigerianer: "Das Komische war, dass die Nigerianer immer sehr stark reagierten, wenn Gafar etwas gespielt hat. Die Europäer haben immer dann stark reagiert, wenn ich etwas gespielt habe", so sein Eindruck von der Bühne aus. Er habe so etwas ähnliches allerdings erwartet, erzählt Lehofer: "Das Publikum muss mit den gleichen Klischees leben, um die Ironie oder den Witz einer Szene verstehen zu können."

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