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Kultur

Kultur ist kein Börsenspektakel

Klaus Weise hat's hinter sich: Millionen im Theateretat gestrichen und immer ist es noch nicht genug. Er will den Sparkurs der Stadt Bonn nicht länger mitmachen. Ein Gespräch zum Auftakt seiner letzten Bonner Spielzeit.

Il Trovatore von Verdi, Inszenierung an der Oper Bonn Für alle gilt Copyright © Thilo Beu/Theater Bonn

Verdis Troubadour in Bonn


Deutsche Welle: Ein Buch mit dem Titel "Kulturinfarkt" sorgt derzeit für heftige Debatten, darin sprechen die Autoren unter anderem von "mehr Unternehmergeist" und "weniger Allmachtsphantasie"“ in der Kultur. Haben Sie schon Auswirkungen dieses "Infarkt"“ hier in Bonn gespürt, sind etwa Notfallmaßnahmen nötig für die Kultur in der Stadt?!

KIaus Weise: Ich habe das Buch nicht gelesen, nur die Berichterstattung darüber verfolgt – ich werde es auch nicht lesen. Mir kommt das Ganze vor, wie alte Gedanken, mit denen sich vier Autoren in die Charts reinschreiben wollen. Die Kultur ist eben kein merkantiler Bereich. Schon bei den Griechen wurde sie gefördert von Mäzenen – das Publikum wurde vermutlich sogar vom Staat bezahlt, damit es an der Aufführung von Tragödien und Satyrspiel teilnehmen konnten, die Fürsten haben die Kultur finanziert, und jetzt macht es die öffentliche Hand, der Steuerzahler. Die Kultur hat eben die Aufgabe, sich auch den Marktmechanismen zu entziehen, und wenn man das nicht will, kann man Musical machen – dann macht man Geld, völlig in Ordnung. Aber wenn man die Breite der Kultur hier in Europa spiegeln will, dann bedarf es Mechanismen, die sich jenseits des Marktes vollziehen.

Kultur ist nicht merkantil

Also sind Begriffe wie Markt und Rendite, Angebot und Nachfrage der Kultur quasi wesensfremd?

Es ist Auftrag der Kultur, sich auch querzustellen, gegen die Üblichkeiten des Marktes anzurennen. Dazu bedarf es einer einigermaßen abgesicherten Finanzierung, was nicht heißt, dass man mit den Geldern fahrlässig umgehen sollte. Ich rede jetzt mal von meinem Haus: Es ist ja nicht so, dass wir kein Publikum hätten. Wir haben eine durchschnittliche Platz-Auslastung von 80 Prozent, das ist eine Menge. Wir arbeiten in dem Sinne nicht am Markt vorbei. Nur: Der Markt des Theaters ist nicht der merkantile Markt der Wirtschaft. Und das was da an neoliberalem Gedankengut formuliert wird, beweist die Wirklichkeit in Sachen Finanzkrise, dass diese Mechanismen in der Gesellschaft überhaupt nicht funktionieren.

Troubadour von Verdi, Inszenierung an der Oper Bonn Für alle gilt Copyright © Thilo Beu/Theater Bonn

Verdis "Troubadour" auf der Bonner Opernbühne


Es gibt das Argument, Oper, Musiktheater sei nur etwas für ganz wenige, für die Betuchten, die Gutsituierten und die könnten ja auch nach Wien, Salzburg oder Mailand reisen. Sie aber sehen hier am Standort Bonn offenbar nachhaltiges Interesse daran?

