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Europa

Kroatien vs. Serbien - Mehr als ein Fußballspiel

Das WM-Qualifikationsspiel zwischen Kroatien und Serbien wird als "Bruderduell" oder sogar "Hassduell" bezeichnet. Eines steht fest - für die meisten Serben und Kroaten geht es am Freitag um mehr als nur drei Punkte.

Kroatische Fans sind in Europa gefürchtet ((c) dpa - Bildfunk)

Kroatische Fans sind in Europa gefürchtet

Maksimir-Stadion in der kroatischen Hauptstadt Zagreb im Mai 1990. Damals gab es noch den jugoslawischen Bundesstaat, es sollte ein normales Liga-Spiel zwischen dem Gastgeber Dinamo Zagreb und der serbischen Mannschaft Roter Stern aus Belgrad werden. Das Spiel fand aber nicht statt. Schon vor dem Anpfiff kam es zu Ausschreitungen: die Ultras, nationalistische Fußballfans beider Seiten, gingen aufeinander los, und schließlich kam es zu einer Schlägerei mit der Polizei. Einer der besten Spieler in der Geschichte des kroatischen Fußballs, Zvonimir Boban, ging an dem Tag in die Geschichte ein: Er beteiligte sich an der Schlägerei, indem er einen Polizisten trat, der zuvor einen Dinamo-Fan niedergeschlagen hatte. Der Tritt wurde zum Symbolbild für die spätere blutige Spaltung Jugoslawiens.

Zvonimir Boban tritt einen Polizisten in Zagreb (AP Photo)

Dieser Tritt wurde in Kroatien zum Sinnbild für den Aufstand gegen das Belgrader Regime

Nur wenige Monate später organisierte der Serbe Željko Ražnatović Arkan seine Freiwilligengarde "Die Tiger", dessen Kern aus den Reihen der Hooligans von Roter Stern Belgrad stammte. Diese Truppe vergewaltigte, vertrieb und tötete Menschen während des Krieges. Und die kroatischen Ultras, die sich selbst Bad Blue Boys nennen, gehörten zu den ersten Freiwilligen, die ein Jahr nach dem nie stattgefundenen Fußballspiel als Freiwillige an die Front gingen, um gegen die serbische Armee zu kämpfen.

Das Vorspiel

Mehr als siebzehn Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen und das Verhältnis zwischen Kroatien und Serbien ist dabei, sich in vielen Bereichen zu "normalisieren". Die wirtschaftlichen Beziehungen gelten inzwischen als "gut", und von Jahr zu Jahr kommen immer mehr Touristen aus dem Nachbarland nach Kroatien. Aber unter der Oberfläche gären noch immer die Emotionen.

Ludger Kühnhardt, Direktor Universität Bonn (Copyright: privat/DW)

Ludger Kühnhardt: "Jeder auf dem Balkan denkt: Ich bin anders"

Das WM-Qualifikationsspiel warf bereits einen Monat vor seinem Anpfiff am 22.März seine Schatten voraus, beschreibt der ehemalige kroatische Nationalspieler Mario Stanić die Atmosphäre. Seit Wochen dominieren die Schlagzeilen rund um das Spiel die Medien - in Kroatien und Serbien gleichermaßen. "Das sind die Nebenwirkungen des Fußballs. Mit diesem Spiel werden sich viele Leute mit der unveränderlichen Vergangenheit auseinander setzen müssen“, erklärt Stanić, der heute als Sport-Kolumnist tätig ist.


Diese Besonderheit haben die Spiele der kroatischen und serbischen Spitzenmannschaften aber nicht erst seit dem Krieg. Der serbische Journalist Slaviša Veselinović erinnert daran, dass solche Begegnungen bereits seit dem Ende der 70er Jahre, also noch während der "goldenen Zeiten" des damaligen Jugoslawien, ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse im Land waren. "Es war immer wichtig diese Spiele zu gewinnen - eher aus nationalistischen als aus sportlichen Gründen“, erinnert sich Veselinović. Denn der Sieg der eigenen Mannschaft, so die Leseart der Fans, stand symbolisch für die Überlegenheit der eigenen Nation.

