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Lebensart

Kulinarische Berlinale: Auf der Suche nach der Seele des Essens

Es ist angerichtet bei der Berlinale: Zum 13. Mal öffnete das "Kulinarische Kino" wieder die Pforten. Auftakt war die Weltpremiere des spanischen Films "Soul" - eine cineastische Hauptspeise über zwei Ausnahmeköche.

"Wann komme ich schon mal nach Bilbao zu diesem tollen Koch", jubelt die ältere Dame und man spürt ihre Vorfreude auf "Soul", den Film über den baskischen Drei-Sterne Koch Eneko Atxa und das anschließende mitgebuchte exklusive Dinner im Berlinale-Restaurant.

Eneko Atxa und Jiro Ono

Das "Kulinarische Kino" ist ein Lieblingskind von Berlinale-Chef Dieter Kosslick und bei den Festivalbesuchern sehr populär. Unter dem Motto "Passion Food" sind in diesem Jahr ein halbes Dutzend Filme über berühmte Starköche und Sommeliers zu sehen, darunter der Koreaner Jeong Kwan, der Italiener Massimo Bottura und der Berliner Tim Raue.

Den Auftakt machte Eneko Atxa. Der 39-jährige Baske zählt zu den wenigen auserwählten Drei-Sterne-Köchen. Das allein könnte ja schon genug Stoff sein für einen Film wie "Soul", in dem sich die Regisseure Ángel Parra und José Antonio Blanco gemeinsam mit ihrem Protagonisten auf die Suche nach der Seele des Essens machen wollten. Doch damit nicht genug. "Soul" inszeniert über Erdteile und Ozeane hinweg ein Gespräch zwischen Eneko Atxa und einem anderen Drei-Sterne-Koch: dem legendären japanischen Sushi-Meister Jiro Ono.

Berlinale 2017 Filmstill Soul (Nasa Festimania )

Drei-Sterne-Koch aus dem Baskenland: Eneko Atxa

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Hier der junge baskische Starkoch, der wie ein Dompteur sein Koch- und Restaurant-Imperium Azurmendi in der Bucht von Bizkaia dirigiert, inmitten des saftigen Grüns einer ungemein fruchtbaren Landschaft, mit traumhaftem Blick auf die Küste und das ungestüm brausende Meer. Auf der anderen Seite der 90-jährige Jiro Ono, ein tiefenentspannter Meister des Sushi, der in Tokio ein vergleichsweise bescheidenes Restaurant betreibt. Anstelle des berauschenden Ausblicks auf die Bizkaia schauen seine Gäste auf Kellerwände. Um in den Genuss seines einzigartigen Sushi zu kommen, müssen sie eine steile Treppe hinabsteigen. Auch der damalige US-Präsident Obama nahm diese Mühsal auf sich – offensichtlich sehr gerne, wie die Bilder vom gemeinsamen Essen mit Japans Premierminister Abé belegen.

Millimeterarbeit beim Thunfisch

Berlinale 2017 Filmstill Soul (Nasa Festimania )

Tiefenentspannt: Der 90-jährige Sushimeister Jiro Ono

Was Eneko Atxa und Jiro Ono eint, ist eine nicht endende Neugier, die beständige Suche nach neuen Geschmacksnuancen und die fast schon verrückte Leidenschaft für Präzision. Es hat schon etwas von Erotik, wenn in Jiro Onos Küche der Thunfisch in Millimeterarbeit zugeschnitten wird. Oder wenn der Sushi-Meister persönlich mit größter Konzentration Fisch und Reis in seinen Händen formt. Hier kommt es auf nicht nur auf die exakte Portionierung an, sondern auch auf die richtige Wölbung des Sushi. 

Verglichen mit Eneko Atxas Großküche wirkt Jiro Onos Arbeitsplatz wie ein Meditationsraum. Da wird geschnitten, geformt und geschöpft – und das in größter Stille. Doch der Film lehrt, dass es auch anders funktionieren kann, obwohl es bei Eneko Atxa lebhafter und viel lärmiger zugeht: Wenn ihm die Kamera über die Schulter blickt, wie er weit vornübergebeugt, mit dem Gesicht ganz nah an der Arbeitsplatte, jede einzelne Auster auf dem Teller drapiert, dann halten die Zuschauer den Atem an, um ihn nicht aus dem Konzept zu bringen. Und eines wird klar: Minimalismus ist nicht nur eine fernöstliche Tugend.  

Beide Starköche sagen fast übereinstimmend, dass erst Leidenschaft und Emotion aus einem guten Koch einen herausragenden Koch machen. Doch der Film offenbart auch Mentalitätsunterschiede. Eneko Atxa liebt die Kommunikation, nicht nur in der Küche, sondern auch mit seinen Gästen. Jiro Ono dagegen bemerkt staubtrocken, dass er mit seinen Gästen niemals rede. Begründung: "Sonst könnte ich ja keine Sushi machen."

Eneko Atxa baskischer Sternenkoch (Piero Chiussi)

Beim Interview in Berlin: Starkoch Eneko Atxa

Enttäuschendes Finale

Beide Küchenchefs haben zwar voneinander gehört, sind sich aber nie begegnet. Nach dem ausgiebigen Ping-Pong beidseitiger Statements kommt es gegen Schluss des 75-minütigen Filmes endlich zum Treffen: Wir sehen, wie sich beide in Jiro Onos Restaurant die Hände schütteln und sich gegenseitiger Hochachtung versichern. Doch das war es dann auch schon. Keine Unterhaltung, kein gemeinsames Kochen, noch nicht einmal ein gemeinsames Mahl. Das, was als großes Finale angelegt war, endet in einer Enttäuschung.

Erst im DW-Interview verrät Eneko Atxa, was ihn bei der Begegnung mit Jiro Ono fasziniert hat: "Von Jiro habe ich gelernt, dass du die Leidenschaft und die Art zu arbeiten das ganze Leben lang beibehalten kannst."

Und was ist mit der Seele des Essens, die schließlich dem Film seinen Titel gibt? Auch hier bleibt der Film eine Antwort schuldig. Immerhin spricht Eneko Atxa im Interview von einer Philosophie, die alle erfolgreichen Chefs über die Kulturen und Kochschulen hinweg verbindet: "Du musst versuchen, Menschen glücklich zu machen, damit du selber glücklich sein kannst."

Am Ende bewahrheitet sich, dass Köche am besten durch ihre Kochkunst zu den Menschen sprechen: Auch hier in Berlin, im Berlinale-Restaurant, bei Austern, Tartar und Spuren von Seetang.

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