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Kultur

Kuba, die USA und der Papst: "Eine Sensation, aber keine Überraschung"

Die Annäherung zwischen den USA und Kuba nach mehr als einem halben Jahrhundert eisiger Feindschaft ist eine Sensation. Dabei überraschte, wem beide Seiten für die unauffällige Vermittlung dankten: dem Vatikan.

Es ist eine der wenigen positiven Nachrichten eines weltpolitischen Krisenjahres: Papst Franziskus persönlich sorgte für Bewegung in den Gesprächen zwischen Washington und Havanna. Ungewöhnlich offen erläuterte der Chef der vatikanischen Diplomatie, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, das Engagement: "Sicher war die Rolle von Papst Franziskus bestimmend, denn er ergriff diese Initiative, schrieb Briefe an die beiden Präsidenten und lud sie ein, die Schwierigkeiten zu überwinden und einen Ansatzpunkt zu finden", sagte er gegenüber Radio Vatikan.

Papst Franziskus Rückreise nach Rom 30.11.2014

Mahner: Papst Franziskus

Dieses Engagement und die Anstrengungen des Papstes seien sicher auch darin begründet, dass Franziskus "aus jener Region kommt und daher tatsächlich die Problematik kennt". Was der Vatikan-Diplomat da schildert, gilt auch für ihn selbst: Der Italiener war von 2009 bis 2013 als Nuntius Botschafter des Papstes in Venezuela, einem der engsten Verbündeten Kubas in der jüngeren Vergangenheit. Damit profiliert sich der Vatikan - der zu Zeiten des Kalten Krieges auf unterschiedlichen Ebenen vermittelnd aktiv war, jedoch in den letzten Jahren eher durch diverse Skandale auffiel - nach längerer Zeit mal wieder als diplomatischer Akteur. Ohne großes Aufsehen, ohne vorherige Indiskretionen. Auf dem Kontinent des Papstes, in dessen spanischen Sprachraum.

"Seit langem Freunde"

Annäherung Kuba USA - Jubel in Havanna

Nach der Annäherung zwischen Kuba und den USA jubeln die Menschen in Havanna

Für Raul Fornet Beancourt ist das amerikanisch-kubanische Tauwetter eine Sensation - wirklich überrascht von der Vermittlungsarbeit der katholischen Kirche zeigt er sich aber nicht. Der gebürtige Kubaner arbeitet als Philosoph und Sozialwissenschaftler in Aachen und Eichstätt - er ist einer der besten Kenner der katholischen Kirche Kubas in Deutschland. Mit seinen persönlichen Briefen spiele Franziskus eine entscheidende Rolle, so Fornet Beancourt gegenüber der Deutschen Welle. Es gelte: "Wenn eine Institution auf Kuba Ansehen genießt, dann ist es die katholische Kirche – auch bei Leuten, die nicht zum Gottesdienst gehen." Fornet Beancourt verweist vor allem auf die Gestalt des kubanischen Kardinals Jaime Ortega. Der stehe seit langem im Gespräch mit Repräsentanten der kommunistischen Führung in Havanna. Ortega dränge auf Reformen, setze sich für Dissidenten ein, sei darin erfolgreicher gewesen als beispielsweise die Europäische Union. Der Kardinal trug auch zum Gelingen der Kubabesuche von Johannes Paul II. (1998) und Benedikt XVI. (2012) bei.

"Makler zwischen Welten"

