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Wirtschaft

Krugman sucht Krawall

Der US-Ökonom Paul Krugman bezeichnet Bundesbank-Chef Axel Weber als "Risiko für den Euro" - und löst damit einen heftigen Streit über die richtige Wirtschaftspolitik aus.

Paul Krugman (Foto: apn)

Der Mann, der Weber für ein Risiko hält: Paul Krugman

Der G20-Gipfel in Kanada steht unter keinem guten Stern. Die Europäer wollen über Finanzmarktreformen und Schuldenabbau sprechen, während US-Präsident Obama neue Konjunkturprogramme fordert und die deutschen Exportüberschüsse kritisiert. Und Obamas prominentester wirtschaftspolitischer Berater, der Nobelpreisträger Paul Krugman, fährt einen Frontalangriff gegen die deutsche Stabilitätskultur: In einem Handelsblatt-Interview bezeichnet er Bundesbank-Chef Axel Weber, der als Favorit im Rennen um die Nachfolge von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet gilt, als ein "Risiko für den Euro".

Der Streit zwischen Europa und Amerika über die richtige Wirtschaftspolitik hat viele Ursachen. Eine dieser Ursachen ist die unterschiedliche Mentalität der Akteure: Amerikaner gehen das Problem der Staatsschulden und der Inflation viel lockerer und hemdsärmeliger an als die Nordeuropäer. Eine aktive und aggressive Geldpoltitik der Notenbank könnte die Konjunktur anschieben und Arbeitsplätze schaffen, glauben sie. Die Europäer und vor allem die Deutschen dagegen sind stolz darauf, dass die Europäische Zentralbank einzig und allein dem Stabilitätsziel verpflichtet ist - und kein Instrument zur Ankurbelung der Konjunktur ist.

Mehr Inflation für mehr Arbeitsplätze?

Olivier Blanchard (Foto: apn)

Will vier Prozent Inflation in Kauf nehmen: IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard

Ähnlich locker sehen die Amerikaner das Problem der exorbitanten Schulden, die viele Staaten zur Ankurbelung der Konjunktur angehäuft haben. "Ich habe kein Problem damit, dass man in fünf oder zehn Jahren versucht, den Haushalt auszugleichen", sagte US-Ökonom Paul Krugman dem Handelsblatt. "Die Frage ist doch, ob man damit beginnen soll, wenn die Wirtschaft sieben oder acht Prozentpunkte unter ihrer normalen Auslastung liegt und die Leitzinsen bei Null stehen. Jetzt ist nicht die Zeit, sich über Defizite Sorgen zu machen."

Der Streit hat viele Ursachen - und eine Vorgeschichte. In der Finanzkrise haben die Notenbanken die Wirtschaft mit Geld überschwemmt. Fachleute fürchten deshalb, dass wir vor einer Teuerungswelle stehen, wenn die Zentralbanken nicht bald wieder den Geldhahn zudrehen. Bundesbank-Chef Axel Weber mahnte deshalb schon früh an, über geeignete Exit-Strategien nachzudenken. Doch im März sorgte der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, für eine kleine Sensation: Er schlug vor, die Zentralbanken der westlichen Welt sollten ihr Ziel, die Geldentwertung auf zwei Prozent zu begrenzen, aufgeben - und stattdessen eine doppelt so hohe Inflationsrate akzeptieren.

Spiel mit dem Feuer

Axel Weber (Foto: apn)

Bundesbankpräsident Axel Weber: "Grob fahrlässig"

Das rief Bundesbankchef Axel Weber auf den Plan. Er bezeichnete den Vorstoß des IWF als "grob fahrlässig und schädlich". Damit werde die über Jahrzehnte mühevoll gewonnene Glaubwürdigkeit der Geldpolitik auf dem Altar der Krisenbewältigung geopfert, schrieb er in der "Financial Times Deutschland". Das sei ein "Spiel mit dem Feuer". Weber gilt auch als ausgemachter Gegner der neuen Politik der Europäischen Zentralbank, die im Zuge der Euro-Krise seit Mai Staatsanleihen hoch verschuldeter Länder ankauft. Er hatte öffentlich seinen Unmut über diese Entscheidung geäußert, obwohl auch andere Notenbanken wie die von England oder den USA in der Krise schon zu diesem Instrument gegriffen haben.

Für US-Ökonom Krugman ist Weber deshalb inzwischen ein rotes Tuch: "Er macht sich Sorgen über Inflation, wenn es keine Inflation gibt. Wenn man jemanden sucht, der auf null Prozent Inflation zielt, während die Arbeitslosigkeit auf 13 Prozent steigt, dann ist Weber sicher der richtige Mann", diktierte er dem Handelsblatt.

Billige Anmache

Der Präsident des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus F. Zimmermann (Foto: dpa)

DIW-Präsident Klaus Zimmermann: "Billige Anmache"

Allerdings hat Weber auch prominente Volkswirte, die ihm den Rücken stärken. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, bezeichnete Krugmans Worte als "billige Anmache", die wenig überzeugen könne. "Axel Weber war einer der wichtigsten Akteure bei der Bewältigung der Finanzkrise, er wäre als EZB-Präsident ein glaubwürdiger Garant für einen stabilen Euro", sagt Zimmermann. Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, reagiert mit Unverständnis auf Krugmans Kritik. Weber repräsentiere eine Stabilitätskultur, die der Euroraum mehr denn je brauche. "Ich verstehe nicht, dass das ein Nobelpreisträger in Frage stellen kann."

Auch der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, stärkt Weber den Rücken. "Er erfüllt alle Voraussetzungen, um ein fantastischer EZB-Präsident zu sein", sagte er dem Handelsblatt. Weber habe ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl, einen riesigen Wissensstand, interpretiere seine Aufgabe sehr breit, und wisse, wie wichtig es sei, die Inflationserwartungen stabil zu halten. "Wenn heute eine Inflationsrate von vier Prozent zugelassen wird, stehen morgen sechs Prozent und übermorgen acht zu Debatte. Das darf nicht sein und das weiß und beherzigt Weber."

Autor: Rolf Wenkel

Redaktion: Andreas Becker

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