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Bundesliga

Krug: "Natürlich wird es gerechter werden"

Ab kommender Saison wird der Video-Assistent in der Fußball-Bundesliga eingeführt. Das Ziel sei, klare Fehlentscheidungen auszumerzen, erklärt Projektleiter Hellmut Krug im DW-Interview.

DW: Wird es ab der kommenden Saison weniger Fehler geben?

Hellmut Krug: Das hoffen wir. Es wird Entscheidungen geben, die, wenn wir sie als klar falsch identifizieren, korrigiert werden. Das wäre ein Riesenerfolg. 

Klare Fehlentscheidungen - welche sind das denn?

Beispielsweise das Andreasen-Handspiel oder das Handspiel von Thierry Henry, das über die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft entschieden hat. Diese klaren Sachverhalte, die am Ende für unendlich viele Diskussionen sorgen und über die es keine Zweifel gibt, dass es sich um eine Fehlentscheidung handelt, die wollen wir ausmerzen.

Es gibt nur vier Kategorien, bei denen der Video-Assistent überhaupt eingreifen darf. Welche sind das?

Torerzielung, also die Frage, ob ein Tor korrekt erzielt worden ist, ob es ein Foul oder eine Abseitsstellung gegeben hat, ob der Ball im Aus war. Strafraumsituationen: War der Pfiff des Schiedsrichters berechtigt? Fehlte vielleicht ein Strafraumpfiff? Dann haben wir Rote-Karte-Situationen, also Fouls im Rücken des Schiedsrichters, die eine Rote Karte nach sich ziehen müssen, aber auch Notbremsen-Situationen oder auch grobes Foulspiel. Die letzte Kategorie sind Spielerverwechslungen, also wenn der Schiedsrichter nicht mehr weiß, welchen Spieler muss er verwarnen oder wenn er sogar den falschen Spieler verwarnt hat.

Darf der Video-Assistent den Schiedsrichter überstimmen?

Nein. Der Videoassistent ist nicht für die Spielleitung verantwortlich. Er ist ein weiterer Assistent des Schiedsrichters. Wenn man so will ist er der dritte Assistent neben dem Vierten Offiziellen. Er soll den Schiedsrichter genauso unterstützen, wie es ein Assistent von der Seitenlinie aus tut, wobei ihm bestimmte Kategorien vorgegeben sind, bei denen es möglicherweise einen Eingriff geben kann.

Gewöhnungsphase für Videobeweis

Wie, denken Sie, werden die Zuschauer reagieren?

Wir wissen nicht, wie die Zuschauer reagieren werden. Es wird letzten Endes davon abhängen, ob die Entscheidungen, die da getroffen werden, tatsächlich richtig sind. Sicher wird es eine Gewöhnungsphase sein, die wir benötigen. Ich glaube, alle Welt wird dem erstmal offen gegenüber stehen und wir werden sehen, wie die Leute reagieren.

Noch ist nicht entschieden, in welcher Form Zuschauer, Spieler, ja auch die Medien mitbekommen, dass der Video-Assistent eingreift. Gerade bei einem verspäteten Pfiff könnten die Reaktionen heftig ausfallen…

Natürlich - wenn auf der anderen Seite für Mannschaft A ein Strafstoß hätte gegeben werden müssen, Mannschaft B aber ein Tor erzielt. Und dann wird das Tor von B aberkannt, weil Mannschaft A einen Strafstoßpfiff hätte bekommen müssen - dann wird es sicherlich unruhig werden. Aber wir sollten das Szenario nicht überzeichnen.

Fußball - Torlinientechnik Hawk Eye (picture-alliance/dpa)

Erst kam die Torlinientechnologie, jetzt der Video-Schiedsrichter

Fans befürchten viele Unterbrechungen des Spiels, wie sind Ihre Erfahrungen aus der Offline-Testphase?

Es wird nicht viel längere Spiele geben, die Nachspielzeit haben und acht, neun, zehn Minuten länger dauern. In den meisten Fällen wird es so sein, dass der Ball aus dem Spiel ist, bzw. das Spiel schon ruht. Nach unseren Erfahrungen im Replay-Center in Köln, wo wir jedes Wochenende vier Spiele analysieren, gibt es zwischen eins bis sechs Situationen, die überhaupt erstmal einen Kommunikationsprozess zwischen Schiedsrichter und Video-Assistenten in Gang setzen würden. An jedem Spieltag waren es ein bis zwei Situationen, die tatsächlich zu einem Umstimmen geführt hätten.

Wie wird der Videobeweis das Spiel verändern? Wird es gerechter werden?

Ich glaube nicht, dass er den Fußball so verändern wird, wie viele Personen es befürchten. Natürlich wird es gerechter werden. Wenn es gelingt, klare Fehlentscheidungen zu vermeiden, dann wird es automatisch gerechter werden und es trägt dazu bei, das ein Teil des Drucks von den Schiedsrichtern genommen wird, weil sie wissen, da ist jemand im Hintergrund, der kann ihnen möglicherweise dabei helfen, eine klare Fehlentscheidung zu vermeiden.

Wenn man jede Situation per TV-Bild überprüfen kann, wo bleibt das Menschliche? Anders gefragt: Welche Gefahren birgt die Arbeit mit Fernsehbildern?

Schiedsrichter müssen sich daran gewöhnen, dass sie Standbild und Zeitlupe in sinnvoller Art und Weise einsetzen. Wenn ich das übertrieben einsetze, gerade wenn es darum geht, eine Personalstrafe festzulegen, ohne zu berücksichtigen, was insgesamt passiert ist, ohne das Normaltempo zu berücksichtigen, kann es sein, dass ich zu schnell zu einer Roten Karte greife und die Personalstrafe schlichtweg nicht stimmt.

Hellmut Krug war von 1984 bis 2003 Schiedsrichter für den Deutschen Fußball-Bund und wurde 1991 vom Weltfußballverband zum FIFA-Schiedsrichter berufen. Bis 2007 leitete er die Fußballschiedsrichter-Abteilung beim DFB. Aktuell ist er Projektleiter Video-Assistent beim DFB und der Deutschen Fußball Liga.

Das Interview führte Olivia Gerstenberger.

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