1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Kultige Holzboote aus Ostfriesland

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Und Späne fallen in der Bültjer-Werft in Ditzum bei Emden zuhauf an, wenn Boote aus Holz gebaut werden - vom Kiel bis zum Mast, vom Klüverbaum bis zum Heck.

Bültjer-Werft im ostfriesischen Ditzum (Foto: DW/Weyerer)

Der Blick vom Hafen auf das kleine Traditions-Unternehmen

Jan Bültjer, 52 Jahre alt, Chef der Bültjer-Werft, steht auf dem Deck und justiert den Mast. "Das Schiff muss nächste Woche fertig sein; da plant man den Samstag auch mal mit ein." In der vierten Generation bauen sie Boote. Holzboote. Oder reparieren sie – wenn es sein muss auch am Wochenende - wie zum Beispiel den Fischkutter aus Dänemark - zu sehen auf dem Foto oben -, 22 Meter lang, Baujahr 1960.

Krabbenkutter in Ostfriesland(Foto: AP)

Krabbenkutter in Ostfriesland

Die Bültjer-Werft in Ditzum liegt an der Mündung der Ems, am Ufer des Dollarts. Ditzum, ein altes Fischerdorf, hat ein wenig mehr als 600 Einwohner; die neugotische Kirche ziert ein Kirchturm, der einem Leuchtturm zum Verwechseln ähnlich ist; rotgeklinkerte, einstöckige Häuser; in demselben Farbton sind die engen Gassen gepflastert. Ditzum liegt am Ende eines schmalen Landzipfels, dem Rheiderland, eingebettet vom Fluss, den man erst 16 Kilometer südlich queren kann, und von der deutsch-niederländischen Landesgrenze. Umso leichter ist die Werft von See zu erreichen. "Mindestens die Hälfte Arbeit haben wir von den Niederlanden", sagt der Werft-Chef.

Ostfriese aus dem Bilderbuch

Jan Bültjer spricht wie ein Ostfriese und sieht aus, wie man sich landläufig einen Bootsbauer vorstellt: festes Schuhwerk, weite Arbeitshose mit allerlei Taschen, kariertes Hemd. Die Ärmel sind hochgekrempelt, die breiten, dunkelblauen Hosenträger gemustert wie ein Zollstock. Das Gesicht ist sonnengebräunt und den Händen sieht man die alltägliche, harte Arbeit an.

"Mit uns", sagt Jan Bültjer, "arbeiten 20 Bootsbauer auf der Werft" – acht Lehrlinge, acht Gesellen, er und sein Bruder, beide leiten den Betrieb, sowie ihre ältesten Söhne. Auch sie haben schon den Meisterbrief. Bereits die fünfte Generation schafft in dem Betrieb, 112 Jahre ist er alt. Angefangen hat es im Dorf, eine Stellmacherei – Speichenräder, Leiterwagen, Heurechen, Pferdedeichseln. "Als es mit den Pferden und den Wagen weniger wurde, hat der Großvater mit kleinen Booten angefangen." 1928, erzählt Jan Bültjer, sei der Betrieb an den Hafen verlegt worden.

Ein Bootsbauer muss ein Allround-Könner sein

Eines der 25 Boote, die derzeit auf der Werft lagen (Foto: DW/Weyerer)

Eines der 25 Boote, die derzeit auf der Werft lagen

Jan Bültjer ist hinüber gegangen in die zweite Halle. Ein wenig erhöht liegt sie, hochwassergeschützt auf dem Fuß des früheren Deiches. Die Boote werden auf Schienen und per Seilwinde aus dem Hafen heraufgezogen. 28 Meter lang und geschätzte 100 Jahre alt ist der frühere Heringskutter, der die Halle in ganzer Länge und Höhe ausfüllt und demnächst im Emdener Hafen als Museumsschiff zu begehen und zu bestaunen sein wird. Innenausbau, Lackieren, Elektroarbeiten, Schweißen. All das muss beherrschen, wer ein Bootsbauer ist. Und fräsen, hobeln, sägen, polieren, schleifen. Schleifen, schleifen und immer wieder schleifen. Gut geschliffen ist halb lackiert. Der Bootsbaumeister schmunzelt und nimmt ein Stück Hanf in die Hand. Es ist präpariert und konserviert, damit es nicht so schell verrottet, und wird in mühsamer Handarbeit zwischen die Holzplanken an der Außenhaut des Schiffes gepresst.

"Das kann dauern, da kommen bei 28 Metern und 20 Nähten einige Meter zusammen." Gewissenhaft muss dennoch gearbeitet werden, obwohl – das räumt der Chef freimütig ein – "die Arbeit irgendwann auch ziemlich langweilig wird".

Der Bootsbau verträgt keine Hektik

Die Bültjer-Werft ist größter Arbeitgeber am Ort. So gut wie keine neuen Boote baut die Werft, um so mehr repariert sie. Der alten Kunst des Bootsbaus ist die Werft über all die Jahre treu geblieben. Jan Bültjer steht vor dem Holzofen, achteinhalb Meter lang, einen Meter hoch und ebenso breit. Hierin werden die Holzbohlen, die an die geschwungene Form des Schiffsrumpfs angepasst werden, aufgekocht – mit heißem Wasserdampf. Nach eineinhalb Stunden ist das Holz weich. Nun muss jeder Handgriff sitzen, erklärt der Werftchef. In zwei, drei Minuten ist das Holz abgekühlt und lässt sich nicht mehr biegen.

Von Hektik hält Jan Bültjer nicht viel. Allemal nicht beim Bau von Holzbooten. Gutes Bootsholz muss lange lagern und gut abgetrocknet sein. Die Faustregel gilt: pro Zentimeter ein Jahr. Ein sieben Zentimeter dickes Brett muss also sieben Jahre liegen. Minimum. Je länger desto besser. Einige Planken, die er verarbeitet, hat noch sein Vater gekauft. Der Schiffsrumpf ist seit jeher aus Eichenholz, das Deck und die Aufbauten aus tropischen Harthölzern – vorneweg Pitch-Pine und Burma-Teak. Manche der 25 Schiffe, die im Moment auf der Werft aufgebockt sind, liegen hier seit einem Jahr, manche, deren Eigentümern das Geld knapp geworden ist, auch länger, erzählt der Chef. Jan Bültjer legt das Werkzeug aus der Hand, schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt ins Dorf nach Hause. Für heute ist erst einmal Feierabend.

Autor: Godehard Weyerer

Redaktion: Klaus Ulrich

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema