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Kultur

Kultur als Überlebensmittel

Frei sein, satt sein, die Wahl haben, kulturell, politisch und an der Wursttheke. Das war das Credo der Nachkriegsgesellschaft in Deutschland. Das Kulturleben formte sich neu und begann rasch aufzublühen.

Die Ruine der Frauenkirche in Dresden (Foto: AP)

In Schutt und Asche

"Wir haben die ersten Schneeglöckchen gepflückt. Und die heimkehrenden Stare flogen in lärmenden Geschwadern über unsere Köpfe. Frühling und Untergang, am Himmel wie auf Erden. Natur und Geschichte sind geteilter Meinung und streiten sich vor unseren Augen." Das schrieb der Schriftsteller Erich Kästner in sein Tagebuch. Mai 1945 und die Jahre, die folgten: Das war für die deutsche Nachkriegsgesellschaft eine Zäsur, aber keine Stunde Null. Als die Welt endete, fing sie schon wieder an. Vor allem kulturell.

Hunger nach Kultur

Wilhelm Furtwaengler dirigiert seinen Klangkörper (Foto: AP)

Berliner Philharmoniker 1948 in London

Trotz Hunger und Wohnungsnot begann in den Besatzungszonen erstaunlich rasch ein bescheidenes kulturelles Leben unter der Kontrolle der Alliierten. Erste Konzerte und Theateraufführungen fanden statt, obwohl im Westen die Hälfte aller Bauten im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Museen zeigten von den Nationalsozialisten als "entartet" verbotene Kunst und Werke der klassischen Moderne. Schon wenige Tage nach der Kapitulation wurden erste klassische Konzerte in den Großstädten veranstaltet. Kultur wuchs aus den Ruinen zwischen Schutthalden, Kellerleben und Flüchtlingsströmen. Das Kulturleben begann sich zu normalisieren. "Wir wollten sehen, was wir in den Kriegsjahren nicht zu sehen bekamen. Wir hatten ein Nachholbedürfnis", sagen Zeitzeugen rückblickend.

Die Mörder sind unter uns

Der Film war ein wichtiges Medium, um über Krieg und NS-Verbrechen aufzuklären. Deutsche Nachkriegsproduktionen, sogenannte Trümmerfilme ("In jenen Jahren"), stellen die Frage nach der eigenen Schuld, thematisierten Heimkehrerschicksale oder die Lebensumstände im Trümmer-Alltag. "Die Mörder sind unter uns" war nicht nur ein Filmtitel, sondern auch Realität in Nachkriegsdeutschland. Doch den Trümmerfilmen folgte schon bald eine populäre Mischung aus Heimat-, Urlaubs- und Schlagerstreifen. Die suche nach dem "neuen Adam" erwies sich als schwierig. Natur- und Wohlstandssehnsucht, Eheglück und die große Liebe gehörten zu den beliebtesten Themen. Amüsement ohne wirkliche Tiefe.

Radio am Nierentisch

Zeitungen und Zeitschriften, Theater und Kabarett – sie fanden ein Massenpublikum. Aufbruch aus dem grauen Trümmeralltag stand auf der kulturellen Tagesordnung: Informationshunger, Kultursehnsucht und Vergnügungssucht waren Massenbedürfnisse der Nachkriegsgesellschaft. Auch im Hörfunk. Das Radio wurde zu einem wichtigen Medium. Nie wieder spielte der Hörfunk eine so große Rolle im Familienleben wie in der Nachkriegszeit. Moderatoren wie Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal oder Peter Frankenfeld wurden durch das Radio bekannt. Es war Zeit der großen Unterhaltungsshows. "Wir wollten ja entspannen, keine großen Probleme wälzen", das galt für viele Menschen in Deutschland.

Bücher im Zeitungsformat

Porträt mit Zigarre (Foto: Ullstein Bild)

Thomas Mann

Nach den Jahren der Diktatur wollte auch der Lesehunger gestillt werden. Doch der Neuanfang war angesichts von Papier- und Maschinenmangel schwierig. Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, auch Schallplatten und Veranstaltungen mussten von der zuständigen Besatzungsmacht erst genehmigt werden. Der Reinbeker Rowohlt Verlag ließ die Bücher von Autoren wie Thomas Mann, Graham Greene und Ernest Hemingway auf Zeitungspapier drucken und als Rotations-Romane verkaufen. Der Vorläufer des späteren Taschenbuchs war geboren. Die zahlreichen Kulturzeitschriften erreichten nicht selten Auflagen von mehr als einhunderttausend. Sie sublimierten das materielle Elend und versprachen Orientierungshilfe.

Draußen vor der Tür

Portraitbild (Foto: picture alliance/ dpa)

Wolfgang Borchert

Das Nachholbedürfnis war groß. Auch im Theater. Dort wurden vor allem Stücke und Autoren gespielt, die unter den Nationalsozialisten verfemt waren. "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert, "Des Teufels General" von Carl Zuckmayer und "Die Fliegen" von Jean-Paul Sartre gehörten zu den erfolgreichsten Aufführungen. Doch die wenigen guten Zeitstücke wurden mehr und mehr vom "hohlen Pathos" der deutschen Klassiker verdrängt. Dem Kabarett ging es nicht anders. Hatte Erich Kästner noch 1945 gehofft, dass es bald mehr Kabaretts als unzerstörte Häuser gäbe, so wandte sich auch hier mit der Währungsreform 1949 das Interesse an satirischer Kritik an den nun käuflichen Gütern des täglichen Bedarfs zu.

Ernüchterung und Desillusionierung waren weit verbreitet, Skepsis und Misstrauen prägten das Zeitbewusstsein. Für die noch einmal Davongekommenen war vor allem das Hier und Jetzt wesentlich. Doch gleichzeitig setzte die Trümmerzeit eine bemerkenswerte kulturelle Produktivität frei.

Autor: Michael Marek
Redaktion: Conny Paul

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