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Amerika

Kubas Katastrophenplan

Gustav, Ike, Paloma - ein Jahr nachdem drei Hurrikans durch die Karibik zogen, sind in Kuba die schwersten Schäden behoben. Das sozialistische Land verfügt über einen beispielhaften Katastrophenplan.

Zerstörtes Haus (Foto: Lena Fabian)

Die Hurrikan-Saison 2008 war die schlimmste seit 50 Jahren

"Den Tag werde ich wohl nie vergessen." Luis nimmt einen tiefen Zug von seiner Popular. Dann schnippt er die Kippe weg, kneift die Augen zusammen und zeigt Richtung Küste. Am 30. August 2008, als der Hurrikan "Gustav" auf Kuba zuraste, stand Luis an derselben Stelle. "Irgendwann dachte, ich, geh lieber rein, das wird was Ernstes." 340 Stundenkilometer hat er dann gemessen. Luis arbeitet auf der Radar-Station am Punta del Este auf der Isla de la Juventud, rund 30 Kilometer vor dem Festland. Dort wo jetzt wieder Palmen und Gebüsch den Blick aufs Meer verstellen, war damals alle kahl, "wie verbrannt." Dann sei die Sturmflut gekommen. "Bis hier oben peitschte uns das Wasser um die Ohren." Luis klopft auf die dicken Mauern des Gebäudes: "Die hier halten 400 Stundenkilometer aus, aber bei Gustav hatten wir zum ersten Mal wirklich Angst."

Gustav, Ike und Paloma

Verwüsteter Acker (Foto: Lena Fabian)

Zehntausende Hektar Ernte zerstört - Kubas Landwirtschaft leidet unter den Folgen der Hurrikans

Nach "Gustav" kam "Ike", dann "Paloma" - die Hurrikan-Saison 2008 bleibt den Menschen auf Kuba als die schlimmste seit Beginn der Revolution vor 50 Jahren in Erinnerung. "Unsere Insel sah aus, als hätte eine Atombombe eingeschlagen", zitiert der Rentner José aus Nueva Gerona nochmal den Vergleich, den Fidel Castro in seiner Zeitungs-Kolumne vom 2. September 2008 zog. Mehr als 350.000 Häuser hatten die Stürme im letzten Jahr beschädigt oder zerstört. Tausende Hektar Agrarfläche und zahlreiche Vorratslager fielen den Hurrikans, die hier "Ciclones" genannt werden, zum Opfer. Doch im Gegensatz zur Nachbarinsel Haiti, wo im letzten Jahr nach inoffiziellen Schätzungen rund 600 Menschen ums Leben kamen, forderten die Hurrikans in Kuba nur vier Todesopfer, zwei davon kamen bei Aufräumarbeiten ums Leben. Das Frühwarnsystem und der Katastrophenschutz für die Bevölkerung gehören auf der sozialistischen Insel zur Weltspitze.

Dichtes Netz aus Messstationen

Radarstation (Foto: Lena Fabian)

Die Radarstation am Punta del Este auf der Isla de la Juventud

Nachdem der Hurrikan "Flora" 1963 im Osten der Insel eine Spur der Verwüstung hinterlassen und über 1.200 Menschenleben gefordert hatte, wurde in Kuba ein beispielhaftes Frühwarn- und Abwehsystem aufgebaut. Acht der 14 in der Karibik aufgestellten automatischen Radarstationen sind in Kuba installiert. In jeder der 14 kubanischen Provinzen existiert ein meteologisches Zentrum, das mit insgesamt 68 Beobachtungsstationen verbunden ist. Nur Argentinien und Brasilien, deren Fläche die Kubas um Tausende Quadratkilometer übersteigt, haben ein ähnlich ausgebautes Netz an Wetterstationen.

Als sich die Hurrikans im letzten Jahr der Küste näherten, wurden Hunderttausende evakuiert - allein im Westen, in der Provinz Pinar del Rio und der Isla de la Juventud mussten 200.000 Menschen ihre Häuser verlassen. "Das Gute ist, dass hier in Kuba jeder irgendwie organisiert ist, in Gemeindegruppen, in der Kirche, in Nachbarschaftsvereinigungen", erklärt José. "Jedes Jahr machen wir alle gemeinsam ein Katastrophentraining und auf diese Strukturen können wir uns im Ernstfall stützen."

