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Politik

Krokodilstränen für den "Fuchs"

Am Tag nach dem Rücktritt des georgischen Präsidenten Eduard Schewardnadse erntete der 75-jährige "weiße Fuchs" viel Respekt und Lob aus den ausländischen Hauptstädten. Nur aus einer nicht, weiß Stephan Hille.

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Vom deutschen Außenminister Joschka Fischer, dessen amerikanischem Amtskollegen Colin Powell bis hin zur EU-Kommission: Alle lobten sie die Entscheidung Schewardnadses zum Rücktritt, auch wenn dieser nicht freiwillig kam, sondern unter dem Druck von Opposition und der Macht der Straße erzwungen wurde. Auch Michail Gorbatschow, erster und letzter Präsident der Sowjetunion, fand warme Worte für seinen ehemaligen Außenminister. Der Fall des georgischen Präsidenten erinnerte Gorbatschow an das Ende seiner eigenen Karriere im Kreml 1991.

Kein Lob aus Moskau

Nur der heutige erste Mann im Kreml, Wladimir Putin, mochte sich den Lobeshymnen auf den weltweit geschätzten Schewardnadse nicht anschließen. Der russische Präsident zeigte sich besorgt über den erzwungenen Abtritt des Georgiers und rügte die Opposition, deren Proteste in der Folge der manipulierten Parlamentswahlen Schewardnadse schließlich zum Rücktritt zwangen. Doch persönlich weint Putin dem alten Mann im Kaukasus keine Träne nach. Der russische Präsident trauert wie die Mehrheit der Russen eher den Zeiten nach, als Russen und Georgier "brüderlich und sozialistisch" vereint waren.

Alter Groll

Für viele Russen gilt Schewardnadse als Verräter, da er als sowjetischer Außenminister entscheidend zum Ende des Kalten Krieges und damit auch zum Ende der Sowjetunion beigetragen hat. Dass Schewardnadse anschließend als Präsident des unabhängig gewordenen Georgiens sein Land auf einen deutlichen Westkurs trimmte, indem er etwa den Wunsch auf Nato-Mitgliedschaft signalisierte und die Distanz zum großen Nachbarn Russland suchte, hat ihm die Moskauer Machtelite nie verziehen.

Druck "von oben"

Über die Jahre hat Moskau das kleine Georgien immer wieder seine Schwäche spüren lassen: Ob durch versteckte Unterstützung der beiden separatistischen Republiken Abchasien und Süd-Ossetien, die sich in zwei kurzen, aber blutigen Kriegen von Tiflis loslösten, oder über Energielieferungen bis hin zur Androhung militärischer Gewalt, um Georgien für die vermeintliche Unterstützung tschetschenischer Rebellen zu strafen. Georgien gilt wie der gesamte Kaukasus wegen der Ölpipelines und dem kaspischen Öl als strategisch herausragend sowohl für Moskau als auch für Washington.

Streitpunkt Amerika

Mit seiner Annäherung an Amerika hat Schewardnadse vor allem dem Kreml Kopfschmerzen bereitet. Doch Schewardnadses mögliche Nachfolger, Ex-Justizminister Michail Saakaschwili und die Übergangspräsidentin Nino Burdschanadse, könnten erst recht für eine Migräne im Kreml sorgen. Beide gelten als Verfechter für eine noch größere Nähe zu Amerika. Gleichzeitig riskieren beide Kandidaten das fragile Verhältnis zu den abtrünnigen Republiken und treiben die Separatisten weiter in die Umarmung Moskaus. Noch genießen die beiden Oppositionsführer den Erfolg ihrer "friedlichen Revolution", doch auch sie werden schnell begreifen müssen, dass im Kaukasus kein Weg an Moskau vorbei führt.

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