Wenn das so wäre, könnten nur noch die Leute, die sich einen Flug nach Wien oder Zürich leisten können, hinfliegen. Und der Rest der weniger gut verdienenden Bevölkerung verkommt unter kulturellen Aspekten. Die jungen Leute finden keinen Zugang zu Musik und Theater. Was sind denn das für Perspektiven! Es ist eine Qualität von Europa, besonders von Deutschland, dass wir die Theater haben, Museen, Bibliotheken. Das ist geistiges Kapital, dessen wir uns nicht berauben sollten" Das gibt es in Asien und Amerika in dieser Form nicht. Die USA haben Hollywood, Indien Bollywood – wir haben dafür das Theater. Warum sollten wir diese gewachsene Tradition aufgeben? Kunst und Kultur sind auch immer ein soziales Modell - des Miteinanders, des Kennenlernens, gesellschaftlicher Konflikte, die wir gemeinsam erleben im Theater. Auch das Scheitern, das damit häufig einhergeht. Und das alles in einer kollektiven Erfahrung zu erleben.

Fetisch der Zahlen

Die Zahlen sind ja wohl so, dass in die Theater und Konzerte mehr Menschen in der Bundesrepublik gehen, als zu den Bundesligaspielen. Man muss auch nicht in der Demokratie erwarten, dass nur das legitimiert ist, was mindestens 80 Prozent Akzeptanz bei einer großen Mehrheit der Bevölkerung findet. Das ist doch gaga! Ich gehe nie in Hallenbäder. Dennoch sage ich nicht, sie müssen geschlossen werden, nur weil ich nicht dorthin gehe. Es ist ein sehr hilfloses und populistisches Argument, etwas so kompliziertes wie die Kultur in Zahlen zu pressen. Der Fetisch der Zahlen, der Benennbarkeit, das ist ein zutiefst unkünstlerisches Herangehen. Im Umkehrschluss gilt: Wir müssen Gelder gut einsetzen. Ein Theater, das am Publikum vorbei arbeitet, kann auch kein richtiges Theater sein. Ich weiß zum Beispiel, welche Summe ich im Etat habe. Mit dieser Summe komme ich aus - ich spare sogar meistens noch etwas. Mein Ehrgeiz ist es, Qualität auf die Bühne und in den Orchestergraben zu bringen - mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln.

Sparen ohne Qualitätsverlust

Der Bonner Generalintendant Klaus Weise. Für alle gilt Copyright © Thilo Beu/Theater Bonn

Intendant Klaus Weise



Wie viel ist denn bei Ihnen hier in Bonn schon insgesamt gekürzt worden? Sie sind ja seit zehn Jahren Intendant in dieser Stadt.

In der Zeit, in der ich hier bin, habe ich das Budget um 14 Millionen reduziert und um 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit beinahe dem gleichen Output, den es vorher gab. Das ist ein Betrag, der auf Dauer und nicht nur einmalig weg ist. Auch die Arbeitsplätze sind dem Theater verloren gegangen. Wir haben aber die Qualität nicht verschlechtert. Wir haben viel Zuspruch. Weitere Einsparungen sollen jetzt häppchenweise passieren – das ist nicht mehr mein Geschäft. Ich hätte von der Stadt Bonn erwartet, dass sie nach diesen exorbitanten Einsparmaßnahmen sagt: 'Ihr habt das prima gemacht. Bei Euch deckeln wir jetzt mal, wir frieren den Etat ein. Wenn alle anderen Bereiche so gespart hätten wie Ihr, stünden wir jetzt anders da.' Man muss auch mal das Belohnungssystem ansetzen und nicht nur das Bestrafungssystem.

Brechen jetzt Verteilungskämpfe aus? Manche sagen ja auch: "Nehmt den etablierten Institutionen Geld weg und gebt es der'‚freien Szene'."

Das eine kann das andere nicht ersetzen. Man kann ja auch polemisch formulieren: Die Ästhetik der freien Szene ist immer aus einem Mangel an finanziellen Mitteln entstanden. Wenn diese das Geld der opulenten Häuser bekommt, ist sie nicht mehr sie selbst, sondern wird selber ein opulentes Haus. Dieses, vielleicht feindliche Miteinander beider Seiten macht natürlich auch einen großen Teil der Spannung aus.