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Kultur

Kultautor mit Depressionen

Es war ein Schock für die US-Literaturszene, als sich David Foster Wallace letztes Jahr das Leben nahm: Kaum jemand wusste, dass der brillante Autor des Jahrhundert-Romans "Infinite Jest" psychisch krank war.

Schwarz-Weiß-Porträt David Foster Wallace (Bild: Marion Ettlinger)

Seismograph der Verwüstung: David Foster Wallace

Als David Foster Wallace am 12. September 2008 seinem Leben ein Ende setzte, war er gerade 46 Jahre alt. Kaum jemand hatte gewusst, dass er 30 Jahre lang an Depressionen gelitten hatte; weder die Leser, die ihn liebten, noch die Kollegen, die ihn verehrten wie kaum einen zweiten Schriftsteller. In Deutschland sind bisher nur Kurzgeschichten und Reportagen von ihm erschienen, nun liegt auch sein Hauptwerk "Infinite Jest" aus dem Jahr 1996 in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach auf Deutsch vor: "Unendlicher Spaß".

Anstrengende Begegnungen

Auf diesem Werk gründet sein Ruhm in den USA: "Er besaß die eindrucksvollste, die erregendste, die erfindungsreichste rhetorische Virtuosität aller lebenden Schriftsteller", sagte etwa Jonathan Franzen über ihn, der spätestens seit seinem Bestseller "Die Korrekturen" in Deutschland wesentlich berühmter ist als Wallace. Franzen war David Foster Wallace’ bester Freund. In einem Gedenkband für den verstorbenen Autor erinnert er sich an den Beginn der Freundschaft Ende der 80er Jahre: "Ich hatte Dave vom allerersten Brief an, den ich von ihm bekam, gemocht, doch die ersten beiden Male, als ich mich mit ihm treffen wollte [...], versetzte er mich einfach. Und als wir uns dann regelmäßig sahen, waren unsere ersten Begegnungen oft anstrengend und gehetzt – weit weniger vertraut als unsere Briefwechsel."

Seismograph der seelischen Verwüstung

David Foster Wallace musste sein fragiles Inneres von der Außenwelt abschotten. Er war einer, der ganz in der Literatur aufging, der schreiben musste, um zu leben – ein literarischer Extremist und zugleich ein gnadenloser Analytiker des Medien- und Konsumzeitalters, in dem alle völlig überfüttert sind von Fernsehshows, psychotherapeutischen Sitzungen und Marketingseminaren.

Porträt Jonathan Franzen (Foto: DW/Jennifer Abramsohn)

Wallace' bester Freund: Jonathan Franzen

Wie kaum ein anderer hat er die Abgründe einer Gesellschaft beschrieben, die zahllose Süchte und verwüstete Seelen produziert. Abgründe, die ein hypersensibler Charakter wie David Foster Wallace seismographisch genau aufspürte und selbst durchlitt. Die literarische Brillanz seines schwarzen Realismus ist der Depression abgerungen, wie Jonathan Franzen in einem Interview mit der Zeitschrift "Rolling Stone" erzählte: "Nur wenn man ihn besser kannte, konnte man wirklich verstehen, welch heroische Anstrengung es ihn kostete, nicht nur einfach in dieser Welt klarzukommen, sondern wunderbare Dinge zu schreiben."

Im Niemandsland zwischen Geist und Gefühl

Eine Fähigkeit, die Befremden auslösen konnte, wie sein Lektor Gerry Howard beschrieb: "Ich war nie zuvor jemandem begegnet, dessen Geist auf derart hohem Niveau arbeitete. David lebte in einem Zustand der Hyperaufmerksamkeit, doch sein Gefühlsleben schien seiner geistigen Existenz weit hinterherzuhinken, und ich hatte den Eindruck, dass er sich in dem Niemandsland dazwischen verirren könnte." Tatsächlich ist David Foster Wallace in diesem Niemandsland untergegangen. Dabei hatte er – von außen betrachtet – allerbeste Voraussetzungen: Aufgewachsen in einer Akademikerfamilie, die ihm nicht nur intellektuelle Förderung, sondern auch emotionale Wärme gab.

Minütliche Angst, unendliche Traurigkeit

Ein Philosophiestudium schloss er mit summa cum laude ab. Und sein literarisches Talent wurde nicht nur von Heerscharen begeisterter Leser bewundert, sondern auch von den Studenten, die er in Creative Writing unterrichtete. Ende 2001 lernte er mit der Malerin Karen Green endlich eine Frau kennen, von der er sich verstanden fühlte und mit der er glücklich sein konnte. Was allerdings nur seine Familie und die allerengsten Freunde wussten: David Foster Wallace litt seit seinem 17. Lebensjahr an Depressionen und nahm ein Psychopharmakon ein, seit er Mitte 20 war. Sein Medikament hatte zahlreiche Nebenwirkungen, und David Foster Wallace hatte das Gefühl, dass es nicht nur die negativen Gefühle dämpfte. Im Sommer 2007 setzte er es ab und geriet daraufhin in eine Krise, aus der er nicht mehr herausfand. Er nahm das Medikament wieder, aber es blieb wirkungslos. Jonathan Franzen hatte fast bis zuletzt zu ihm Kontakt: "Er litt scheußliche, minütliche Angst und Qualen, [...] er war in den Schacht der unendlichen Traurigkeit hinabgestiegen. [...] Aber er hatte eine schöne, sehnsuchtsvolle Unschuld, und er hat es versucht."

Autorin: Christel Wester

Redaktion: Aya Bach