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Welt

Kulinarische Krisendiplomatie in Paris

Zwischen dem Brüsseler G7-Gipfel und den D-Day-Feierlichkeiten hat Frankreichs Staatschef Hollande die Präsidenten Obama und Putin nacheinander zum Essen empfangen. Zum Anstoßen gab es weder Anlass noch Gelegenheit.

Große Staatsempfänge sind in Paris eigentlich keine Seltenheit. An diesem Donnerstag herrschte dennoch Ausnahmezustand in Frankreichs Hauptstadt. Bei den Organisatoren lagen die Nerven blank - mussten sie doch bei höchster Sicherheitsstufe hunderte Journalisten, Schaulustige und nicht zuletzt die Protagonisten dieses außergewöhnlichen Pariser Zeremonien-Marathons bei Laune halten. Denn es entbehrte nicht einer gewissen Komik, dass die beiden mächtigsten Männer der Welt sich nahezu zeitgleich an der Seine die Ehre gaben, ohne sich zu begegnen. US-Präsident Barack Obama und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin stellten die Protokollchefs des französischen Präsidenten vor einige logistische Herausforderungen.

Schon am Nachmittag ähnelte der Innenhof des Elysée-Palastes einem Kurzzeit-Parkplatz: Durch das goldverzierte Eingangstor fuhren die Staatskarossen ein und aus, während Pariser Bürger und Touristen bei strahlendem Sonnenschein die berittene Garde Républicaine auf dem Champs-Elysées anschauen konnten. Fans der Queen hatten stundenlang am Gare du Nord ausgeharrt, wo die königliche Delegation pünktlich um 15.20 Uhr dem Eurostar entstieg. An der Seite von Staatspräsident François Hollande ging es anschließend zur Kranzniederlegung am Grab des unbekannten Soldaten unter dem Triumphbogen. Nach kurzem Kostümwechsel von weiß zu rosa schritt Englands Königin die Treppen des Elysée-Palastes hinauf. Für Hollande der wohl unverfänglichste Teil des Zeremoniells.

Immer im Blick der Kameras

Indes hefteten sich dutzende Kameras bereits an die Fersen der prominenten Staatsgäste, die französischen Medien berichteten im Live-Ticker über jeden ihrer Schritte. So blieb François Hollande nach der königlichen Stippvisite kaum Zeit zum Verschnaufen, denn US-Präsident Barack Obama, eben noch am Verhandlungstisch der G7 in Brüssel, war bereits auf dem Flughafen Orly gelandet. Kreisende Hubschrauber ließen seinen Weg durch die abgesperrten Straßen von Paris erahnen. Hollande lud seinen amerikanischen Amtskollegen in Begleitung ihrer Außenminister ins Sterne-Restaurant "Le Chiberta", wo die beiden vom Spitzenkoch Guy Savoy bewirtet wurden. Exakt 75 Minuten für blauen Hummer, Barsch, Käseplatte und ein Orangen-Pampelmusen-Dessert.

Parallel dazu trafen 250 Kilometer nördlich, in der Normandie, die ersten Gäste für die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten ein. Im Gegensatz zu Obama wird Bundeskanzlerin Angela Merkel dort am Freitag auch zu einem Zweiergespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammentreffen und versuchen, im frostigen Klima zwischen den USA und Russland zu vermitteln. Als zweiter deutscher Regierungschef nach Gerhard Schröder nimmt sie an den Gedenkveranstaltungen zum D-Day teil. Ihr dürfte bewusst sein, dass schon kleine symbolträchtige Gesten am Strand von Ouistreham Signale der Entspannung senden können. Gerade weil Putin am Freitag auch dem neu gewählten ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko begegnen wird.

Gastronomische Charme-Offensive

Putin hatte vor seinem Frankreich-Besuch schon in einem Exklusivinterview mit dem französischen Fernsehsender TF1 Gesprächsbereitschaft angedeutet. Gleichzeitig hatte er aber auch auf die Vorwürfe des US-Präsidenten reagiert, er verfolge in der Ukraine "dunkle Taktiken": "Die USA mischen sich in die inneren Angelegenheiten dieses oder jenes Landes ein. Da ist es schwierig, uns einen Missbrauch vorzuwerfen", sagte Putin. Einen Seitenhieb erhielt er bereits am Mittwoch von Hollandes Ex-Lebensgefährtin Valérie Trierweiler, die in einem Tweet verlauten ließ, sie sei froh, Putin nicht die Hand schütteln zu müssen.

Als der Gescholtene schließlich am späten Abend zum "Souper" im Elysée-Palast eintraf, zeigte er sich unbeeindruckt und gewohnt ernst. Verstoßen aus dem Kreis der G7 in Brüssel, blieb ihm nur noch das Abendessen mit François Hollande vor dem Mega-Ereignis in der Normandie. Zwar hatten die Medien über die Menü-Abfolge von Hollandes Doppel-Diner am Ende mehr zu berichten als über wirkliche politische Fortschritte. Doch François Hollande konnte mit seiner gastronomischen Charme-Offensive zumindest unterstreichen, wie wichtig ihm die Beziehungen zu beiden Kontrahenten im Ukraine-Konflikt sind. Wenn es gelingt, die Spannungen zwischen den USA und Russland beizulegen, reicht beim nächsten Besuch der "großen Männer" vielleicht nur ein einziges Abendessen.

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