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Europa

Kroatiens Textilindustrie: Edle Marken, elendige Löhne

Hungerlöhne, Überstunden, kaum Rechte: Menschenrechtler kritisieren die Arbeitsbedingungen von Näherinnen in Kroatien. Auch internationale Modefirmen stehen am Pranger. Und die Situation könnte sich noch verschlechtern.

Das Fabrikgebäude von Varteks in Kroatien (Foto: Bogdanic / DW)

Die Textilfabrik Varteks in Kroatien

Sie lächeln bemüht und wenden sich ab, wenn sie nach ihrem Verdienst gefragt werden. Keine einzige Textilarbeiterin der kroatischen Firma Varteks in Varaždin möchte mit der DW über ihre Lage sprechen - auch nicht nach Vermittlungsversuchen von Gewerkschaftsvertretern. Durch diese Vermittler lassen die Näherinnen nur ausrichten, dass die Lage schließlich "noch schlimmer sein könnte".

Das kroatische Unternehmen Varteks produziert seit 1994 für die

Luxusmarke Hugo Boss

. Auf der hauseigenen Internetseite wird stolz betont, man stehe "an der Spitze der verlässlichsten Partner dieses großen Modehauses". Trotz der Wirtschaftskrise und der Probleme der kroatischen Textilindustrie konnte Varteks auch in den letzten Jahren mehr als 1800 Arbeitsplätze erhalten - auch dank der Aufträge aus dem Ausland.

Die Anfrage der DW an die Firma, mit den Beteiligten über die Bezahlung sprechen zu wollen, blieb unbeantwortet. Varteks-Geschäftsführer Zoran Košćes ist gleichzeitig auch Präsident der Vereinigung der Textilindustrie bei der Kroatischen Wirtschaftskammer (HGK). Von HGK-Mitarbeiterin Branka Prišlić hat die DW die Auskunft erhalten, das durchschnittliche Brutto-Gehalt in der Textilindustrie liege bei 5082 Kuna, das sind etwa 669 Euro.

"Die meisten Frauen halten dem Rhythmus nicht stand"

Nenad Lecek, kroatischer Gewerkschafter (Foto: Bogdanic / DW)

Gewerkschafter Leček: "Zwei bis drei Überstunden pro Tag"

De facto falle der Verdienst noch niedriger aus, sagt der Chef der Gewerkschaft Textil, Schuhwerk, Leder und Gummi, Nenad Leček: "Bei Varteks arbeiten die Näherinnen für 2500 bis 2600 Kuna Netto. Das ist das Gehalt für eine Vollzeitstelle. Manche haben das Glück, auch noch an Samstagen arbeiten zu können und bekommen dann etwas mehr." Das sei das Ergebnis einer anonymen Umfrage, die die Gewerkschaft vor einigen Jahren durchgeführt habe. "Der durchschnittliche Verdienst in der Textilindustrie liegt höher, weil die Meister und Geschäftsführer deutlich mehr bekommen."

Die Situation der Näherinnen sei in Kroatien allgemein schlecht, sagt Nenad Leček: "Bei manchen Arbeitgebern müssen jeden Tag zwei bis drei Überstunden geleistet werden, dazu kommen noch die Samstage. Sie arbeiten bis zu 60 Stunden wöchentlich für ein minimales Gehalt. Die meisten Frauen können diesem Rhythmus nicht standhalten und bekommen schnell eine Kündigung. Und dann werden sie zum Sozialfall."

Die

"Clean Clothes Campaign"

hatte in einer Studie Hugo Boss, Zara, H&M und andere führende Bekleidungsunternehmen beschuldigt, dass Textilarbeiterinnen, die für diese Firmen in Osteuropa und der Türkei produzieren, Hungerlöhne bekommen würden. Hugo Boss hat in einer Stellungnahme gegenüber der DW im Juni den Vorwurf zurückgewiesen, dass das Unternehmen die ortsüblichen Mindestlöhne unterschreite. In Kroatien liegt das Gehalt der Näherinnen bei Varteks tatsächlich nicht unter dem Mindestlohn. Doch davon können sie kaum leben - bei Lebensunterhaltungskosten, die mit denen in Deutschland vergleichbar sind.

