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Kultur

Kultur und Entwicklung beim Goethe-Institut

Kultur und Goethe – ja klar. Deutsche Sprache, vielfältiges Deutschlandbild, Kulturaustausch: Damit verbindet man das Goethe-Institut. Aber Kultur entwickeln - wie geht das?

Modenschau von äthiopischen Designern in der Muffathalle in München 2011, die im Rahmen einer Fortbildung für äthiopische Modedesigner vom Goethe-Institut entstand (Foto: Goethe-Institut/Bálint Meggyesi)

Äthiopische Mode im Muffatwerk München 2011

Draußen ist es feucht und heiß. Eine angenehme Kühle empfängt einen in den hellen Räumen der Bibliothek der Favela Maguinhos in Río de Janeiro. Kinderlachen erklingt, und man sieht Jugendliche, aber auch ältere Menschen vor Computern in der gerade neu eröffneten Bibliothek, die an dem sozialen Brennpunkt innerhalb der Favela gebaut wurde.

Im Kinderbereich der Bibliothek spielen zwei kleine Jungs mit Bausteinen, und Maria liest ein Buch. Stolz zeigt sie die neuen Kinderbücher, die kleinen Tische zum Lernen und Malen und die zwei Computer, extra für Kinder. Maria kommt oft hierher, obwohl sie mit ihren 12 Jahren eigentlich zu alt für die Kinderbibliothek ist. Aber da sie zu Hause, wie viele andere Kinder der Favela, kein eigenes Kinderzimmer und keine Spielsachen hat, darf sie hier ein bisschen Kind sein. "Zu Hause muss ich mich um meine vier Geschwister kümmern und kochen, deswegen bin ich lieber hier", sagt Maria. Besonders spannend findet sie es, wenn Besucher aus dem Ausland kommen, so wie vor einiger Zeit bei einem Workshop mit einer deutschen Kinderbuchautorin.

Workshop mit Kindern mit den Kinderbuchautoren Julia Friese und Christian Duda (Foto: DW / Nadja Wallraff)

Ohren auf! Workshop mit den Kinderbuchautoren Christian Duda und Julia Friese

"Es ist leichter, Referenten aus dem Ausland hierhin zu bekommen als aus dem Süden Ríos", bemerkt Vera Saboyo, Leiterin der Bibliotheken des Bundesstaates Río. Durch die großen sozialen Gefälle in der Bevölkerung seien die Vorbehalte und Vorurteile gegenüber Favelas meist größer, und es herrschten zu viele Ängste und Vorurteile. Daher freut man sich, mit dem Goethe-Institut zusammen Workshops mit Experten aus Deutschland anbieten zu können. "Die sind spannend, weil wir eine neue Kultur erleben. Der Austausch mit Fremden hat mir Grenzen im Kopf geöffnet", beschreibt eine Teilnehmerin das Seminar.

Kultur und Entwicklung – ein brandaktuelles Thema

Das Projekt zur Leseförderung in Südamerika ist Teil der Initiative "Kultur und Entwicklung", einem neuen Handlungsfeld des Goethe-Instituts. Seit 2008 in die Arbeit des auswärtigen Kulturmittlers integriert, bündelt und stößt die Initiative Programme an, die durch Kultur die Entwicklung eines Landes beflügeln sollen.

Hauptraum der Bibliothek 'Parque do Manguinhos' in der Favela Manguinhos in Río de Janeiro (Foto: DW / Nadja Wallraff)

Leseförderung in der Favela

Kultur und Entwicklung sei ein "brandaktuelles Thema am Goethe-Institut", schildert der Projektleiter Enzio Wetzel. "Es geht um Qualifizierung, Beratung und Vernetzung." Kulturmanager, Verleger oder Multiplikatoren etwa der Leseförderung werden gefördert und ausgebildet. Das Ziel: Berufliche Qualifizierung und die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, um Entwicklung anzustoßen.

Ein Beispiel ist das Projekt zur Leseförderung in Südamerika. Dort arbeitet das Goethe-Institut nicht nur mit Bibliotheken und Kultureinrichtungen in Favelas, sondern auch mit einem Frauen-Gefängnis in Sao Paulo.

Literarische Freiräume im brasilianischen Gefängnis

Das graue Frauengefängnis Butanta ist eine Ausnahme unter den brasilianischen Gefängnissen, da sich seine engagierte Direktorin für die kreative Weiterbildung ihrer Inhaftierten einsetzt. In der kleinen selbsteingerichteten Bibliothek des Gefängnisses sitzen an die 20 Frauen im Kreis und schauen erwartungsvoll auf die Besucher. Auch wenn einige noch sehr jung sind, sieht man ihnen an, dass sie viel durchgemacht haben. Während die deutschen Kinderbuchautoren Julia Friese und Christian Duda ihre Geschichte über den Fuchs vorlesen, der sich die Enten zu Freunden macht, anstatt sie zu verspeisen, hören alle gebannt zu, und es gibt viel Gelächter.