"Ich bin anders…"

Schon zu Beginn der Auflösung des ehemaligen Jugoslawien seien eigene Identitäten vor allem durch die Betonung der Unterschiede zwischen den einzelnen Volksgruppen aufgebaut worden, erklärt Ludger Kühnhardt vom Zentrum für europäische Intergrationsforschung in Bonn. "Nationale Identität, Besonderheiten und Eigenarten von Völkern und Volksgruppen wurden so zugespitzt, dass die Menschen dachten, wenn sie ihre Nachbarn betrachteten: Ich bin anders." Und um diese Abgrenzung zu betonen, nutzte man jedes beliebige Thema, betont Kühnhardt.

Željko Ražnatović Arkan mit seiner Truppe 1995 in Prijedor (Bosnien und Herzegowina) (dpa)

Željko Ražnatović Arkan mit seiner Truppe 1995 in Prijedor (Bosnien und Herzegowina)

Mario Stanić betont, dass der Balkan bis heute mit seiner schrecklichen Vergangenheit leben muss. "Dieses Erbe belastet die Leute noch immer. Wir reden wieder über das Spiel im Maksimir-Stadion zwischen Dinamo und Roter Stern und über den Anfang des Krieges“, sagt Stanić. Er macht sich Sorgen, dass die Öffentlichkeit mehr über die Politik als über den Fußball diskutiert.

Der Belgrader Journalist Veselinović hingegen meint, dass die Spannungen immer kleiner geworden sind. Nach dem Krieg gab es zahlreiche Duelle im Basketball, Handball oder auch Wasserball. Seit mehr als zehn Jahren spielen Basketball-Teams beider Länder in einer Regionalliga. "Die Basketballer von Roter Stern Belgrad haben 2001 zum ersten Mal nach dem Kriegsende in Zagreb gespielt und die Atmosphäre war feurig“, erinnert sich Veselinović. "Heute sind auf der Tribüne nur richtige Basketball-Fans", schildert Veselinović. "Das Publikum in Zagreb beklatschte sogar Aktionen der serbischen Mannschaft."

Auch die Fußballnationalmannschaften trafen schon aufeinander - das Spiel vor 14 Jahren - ebenfalls in Zagreb - endete 2:2 und damit konnten sich die Serben, und nicht die Kroaten für die EURO 2000 qualifizieren. Einer der Torschützen für Kroatien war damals Mario Stanić.

Sicherheitsstufe rot - Gästefans bleiben zu Hause

Slavisa Veselinovic (Copyright: privat/DW)

Veselinović: Die Spannungen werden immer kleiner

Für die kroatische Polizei gilt im Vorfeld des Spiels die Alarmstufe rot, zahlreiche Vorkehrungen wurden getroffen. So will man etwa verhindern, dass die Ultras beider Seiten aufeinander treffen: In Zagreb werden Kroaten unter sich bleiben, da die serbischen Fans offiziell gar nicht einreisen können. Auch beim Rückspiel in Belgrad werden die Gäste-Fans nur vor dem Fernseher mitfiebern können. Dies vereinbarten beide Fußballverbände nach einem Brief von UEFA-Präsidenten Michel Platini, der bereits vorab mit drastischen Strafen für eventuelle Ausschreitungen drohte. Ein Fußballspiel ohne Gäste-Fans - da fehle immer etwas, meint Mario Stanić. "Aber das Risiko ist anscheinend beiden Seiten zu groß.“

Der serbische Journalist Veselinović ist trotzdem optimistisch, dass eines Tages die Fans aus allen Ex-Republiken Jugoslawiens zusammen auf einer Tribüne sitzen werden. "Dazu wird es dann kommen, wenn die Polizei in allen Ländern ihre Arbeit ordentlich macht“, sagt er. Die gewaltbereiten Ultras, die sowieso nur darauf aus seien Krawalle zu provozieren, müssten vom Stadion fern gehalten werden und jede Ausschreitung müsse drakonisch bestraft werden, fordert Veselinović. "Der Polizei und Justiz in Serbien und Kroatien fehlt der Wille, die Hooligans zu bekämpfen. Vielleicht ist es den Regierungen lieber, dass die Jugend bei Sportbegegnungen randaliert, als dass sie wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage auf der Straße protestiert.“

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