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Fokus Osteuropa

Kroatien und der Antifaschismus

Die Kroaten sind geteilter Meinung über die Rolle der antifaschistischen Kräfte im Zweiten Weltkrieg. Bei einer Debatte hierzu im kroatischen Sabor ging es hoch her – Ministerpräsident Sanader musste schlichten.

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Werden Titos Partisanen mit den Veteranen des jüngsten Krieges in Kroatien gleichgestellt?

War Josip Broz Tito ein Held oder der größte Verbrecher in der kroatischen Geschichte? Hat Ante Pavelic kroatisches Land verteilt für ein Stück Macht? Wer hat mehr Verbrechen begangen: Ustascha oder Partisanen?

Das ist nur ein kleiner Teil der Fragen, die sich, begleitet von persönlichen Angriffen und Beleidigungen, aneinander reihen, wenn im kroatischen Parlament, dem Sabor, eine Debatte zum Zweiten Weltkrieg eröffnet wird. So ist es seit der Unabhängigkeit Kroatiens Anfang der 90er Jahre bis heute. Und so war es auch letzte Woche während der Debatte über die Vorschläge zu einer Deklaration zum Antifaschismus anlässlich der Gedenkfeiern zum. 60 Jahrestag des Sieges der antifaschistischen Kräfte im 2. Weltkrieg.

Gleichsetzung der Veteranen gefordert

Zusätzliches Öl ins Feuer der sowieso schon schrecklichen Auseinandersetzung goss der Vorschlag des Istrischen Demokratischen Rates (IDS) und der Sozialdemokratischen Partei, die antifaschistischen Kämpfer rechtlich mit den Kämpfern im Vaterlandskrieg der 90er Jahre gleichzustellen. Der IDS sei der Ansicht, so erklärte der Abgeordnete Damir Kajin, dass man Unrecht korrigieren müsse gegenüber Menschen, deren Errungenschaften, wie der Antifaschismus, in die Verfassungsgrundlagen des heutigen Kroatien eingefügt seien. "Unserer Ansicht nach muss man endlich die Frage auch nach den erworbenen Rechten der Kämpfer des antifaschistischen Krieges stellen."

Ministerpräsident als Schlichter

Das löste einen wahren Wolkenbruch von Zorn bei der regierenden HDZ-Fraktion aus. Der unabhängige Abgeordnete Ivo Loncar beschrieb den langjährigen Präsidenten des sozialistischen Jugoslawien, Josip Broz Tito, sogar als den größten Verbrecher am kroatischen Volk. Ferner sagte er, im Sabor säßen zwei "Tschetniks", also nationalistische serbische Freischärler. Dabei bezog er sich auf einige Abgeordnete der serbischen Minderheit in Kroatien. Die Leidenschaft schlug derartig hohe Wellen, dass der HDZ-Vorsitzende und Ministerpräsident Ivo Sanader in den Sabor geeilt kam, um die Mitglieder seiner Partei zu beruhigen.

Ausschuss gebildet

Einige Tage danach gab das Präsidium des Sabor die Entscheidung über die Einsetzung eines "Ausschusses für die Bezeichnung des 60. Jahrestages des Sieges über den Faschismus" bekannt. An der Spitze des Ausschusses wird Sabor-Präsident Valdimir Seks stehen. Neben Mitgliedern des Präsidiums wird auch je ein Mitglied aus jeder Fraktion teilnehmen sowie drei Vertreter des "Rates der antifaschistischen Kämpfer Kroatiens" ebenso wie zehn angesehene kroatische Antifaschisten. Die Hauptaufgabe des Ausschusses wird die Organisation von Veranstaltungen sein, mit denen man im Laufe des ganzen Jahres den Sieg über den Faschismus herausstellen will.

Mesic: Die Mehrheit sind wir

Wie gefährlich das Spiel mit den Geistern der Vergangenheit für tagespolitische Ziele ist, hat kürzlich Präsident Mesic erklärt. "Die, die uns in die undurchsichtigen, blutigen Nebel der Vergangenheit zurückführen wollen, die unsere Jugend in Gefangene einer gefälschten Geschichte verwandeln wollen, sind oft unangenehm laut und aggressiv. Sie sind nicht ohne Einfluss, stellen aber dennoch eine Minderheit dar. Die Mehrheit, dass sind wir," so Mesic.

Antifaschistische Veteranen doch nicht berücksichtigt?

Damir Kajin von der IDS meint, dass die Gründung des Ausschusses dabei helfe, Kroatien zu europäisieren. Dies trage aber auch dazu bei, dass sich die Politik des ersten kroatischen Präsidenten, Fanjo Tudjman, der nationalen Aussöhnung, die die Vaterlandsverteidigung verherrlicht habe und in Teilen auch eine Politik der kroatischen Faschisten, der Ustascha, gewesen sei, zu Geschichte werde. Eine aus Teilnehmern mehrerer politischer Parteien zusammengesetzte Arbeitsgruppe hat inzwischen einen neuen Text für die Deklaration zum Antifaschismus erarbeitet, in der über die Rechte der antifaschistischen Kämpfer nicht mehr geredet wird. Der Sabor soll sie bis zum Ende der jetzigen Sitzungsperiode verabschieden.

Gordana Simonovic, Zagreb
DW-RADIO/Kroatisch, 13.4.2005, Fokus Ost-Südost

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