Hohe Arbeitslosigkeit in Kroatien

Die niedrigen Gehälter in der Textilindustrie spiegelten das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wider, erklärt die Kroatische Wirtschaftskammer nüchtern. Sanja Sarnavka, Vorsitzende der kroatischen NGO "Haus der Menschenrechte", sieht das ganz anders: Es handele sich ganz klar um Ausbeutung: "Diesen Markt und seine Regeln haben doch die geschaffen, die Macht haben. Alle schwören auf die Menschenrechte, dabei werden sie permanent missachtet." In der Öffentlichkeit werde nicht davon gesprochen, wie der Lebensstandard der unterbezahlten Arbeiterinnen erhöht werden kann. "Stattdessen wird nur gesagt: 'Sei doch glücklich, dass du überhaupt Arbeit hast.' Das ist die reale Situation der kroatischen Textilarbeiterinnen." Sie könnten nur über die Runden kommen, wenn Ehepartner oder Kind in einer besser bezahlten Branche arbeiteten.

Menschenrechtlerin Sarnavka kritisiert außerdem, dass viele Näherinnen nur einen Zeitvertrag haben - auch in Fabriken, die für internationale Modefirmen produzieren: "Wenn eine ihre Stimme erhebt, wird sie sofort von ihrem Arbeitsplatz entfernt, weil Hunderte Frauen bereits für ihre Stelle Schlange stehen." Kroatien, das seit dem 1. Juli 2013 EU-Mitglied ist, hat mit einer hohen Arbeitslosenquote zu kämpfen, fast jeder Fünfte ist ohne Beschäftigung.

Schweigen aus Angst vor Entlassungen

Menschenrechtlerin Sanja Sarnavka von der kroatischen NGO Haus der Menschenrechte

Menschenrechtlerin Sarnavka kritisiert einen neuen Gesetzentwurf zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts

Die Kroaten würden sich nur sehr zurückhaltend für ihre Arbeitsrechte einsetzen, erklärt die Menschenrechtlerin: Man gehe nicht wegen zu geringen Gehältern auf die Straße, sondern erst, wenn diese seit Monaten nicht ausgezahlt worden seien. Außerdem gebe es einen neuen Gesetzentwurf, der den kroatischen Arbeitsmarkt flexibler gestalten solle und die Rechte der Arbeitnehmer weiterhin beschneiden würde, kritisiert Sanja Sarnavka: Tritt dieses Gesetz in Kraft, könnten Arbeitgeber sogar schwangere Mitarbeiterinnen sofort entlassen, ohne Gründe anzugeben, warnt sie.

Zwar sei die Kritik an diesen Entwicklungen in sozialen Netzwerken groß - doch außerhalb des Internets tue sich kaum etwas. "Arbeiterinnen rufen regelmäßig im 'Haus der Menschenrechte' an und beklagen sich über die schlechten Arbeitsbedingungen", berichtet Sarnavka. "Wenn wir sie aber fragen: 'Was wollt ihr dagegen unternehmen?' sagen sie: 'Nichts'. Sie reden sich den Frust von der Seele, aber niemand will an die Öffentlichkeit treten und rechtliche Schritte in Angriff nehmen, weil sie Angst vor Entlassungen haben."

Diese Angst ist auch dadurch zu erklären, dass in Kroatien Hunderttausende von arbeitslosen Frauen auf eine Anstellung hoffen. Wer eine Kündigung bekommt, findet nur sehr schwer einen neuen Job - erst recht nicht eine Näherin um die 50, die nach unzähligen Überstunden völlig erschöpft ist.

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