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Fokus Osteuropa

Kroatien: Kriegsverbrecherprozess erneut aufgerollt

Erst 2002 fand der erste Prozess wegen Kriegsverbrechen 1992 in einem Militärgefängnis in Split statt. 2004 wurden die acht Angeklagten frei gesprochen. Nun wird der damals umstrittene Prozess erneut verhandelt.

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Prozessauftakt unter starken Sicherheitsvorkehrungen

Vor 12 Jahren geschahen im Spliter Militärgefängnis "Lora" grauenvolle Dinge, über die zunächst nur getuschelt wurde. Aus Split wurden überwiegend serbische Zivilisten ohne Rechtsgrundlage in dieses Gefängnis gebracht. Sie wurden dort gefoltert, häufig auch zu Tode. Als sich die Gerüchte über die Folterungen und Morde in Lora verbreiteten, bewegten sie einige Angehörige der Militärpolizei dazu, das Gefängnis Lora zu überprüfen. Erst der Bericht, den Mario Barisic und einige seiner Kollegen der Staats- und Militärspitze vorlegten, setzte dem Treiben in Lora ein Ende. Trotzdem wurde der Versuch unternommen, diese Vorfälle zu vertuschen.

Umstrittene Gerichtsverhandlung

Erst zehn Jahre später wurde auf Initiative einiger Nicht-Regierungsorganisationen, allen voran der des Dalmatinischen Komitees für Menschenrechte, und der Überlebenden ein Gerichtsverfahren eingeleitet. Vor dem Richter Slavko Lozina änderten jedoch viele Zeugen ihre Aussage – beeinflusst von den Drohungen und dem Wüten des Publikums im Gerichtssaal. Ferner lehnten es zahlreiche aus Serbien und Montenegro geladene Zeugen ab, vor dem Gericht in Split zu erscheinen, mit der Rechtfertigung, dass sie um ihr Leben bangten. Vor Gericht erschienene Zeugen sagten wiederum aus, dass sie sich nicht mehr an das erinnern könnten, was sie bei den Ermittlungen 1992 erklärt hätten. Aufgrund dessen sprach 2002 zum Abschluss des ohnehin zweifelhaften Prozesses der Vorsitzende der Strafkammer Slavko Lozina die Angeklagten frei. Somit wurde der Fall Lora zum Musterbeispiel für das Nicht-Funktionieren der Justiz in Kroatien.

Prozessauftakt unter hohen Sicherheitsmaßnahmen

Im August 2004 hob schließlich das Oberste Gericht das Urteil auf und ordnete eine neue Verhandlung an. Unter verstärkten Sicherheitsmaßnahmen und zahlreichen Angehörigen der Justizpolizei hat nun am 12. September vor dem Tribunal für Kriegsverbrechen in Split der neue Prozess gegen acht ehemalige Militärpolizisten wegen Kriegsverbrechen an Zivilisten 1992 begonnen. Auf der Anklagebank sitzen indes lediglich vier der acht Angeklagten: Tonci Vrkic, ehemaliger stellvertretender Befehlshaber der des Militärgefängnisses Lora, Davor Banic, Angehöriger der Einsatztruppe Militärpolizei, Ante Gudic und Andjelko Botic, Wärter in Lora. Sie erklärten sich in allen Anklagepunkten für nicht schuldig. Flüchtig sind seit Oktober vergangenen Jahres: Tomo Duic, ehemaliger Gefängnisdirektor, Biljenko Bajic und Josip Bikic, waren 1992 Angehörige der Einsatztruppe der Militärpolizei, sowie Emilio Bungur, ein weiterer Gefängniswärter. Gegen sie wir der Prozess in Abwesenheit geführt.

Der neue Prozess wegen der Verbrechen in Lora hat diesmal nicht viel Aufmerksamkeit in der kroatischen Öffentlichkeit erregt. Ganz im Gegensatz zum ersten Prozess vor drei Jahren haben Beobachter im Großen Saal des Spliter Justizpalastes keine Freunde oder Kampfgefährten der Angeklagten entdeckt. Im Saal befanden sich alles in allem weniger Zuschauer als Sicherheitskräfte.

Gordana Simonovic, Zagreb
DW-RADIO/Kroatisch, 14.9.2005, Fokus Ost-Südost