Als die Frauen eigene Geschichten in gemalten Bildern erzählen, ist die Aufmerksamkeit die gleiche, aber es fließen auch einige Tränen. Teilweise schüchtern, aber vor allem stolz präsentieren die Frauen ihre Bilder. Man sieht Kinder, die zu Hause auf ihre Mütter warten, und eine hohe Mauer mit Pflanzen, die in die Freiheit wachsen. Vor allem dankbar sind die Frauen. Dankbar, dass jemand von außen kommt, an ihnen interessiert ist und ihnen Zeit und Raum für ihre Gedanken gibt.

Die Kinderbuchautoren sind berührt von den Geschichten und verabschieden sich von den Frauen. Aufgewühlt verlassen sie die grauen Gefängnismauern, und Christian Duda sagt: "Es ist wichtig, nicht als Sozial-Vampire zu kommen, die an ihren persönlichen Dramen interessiert sind, sondern an ihrem Können und ihrem Talent".

Kultur und Entwicklung als Aktivierungsprogramm

Der internationalen Modedesigner Markus Lupfer arbeitet im Rahmen einer Fortbildung für Modedesigner des Goethe-Instituts, mit äthiopischen Modemachern in Addis Abeba an der Gestaltung ihrer Kollektionen (Foto: Goethe-Institut/Binyam Mengesha)

Fortbildung äthiopischer Modemacher in Addis Abeba

Momente und Projekte wie diese wecken Hoffnung und schaffen Freiräume, auch wenn dies zunächst im Kopf passiert. "Uns geht es um den Bereich, in dem Kunst und Kultur befruchtend und kreativ wirken können", erläutert Enzio Wetzel. Sei es durch Leseförderung oder durch Fortbildungen für Modedesigner aus Äthiopien, Kulturmanager aus Südafrika, Verleger aus Osteuropa oder Klavierstimmer aus Indien.

Als "Aktivierungsprogramm" bezeichnet Wetzel Kultur und Entwicklung beim Goethe-Institut. Gerade in Ländern mit schwachen wirtschaftlichen, politischen oder gesellschaftlichen Strukturen wolle man die kulturelle Infrastruktur stärken.

Das Goethe-Institut als Kulturimperialist?

Doch damit kann man zugleich auf ein gefährliches Gebiet geraten. Das ist auch Enzio Wetzel bewusst: "Wir unterrichten afrikanische Kulturmanager, wie man Kultur managet. Natürlich sagen dann die Kritiker, dass sei möglicherweise neoimperialistisch".

Mit diesen Vorwürfen müsse man sich auseinandersetzen : "Da sind wir ständig gefordert. Wir sind im kulturellen Bildungsbereich tätig, und Bildung heißt per se Ungleichgewicht." Nicht alles funktioniert auf Augenhöhe. Gerade wo ein Ungleichgewicht herrscht, muss freier Raum zur Entwicklung gegeben werden. "Was die Menschen dann damit machen, ist ihre Sache", bekräftigt Enzio Wetzel.

Kultur und Entwicklung als Unterstützung

AmadouFallBa (r.) aus Senegal hospitiert im Muffatwerk München im Rahmen des Fortbildungsprogramm Kulturmanagement vom Goethe-Institut (Foto: Goethe-Institut/Enno Kapitza)

Der senegalesische Hip-Hopper Amadou Fall Ba bei einem Goethe-Workshop in Müchen

Wie der neue Vermittlungsansatz vor Ort funktioniert, untersucht zur Zeit ein Forschungsprojekt der Universität Hildesheim. Befragt wurden dabei auch die Akteure der Leseförderung in Südamerika. Die Forschungsergebnisse, die auf einer Konferenz im November präsentiert würden, erwartet Enzio Wetzel gespannt.

Von den Teilnehmern selbst sei bisher wenig Kritik gekommen, die Projekte würden positiv aufgenommen, erzählt Wetzel. In Kenia etwa habe die Leiterin des Nationalmuseums sofort gefragt, wie viele weitere Mitarbeiter sie zur Fortbildung schicken könne.

Auch Yorcka Torres, Projektpartnerin zur Leseförderung in Peru, befürwortet die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut. Die Veränderung einer Gesellschaft hänge jedoch von den Menschen vor Ort ab und nicht von den Unterstützern, betont sie. "Den Wandel müssen wir machen, mit unserer Mentalität. Denn die Probleme müssen wir letztendlich selbst lösen“.


Autorin: Nadja Wallraff

Redaktion: Aya Bach

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