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Sport

Kubas Botschafter der Revolution

Trotz knapper Mittel hat es Kuba in der olympischen Geschichte weit gebracht. Doch weil die Sportler der sozialistischen Insel zum Amateurdasein gezwungen sind, nutzen viele ihren Wettkampf zur Flucht.

Asley Gonzales wirkt wie aus einem Felsbrocken geschlagen. Der Judoka aus der Provinz Villa Clara, im Herzen von Kuba gelegen, bindet seinen schwarzen Gürtel und mustert die Tribüne der Londoner Excel-Arena. Dort sitzen seine Teamkollegen in rotblauen Anzügen und schwenken kubanische Fähnchen. Gonzales schleudert, hebelt, wuchtet seine Gegner über die Matte. Der 22-Jährige verliert erst im Finale in der Klasse bis 90 Kilogramm – und gewinnt die Silbermedaille.

Olympia ist die Bühne der besten Sportler, zu denen mittlerweile auch Asley Gonzales gehört. Olympia ist aber auch eine Bühne für Regime, die international kaum auf Akzeptanz stoßen. Zu denen gehört Kuba, die Heimat von Gonzales. Das sozialistische Eiland hat – gemessen an seiner Größe und Wirtschaftskraft – sportlich viel erreicht: Zu Beginn der Spiele in London lag Kuba im ewigen Medaillenspiegel auf Platz 20, vor Sportnationen wie Spanien oder Brasilien. Fidel Castro hat seine Sportler stets als "Botschafter der Revolution" gepriesen. Wie einst die Machthaber der DDR hoffte Castro, dass Athleten die Ideen des Sozialismus verbreiten würden.

Gehälter über dem Durchschnitt sind tabu

Das Muskelpaket Gonzales schleppt sich nach seiner Niederlage gegen den Südkoreaner Dae-Nam Song in die Kabine. Auf dem Weg murmelt er etwas von Trauer, Stolz und Ehre. 110 kubanische Athleten treten in 13 Sportarten an. Wie Gonzales dürften wenige nach ihrer Rückkehr gefeiert werden. "Für uns Kubaner ist Sport ein wichtiger Teil unserer Kultur", sagt Julia Osendi, eine der bekanntesten Fernsehjournalistinnen Kubas. "Die Athleten haben das große Privileg, in Länder zu reisen, in denen unsere Politiker noch nie gewesen sind."

Asley Gonzalez Montero (r.) kämpft gegen Song Dae-Nam bei Olympia 2012 (Foto: AFP/GettyImages)

Kämpft für die Revolution: Judoka Asley Gonzalez (r.) holte Silber für Kuba und blieb im Anschluss wortkarg

Julia Osendi, von ihren Kollegen Julita genannt, trägt in London einen Sportanzug, den auch Athleten tragen. Es seien ihre sechsten Spiele als Reporterin, sagt sie, "der Revolution sei Dank". Im kubanischen Sport ermöglicht das Regime Nachwuchsschulen und Talentsichtungen, aber er verbietet einen ausgeprägten Wettbewerbs- und Profitgedanken. Fidel Castro wollte nie Profis, sondern Amateure. Für ihre Motivation erhalten Spitzensportler mal ein Auto oder eine Wohnung – Gehälter über dem Schnitt der Bevölkerung sind tabu. Ikonen wie der Boxer Félix Savón oder der Baseballspieler Omar Linares gaben sich damit zufrieden und lehnten Angebote aus den USA gelassen ab.

Flucht im Fischerboot

"Leider hat das Land nicht die Macht und das Geld, alle Sportler in Kuba zu halten", sagt Julia Osendi. "Doch die meisten Athleten wollen in den Wettbewerben ihre Liebe zur Heimat ausdrücken." Aber: Die Zahl der Sportflüchtlinge ist seit den 90er Jahren gestiegen. Im Nationalsport Baseball sind mehr als fünfzig Spieler in die amerikanischen Ligen gewechselt. Der berühmteste von ihnen, Orlando Hernández, flüchtete in einem Fischerboot auf das amerikanische Festland. Hernández erhielt einen Vertrag bei den New York Yankees, einem der reichsten und berühmtesten Sportvereine der Welt. Er wurde Millionär und kubanisches Idol im Exil. Viele Landsleute vergöttern Hernández als einen, der es in eine wohlhabende Welt geschafft hat. Denn auch für ihn galt das Gesetz: Kubaner, die die USA betreten haben, dürfen bleiben und nach einem Jahr einen Wohnsitz beantragen.

Odlanier Solis (Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Boxer Solis holte 2004 Olympiagold für Kuba, floh danach in die USA und kämpfte 2011 gegen Vitali Klitschko

Ein Fluchtweg, der Nachahmer fand: Fußballer gingen nach Mexiko, Volleyballer nach Italien, Ringer nach Deutschland. Nach den Spielen von Athen 2004 kehrten vier der fünf kubanischen Box-Olympiasieger ihrer Heimat den Rücken. Fidel Castro sprach von "Verrat an der Revolution". Vor jedem internationalen Wettkampf werden die Athleten vor den „Gefahren des Kapitalismus“ gewarnt, ganz ähnlich wie es früher die Führung der DDR mit ihren sportlichen Aushängeschildern tat. Auch auf den Sportanlagen in London werden die kubanischen Sportler von ihren Betreuern selten aus den Augen gelassen. Der Máximo Lider Fidel Catro, der in jungen Jahren selbst Baseball gespielt hatte, "will nicht noch mehr Söhne verlieren", wie er es oft formuliert hat. Ob er sich noch für Olympia interessiert und die Wettkämpfe vor dem Fernseher verfolgt? "Natürlich", ist sich die Reporterin Julia Osendi sicher, "den ganzen Tag."

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