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Kultur

Kuehn: "Wir wollen die Religionen zusammenführen"

Ein Bethaus für drei Religionen zu entwerfen - das ist keine leichte Aufgabe. Für den Architekten Wilfried Kuehn kommt es dabei vor allem auf einen gemeinsamen vierten Raum an, wie er im Gespräch mit der DW erläutert.

Deutsche Welle: Jeder Architekt wünscht sich, einmal im Leben eine Kirche zu bauen. Nun bauen Sie gleich eine für drei Religionen…

Wilfried Kuehn: Für mich geht es nicht primär um das Religiöse. Wir sind keine Kirchenarchitekten, sondern Architekten. Spannend ist, dass hier nicht eine einzige Religion Auftraggeber ist, sondern dass es drei sind. Drei Religionen erzeugen zusammen vier Räume – nämlich die drei eigenen religiösen Räume plus einen vierten, verbindenden Raum, der dazwischen liegt. Deshalb ist der so wichtig, weil er etwas über die Möglichkeit erzählt, in unserer Gesellschaft verschiedene Kulturen zusammenzubringen, ohne sie zu vermischen, und ohne dass der eine über den anderen dominiert.

Alle Welt sehnt sich nach einem Ort, der religiöse Konflikte entschärft. Kann ein gemeinsames Gotteshaus so etwas leisten?

Bethaus Petriplatz Berlin, Ein gemeinsamer Raum im künftigen Gotteshaus soll Begegnungsort für Gläubige dreier Kirchen sein. Copyright: Architketurbüro Kuehn Malvezzi/Wilfried Kuehn via Angela Müller, DW Kultur

Ein gemeinsamer Raum im künftigen Gotteshaus soll Begegnungsort für Gläubige dreier Kirchen sein

Architektur kann einer Sache Form geben. Dieser vierte Raum spannt einen öffentlichen Raum zwischen den drei Religionen auf. Es geht um Raum für Verständigung, für Auseinandersetzung. Dialog hat zu tun mit einer gewissen Abgrenzung. Das Projekt will auch zeigen, wo die Unterschiede liegen. Wenn wir die politische Frage stellen: Was kann Architektur? Nun, sie kann Bedingungen schaffen für eine friedliche Auseinandersetzung, aber es bleibt eine Auseinandersetzung.

Nach außen wirkt Ihr Entwurf sehr abgeschottet. Was sich abspielen soll, passiert im Innern. Ist das Ihr Appell an die Religionsgemeinschaften - zu konzentrierter Auseinandersetzung miteinander anstatt Konflikte lärmend in aller Öffentlichkeit auszutragen?

Ich muss der Religion keine Empfehlung geben. Architektur funktioniert über den Raum. Der Raum formt sich innen und wird nach außen kommuniziert. Unser Gebäude arbeitet stark in dieser Spannung zwischen Körperform im Äußeren, die abschottet und schützt, und Raumform im Inneren, die eher weich ist und bergend. Ich glaube, dass jede Religion diesen Schutz braucht, um sich entfalten zu können.

Es geht also nicht, wie manche Kritiker meinen, um ein multireligiöses Disneyland?

Das ist ein Missverständnis. In Disneyland gibt es diesen vierten Raum nicht. In Disneyland haben Sie das Nebeneinander der Kulturimitate., Wir wollen die Religionen zusammenführen nicht sie auf Stereotype reduzieren. Das ist das Gegenprinzip zu Disney, das Gegenteil von Verkitschung.

Nehmen Sie die Diskussion um den Bau von Moscheen in Deutschland – die kreist meistens um Symbole: Dürfen Minarette gebaut werden oder nicht? Wenn Sie eine Disney-Moschee bauen wollten, würden Sie sie genau an ihren Symbolen aufziehen. Bei unserem Projekt geht es um etwas völlig anderes, nämlich um das Gespräch, das geführt werden soll, und nicht um die möglichst starke Selbstdarstellung von Einzelnen.

Wilfried Kuehn ist Architekt des Berliner Büros "Kuehn Malvezzi". Mit einem kühnen und und sehr klaren Entwurf hat er den weltweiten Architekturwettbewerb zum Bau des Bet- und Lehrhauses am Petriplatz in Berlin gewonnen.

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