Raúl Fornet Betancourt

Raúl Fornet Betancourt kennt sich bestens mit Kubas Kirche aus

Und Ortega, so Fornet Betancourt, sei schon lange vor der Papstwahl 2013 mit dem argentinischen Erzbischof Jorge Mario Bergoglio, dem heutigen Papst Franziskus, befreundet gewesen. Das hilft offensichtlich. Und pötzlich erinnert man sich, dass es jener Kardinal Ortega war, der nach der Wahl des Argentiniers Bergoglio dessen harte Kritik an der Lage der Kirche, am "theologischen Narzissmus", in der Zeitung "Palabra Nueva" der kubanischen Kirche veröffentlichte - und damit eines der ersten deutlichen Signale für den Kurs des neuen Pontifikats setzte. Zu dieser Nähe trägt gewiss die vitale Präsenz des Jesuitenordens auf Kuba ihren Teil bei. Die Seite jesuitascuba.org beispielsweise zeigt Aktivitäten in fast allen Regionen der Insel. Ähnlich äußert sich der Geschäftsführer von Adveniat, dem Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, Prälat Bernd Klaschka. Er traf Ortega zuletzt Mitte November in Havanna. Der Kardinal sei in Gespräche zwischen Kuba und den USA involviert gewesen. Ortega, so Klaschka, genieße das Vertrauen der kubanischen Führung und sei "ein ehrlicher Makler zwischen beiden Welten". Ortega war auch maßgeblich an Gesprächen der Bischofskonferenzen beider Länder beteiligt, die der politischen Aussöhnung vorangingen.

"Und doch nur ein Anfang"

Reaktionen von Exilkubanern in Miami auf die Annäherung von USA und Kuba

Auch Exilkubaner (hier in Miami) freuen sich über die Annäherung

Fornet Betancourt rechnet nicht mit sofortigen Ergebnissen und sieht in der neuen Grundausrichtung "nur einen Anfang". Beide Seiten, Washington und Havanna, stünden noch vor einer schwierigen Agenda. "Kubaner sind bei allen Fragen ihrer nationalen Souveränität besonders empfindlich", sagt der 68-Jährige. So stünden jetzt viele Fragen zur weiteren Aufarbeitung an: die nationale Sicherheit Kubas und die Zukunft des umstrittenen US-Gefangenenlagers Guantanamo, die Klärung des kubanischen Demokratie- und Menschenrechtsverständnisses, die Rolle Kubas in der internationalen Politik. Trotzdem sei die aktuelle Entwicklung ein "neuer Anfang mit wirklich historischer Bedeutung". Franziskus könne zu der Gestalt werden, durch die das letzte Relikt des Kalten Krieges überwunden wird. Vor allem aber sieht Fornet Betancourt die jetzigen Veränderungen als "Teil der pastoralen Linie" von Papst Franziskus. Der Jesuit im Vatikan arbeite daran, dass die Kirche in seinem Heimatkontinent "zurück zu einer Volkskirche" finde, dass sie "näher am Volk sei, weg von Prinzipien und Dogmen". Das passt zu der allmählich deutlicher werdenden theologischen Einordnung des Papstes. Häufig gilt er als liberal, gelegentlich aber (zugleich) als konservativ.

Mandela Trauerfeier Johannesburg 10.12.2013 Obama und Castro

Obama und Castro zeigten sich bereits auf der Trauerfeier für Nelson Mandela in Johannesburg versöhnlich (10.12.2013)

Dabei steht er für eine "Theologie des Volkes", sozusagen die argentinische Variante der in Europa bekannteren "Theologie der Befreiung". So wirkt der Papst eher wie ein weiser Pastor als wie ein kluger theologischer Gelehrter. Er ist - als Mitglied des Jesuitenordens - nicht unintellektuell, gibt sich aber nicht intellektualisierend. Das gelte übrigens genau so für die kubanische Kirche. Die Bischöfe des Landes seien keine Intellektuellen, "aber sie sind Pastoren, sie sind nah bei den Menschen, haben keinen anderen Lebensstil". Der Stil von Franziskus hat nach Einschätzung des Philosophen auch Auswirkungen auf die Arbeit der Nuntiaturen, der päpstlichen Botschaften weltweit. Sie veränderten sich derzeit. Weg von Kontrollbehörden, hin zu Vermittlungsdiensten.

Ein Heiliger...

Fornet Betancourt sieht selbst noch in dem Termin, an dem die Annäherung bekannt gegeben wurde, einen Beleg für die moderierende Rolle der Kirche. Der 17. Dezember ist der Namenstag des Heiligen Lazarus, „das ist einer der populärsten Heiligen in Kuba“. Tausende Kubaner zögen an dem Tag zu Wallfahrten los. Bei seiner Verehrung auf der Insel kämen katholische und afrokubanische Elemente zusammen. "Für viele Kubaner bewirkte der Heilige Lazarus die Aussöhnung."

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