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Kultur

Kultur in Zeiten des Krieges

Der Krieg zwischen Israel und Libanon hat auch das kulturelle Leben in Beirut nahezu lahm gelegt. Doch es gibt auch Intellektuelle und Künstler, die trotz der Bombardierungen weitermachen und das Erreichte verteidigen.

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Beirut: tägliche Angst vor Bombenangriffen

"Du kannst alles vergessen, was du besitzt, dein tägliches Leben, geliebte Menschen, deine Briefe, vergangenen Ruhm, aber was auch immer passiert, vergiss nie Dein Heimatland." So heißt es in einem Lied der Grande Dame des libanesischen Chansons, Fayrouz. Sie ist eine große Patriotin, deshalb spielt man ihre Lieder in diesen Tagen auf allen libanesischen Kanälen. Eigentlich hätte Fayrouz Mitte Juli das berühmte Baalbeck-Festival im Süden des Landes eröffnen sollen - doch dazu kam es nicht, zu dem Zeitpunkt fielen schon israelische Bomben auf die Tempelruinen des Jupiter und des Bacchus.

"Kaum noch Zeit zum Atmen"

Kultur in Libanon Beiteddine Festival Jose Carreras

Erinnerungen: José Carreras sang beim Beiteddine-Festival 2002

Ähnlich ging es dem zweiten international bekannten Sommerfestival im Libanon, dem Beiteddine-Festival in den Chouf-Bergen. Die Verschleppung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah und die daraufhin erfolgenden israelischen Luftangriffe bereiteten diesen alljährlichen kulturellen Highlights im Zedernstaat ein jähes Ende. Das Beiteddine-Festival hätte am 16. Juli beginnen sollen, insgesamt waren 13 Vorstellungen mit hochrangigen Künstlern geplant, erläutert Wafa Saab, Mitorganisatorin und Sprecherin des Festivals. "Der Krieg begann am 12. Juli, aber uns wurde der Ernst der Lage erst am 13. bewusst. Wir hatten kaum noch Zeit zum Atmen, wir mussten alles stoppen."

Nicht nur das Beiteddine-Festival, das gesamte kulturelle Leben kam mit Beginn der israelischen Militäroffensive zum Stillstand. Intellektuelle und Künstler haben das Land verlassen, Galerien und Museen in Beirut mussten schließen, Kinos zeigen keine Filme mehr oder haben ihr Programm auf ein Minimum reduziert. Und das, obwohl nicht die gesamte Stadt unter israelischem Beschuss liegt.

Ramsay Short, Chefredakteur des "Timeout Beirut"-Magazins, erklärt, zur Zeit gebe es keinerlei Ausstellungen, Konzerte oder künstlerische Vorführungen. "Events und kulturelle Darbietungen, wie sie vorher an der Tagesordnung waren, finden nicht mehr statt." Wie könne es auch anders sein, wenn über eine halbe Million Menschen aus ihren Häusern vertrieben wurden, erzählt Short. "Wir erleben eine Zeit, in der sich die Menschen eher Sorgen darum machen müssen, was sie zum Essen auf den Tisch bringen können als darüber, wie sie sich am besten unterhalten."

Blick nach vorne

Das Magazin "Timeout Beirut" - erst seit drei Monaten auf dem Zeitschriftenmarkt und ein weiteres Zeichen der blühenden Beiruter Kultur-, Kleinkunst und Entertainment-Szene - ist zunächst einmal eingestellt worden. Die Organisatoren der großen Festivals sind jetzt damit beschäftigt, Eintrittsgelder zurückzuerstatten und den zahlreichen Sponsoren ebenfalls eine Rückzahlung ihrer Investitionen anzubieten. Finanziell eine kleine Katastrophe. Aber wenn das erledigt sei, fange man an, für das nächste Jahr zu planen, so Wafa Saab vom Beiteddine-Festival.

Das sei allerdings nicht ganz einfach. "Du weißt, dass du so vielen Libanesen wie möglich die Chance geben möchtest, verschiedene kulturelle Trends in Musik, Tanz und Schauspiel zu entdecken. Und dann hältst du inne und fragst dich, was mache ich eigentlich? Aber dann denkst du, nein, ich werde weitermachen." Das sei es, was den Libanon von anderen kriegsgeplagten Staaten unterscheide. "Wir sind Überlebende, wir sind Menschen mit einer großen Kultur, jedenfalls möchten wir das gerne glauben, und wir wollen es bleiben", sagt Wafa Saab.

Recht auf ein normales Leben

Das Metropolis-Programmkino im Zentrum Beiruts hat seit wenigen Tagen seine Türen wieder geöffnet. Jeden Abend werden dort Filme der Internationalen Kritikerwoche in Cannes gezeigt - zeitweise mit Hilfe eines Generators, wenn der Strom wieder einmal ausgefallen ist. Hania Mroue, die Leiterin des Kinos, erklärt, sie habe das Kino nur drei Tage nach der Eröffnungspremiere geschlossen, als die ersten Bomben fielen. Sie habe warten wollen, bis alles vorbei war, dann aber gemerkt, dass es diesmal länger dauern und der Krieg grausamer werden würde. "Wir haben eine Woche gebraucht, um das zu verdauen und uns von dem Schock zu erholen. Dann aber haben wir beschlossen zu widerstehen. Nicht mit Waffengewalt, sondern der Hoffnungslosigkeit zu widerstehen. Man muss weiterleben. Und das heißt nicht nur atmen und essen."

Jeder Mensch habe das Recht auf ein normales Leben und auch darauf, sich Filme anzuschauen. Deshalb habe sie sich entschlossen, das Kino wieder zu öffnen. Und zwar nicht nur abends, tagsüber bietet sie nun ein Programm für die vielen Flüchtlingskinder in Beirut an. Wie lange sie das machen könne, wisse sie nicht. Mangelnde finanziellen Ressourcen seien auch ein großes Problem. "Ich warte, dass der Krieg aufhört, ich warte, was passiert und ich glaube, wie alle Libanesen warte ich auf ein Wunder."

Kosmopolitisches Zentrum in Gefahr

Auch Ramsay Short ist der Meinung, es müsse schon ein Wunder geschehen, damit die libanesische Kulturszene schnell wieder auf die Beine kommt. "Ich habe das Gefühl, dass alles, was wir in den letzten paar Jahren hier erleben durften, wie ein Traum war. Jetzt fühlt es sich an, als habe man uns ins Jahr 1990 an das Ende des Bürgerkrieges zurückversetzt. Was wir verloren haben und was sehr schwer zurück zu holen sein wird, ist der Elan der Libanesen, der Glaube, dass sie hier in der arabischen Welt ein kosmopolitisches Zentrum geschaffen haben."

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