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Kultur

Kronzeugen des Klimawandels

Was passiert, wenn das Klima sich ändert, wenn die Gletscher schmelzen? Münchner Glaziologen liefern wenig optimistische Einschätzungen - sogar die Stabilität der Alpen ist gefährdet.

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Wasserspeicher auf dem Rückzug

Nur ein Viertel der weltweiten Wasserreserven entfällt auf Grundwasser, Seen und Flüsse oder das Wasser in der Atmosphäre. Drei Viertel bestehen dagegen aus Schnee und Eis. Die Gletscher sorgen dabei in Deutschland - wie auch in vielen Regionen weltweit - für einen stabilen Wasserhaushalt.

Gletscher als Langzeitspeicher

Mehr als 5000 Gletscher gibt es noch in den Alpen. Man könnte sie als Langzeitspeicher von Wasser bezeichnen, in dem über viele Jahre Wasser-Rücklagen gebildet wurden.

Aber wie lange gibt es diese Speicher noch? Derzeit verlieren sie rasch ihre Rücklagen. Was passiert, wenn die Gletscher weiter schmelzen, wie schon im vergangenen heißen Sommer? Klar ist: Wenn das Gletscher-Wasser ausbleibt, ist mit gravierenden Folgen zu rechnen: Engpässe in der Energieversorgung, Behinderung der Flussschiffahrt durch Niedrigwasser, zeitweiliger Trinkwassermangel.

Belege für den Klimawandel

In München hat es sich eine Forschungsgruppe zur Aufgabe gemacht, das Ausmaß und die Folgen der schmelzenden Gletscher zu untersuchen. Dass von den Gletschern im Sommer mehr abfließt als im Winter dazu wächst, erfahren die Glaziologen von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vor allem durch ihre Forschungsstation am Vernagtferner im österreichischen Ötztal. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden erste Vermessungen. Heute ist der noch gut acht Quadratkilometer große Gletscher mit rund 40 Messstäben durchbohrt. "Wir können belegen, dass tatsächlich Bewegung im Klimageschehen stattfindet", sagt Gletscherforscher Ludwig Braun. "Die Sommer werden eher heiß werden und die Winter mehr Stürme zeigen, weil sich die ganzen Zirkulationsmuster der Atmosphäre sich verändern. Wir sind so quasi Kronzeugen dieses Klimawandels."

Grund genug für die Münchner Rückversicherung, diese Forschung durch Stipendien und Sponsoring zu unterstützen. Der weltweit größte Rück-Versicherer will seine Risiken genau kalkulieren und setzt dabei auf die Methoden und Modelle, die die Forscher an "ihrem" Gletscher entwickelt haben.

Drastische Folgen

Für die erarbeiteten Prognosen interessieren sich inzwischen aber auch Konfliktforscher. In Zentralasien, in Kasachstan, in Kirgistan und in China hat Wilfried Hagg, Geograph bei den Glaziologen in München, die Gletscher untersucht und ein folgenschweres Szenario entwickelt. Wenn sie sich dort um mehr als die Hälfte zurückgezogen haben, wird das Schmelzwasser, auf das die Flüsse in dieser Region noch viel stärker angewiesen sind als in den Alpen, immer weniger werden. "Die Auswirkungen sind besonders drastisch, weil die Landwirtschaft um die Gebirge Zentralasiens reine Bewässerungswirtschaft ist", sagt Hagg. Wasser könnte zu einem der kostbarsten und möglicherweise auch umkämpftesten Wirtschaftsgüter werden - und Anhaltspunkte für die Gletscherschmelze zeigen sich deutlich in den Gebirgen von Usbekistan bis China.

Verlust der inneren Stabilität

Gletscher schmelzen durch Hitze, Felsabbruch

Ein Wanderer blickt am 13. Juli 2003 auf den Gletscher des Mont Fort in Verbier. Die Hitze im Juni hat im Gebirge den Schnee vorzeitig abgeschmolzen. Jetzt taut die Sommersonne das ewige Eis auf. Gemäss Medienberichten vom Dienstag, 15. Juli 2003 drohen nun Felsstürze und die Schmelzung des Permafrostes. Durch den Rückgang des Permafrostes werden Felswände, die vom jahrtausendealten Eis fixiert waren, rasch instabil. (AP Photo/Keystone, Olivier Maire)

Für Alpentouristen hat der Klimawandel bereits jetzt gefährliche Folgen. Berge, Hänge und Wege verlieren nämlich bereits an Stabilität. "Es zeigt sich, dass Felspfeiler jetzt in sich zusammenfallen, dass ganze Gratbereiche von Gebirgen einfach abstürzen und deshalb eine echte Gefahr darstellen", sagt Braun. Bisher wurden diese Flächen durch jahrhundertealtes Eis zusammengehalten. Wenn die Temperaturen weiter steigen, wird das auch den stabilisierenden Permafrost - also die dauernd gefrorene Schneefläche - reduzieren; eine Fläche, die ungefähr doppelt so groß ist, wie die rund 5000 Alpen-Gletscher. "Der Verlust von innerer Stabilität ist sehr wahrscheinlich", sagt Braun, "ebenso gravierend wie der Verlust der Gletscher selbst."

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