Der Staat hilft

Si, se puede - Gemeinsam sind wir stark: Aufruf zur Unterstützung der Aufräumarbeiten nach den Hurrikans 2008 (Foto: Lena Fabian)

"Si, se puede" - Gemeinsam sind wir stark: Aufruf zur Unterstützung der Aufräumarbeiten nach den Hurrikans 2008

Bei Evakuierung steht das öffentliche Leben auf der Insel still, Flughafen, Busterminals, der Autoverkehr, die Supermärkte - alles bleibt geschlossen. Über das Radio, das an den meisten öffentlichen Plätzen durch Lautsprecher übertragen wird, und per Fernsehen, wird durchgegeben, was zu tun ist: "Lose Gegenstände sichern, Autos eng beieinander parken, Trinkwasser und Nahrungsmittel-Reserven anlegen und Kerzen einpacken...“ Josés Frau Alma rattert die Liste herunter wie im Schlaf. José erinnert sich: Als das Dach teilweise vom Haus gerissen wurde, habe er versucht sich im Bad zu verstecken, doch dann habe Gustav auch dort die Dachplatten weggefegt. "Ich dachte, jetzt ist es aus, doch dann winkten mir die Nachbarn von dort drüben zu, denn deren Haus hatte damals schon eine Plakette.“

Eine Plakette erhält, wessen Haus vom Staat als sturmsicher eingeschätzt wird - ein mit Stahlbeton gesichertes Dach, mit Gittern befestigte Fenster und Türen. Jede Stadt, jede Region verfüge über einen Plan, in den private oder öffentliche Notfallunterkünfte eingezeichnet seinen. In Bussen und Lastwagen werden die Evakuierten dorthin gebracht, Gesundheitsbrigaden ziehen in abgelegene Gebiete. Tausende Helfer der Zivilverteidigung kümmern sich um die Lebensmitteldepots, versorgen Notagregatoren mit Diesel, bringen die Tiere auf dem Land in Sicherheit. "Die Insel war wie ein Gefängnis, der Hafen, der Flughafen, alles war zerstört und trotzdem: Zwei Tage nach dem Sturm bekamen wir Lebensmittel und Baumaterial vom Staat“, erinnert sich Josés Frau Alma. "Heute haben wir selbst eine Plakette."

Das Tal von Vinales in der Provinz Pinar del Rio (Foto: Lena Fabian)

Das Tal von Viñales in der Provinz Pinar del Rio - 2008 zerstörten die Hurrikans hier 16.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche

Solidarität, Anleitung zum gemeinschaftlichen Handeln, das sei der entscheidende Faktor in Kubas Krisenmanagement. Das stellte 2008 auch Oxam America in einer vergleichenden Studie der Karibikanrainer fest. “Wir werden hier nicht allein gelassen“, sagt José und zwinkert: "Hier in Kuba ist ja das Volk der Staat, anders als bei euch, wo er sich die Taschen voll macht. Unser Geheimnis heißt 'Fidel'."

Revolution der Jugend

Auf die Castros lassen die beiden nichts kommen. Ihr kleines Häuschen, ihre Insel, sogar ihre Ehe - alles haben sie der Revolution zu verdanken. Nach dem Sturz der Batista-Diktatur sollte die landwirtschaftliche Entwicklung auf der Insel vorangetrieben, neue Städte und Gemeinden gebaut werden. Zu diesem Zweck kamen Tausende Jugendliche auf die Isla, die kurz darauf in Isla de la Juventud "Jugendinsel“ umbenannt wurde. José und Alma kamen 1966 - kurz zuvor hatte ein schwerer Hurrikan die ersten Bemühungen zunichte gemacht. "Alma hieß der." José blickt seine Frau liebevoll an. "Als ich ankam, um die Schäden aufzuräumen, hat es mich erwischt." Beide lachen.

Doch nicht alle können sich ein Jahr nach den Hurrikans so unbesorgt zurücklehnen. Rund die Hälfte der Häuser auf der Insel haben - obwohl in der Zwischenzeit wieder ein Trupp Jugendlicher zur Aufbauhilfe geschickt wurde - noch kein Dach. Auf Kuba sollen noch rund 200.000 Unterkünfte beschädigt sein. Und das, wo Kuba ohnehin ein Problem bei der Bereitstellung von Wohnraum hat.

Schaden in der Landwirtschaft

Bauern bei der Arbeit auf einem Reisfeld im Tal von Vinales (Foto: Lena Fabian)

Bauern bei der Arbeit auf einem Reisfeld im Tal von Vinales

Nicht alle sind daher voll des Lobes für das Krisemanagement der Castros. "Die Hilfe kommt zu langsam“, sagt Juan Carlos, er hat eine kleine Finca im Tal von Viñales in der westlichen Provinz Pinar de Rio. In Kuba ist Baumaterial knapp, es muss importiert werden. Kanada hilft, ebenso Brasilien, China, Russland und natürlich die südamerikanischen Bruderstaaten Venezuela, Bolivien, Ecuador. "Aber weil wir hier zusätzlich ein Transportproblem haben, denn mit der Krise spitzt sich auch die Treibstoffknappheit zu, kommt hier wenig an, es dauert einfach zu lange“, sagt Juan Carlos.

Zusätzlich klagt er über mangelnde Hilfe für Kleinbauern. Pinar del Rio ist eines der der wichtigsten landwirtschaftlichen Zentren des Landes. "Meine ganze Ernte ist dem Hurrikan zum Opfer gefallen", sagt Juan und zeigt auf ein Feld junger Bananenstauden: "Das dauert noch mindestens zwei, drei Jahre bis die wieder voll an Früchten sind und das auch nur, weil die Erde hier so fruchtbar ist.“

16.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, so offizielle Angaben aus dem Landwirtschaftsministerium, seien zerstört worden. Dazu kommt die extreme Hitze in diesem Jahr: Die Niederschläge in der Regenzeit sind so gering wie lange nicht mehr.

Der Unmut wächst

Kleinbauer Juan Carlos vor der Baustelle seines neuen Hauses (Foto: Lena Fabian)

Kleinbauer Juan Carlos vor der Baustelle seines neuen Hauses

Kleinbauer Juan Carlos hatte in den Vorjahren extra einen kleinen Acker angelegt, auf dem er Früchte für den Verkauf auf dem Bauernmarkt anbaute - ein kleines Extraeinkommen, das nun wegfällt. "Dafür bekomme ich keinen Ersatz vom Staat und andere Einkommensmöglichkeiten habe ich nicht.“ Manchmal fährt er deswegen Touristen zu Sehenswürdigkeiten im Tal, mit seiner Pferdekutsche: "Das ist aber illegal, denn ich habe keine Tourismus-Lizenz." Wenn sie ihn erwischen, könnte er seinen Karren und das Pferd verlieren. "Darauf habe ich sieben Jahre gespart.“

Auch den Bauernmärkten in Havanna ist die Krise inzwischen zu spüren: Es gibt weniger und die Transporte stocken. "Die Ananas ist zu sauer, Mango gibt es so wenig wie nie, Mais habe ich diesen Monat noch gar nicht gesehen“, beschwert sich eine Kundin. Auch das gravierende Transportproblem führt dazu, dass viele Produkte nicht auf den Märkten ankommen. Der Unmut in der Bevölkerung wächst: "Die Hurrikans, die internationale und dann unsere ganz alltägliche Krise - das alles führt dazu, dass unsere Mangelwirtschaft immer dramatischer wird", flüstert ein Marktbesucher.

José und Alma sitzen währenddessen in ihrem Innenhof auf der Isla und nehmen sich an den Händen: "Wir beschweren uns nicht, so ist das eben hier auf Kuba, wir haben - trotz Krise, trotz des US-Embargos - doch immer einen Weg gefunden. Schließlich sind wir immer noch hier."

Autorin: Lena Fabian

Redaktion: Anna Kuhn-Osius