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Politik & Gesellschaft

Kritischer Blick auf deutsche Energiepolitik

Der Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie ist in ausländischen Medien ein großes Thema. Die Welt fragt sich: Kann ein so wichtiges Industrieland ohne Atomstrom funktionieren?

Atomkraftgegner, verkleidet als Skelette, vor dem Kanzleramt in Berlin

"Eine sehr deutsche Debatte" - Atomkraftgegner vor dem Kanzleramt

Als sich die Bundesregierung überraschend von ihrer bisherigen Atompolitik abwandte, richteten sich alle Augen auf Deutschland. Eine Wende um 180 Grad, der völlige Verzicht auf Atomstrom ab 2022 – da gab es viel zu erklären. "So viel hatte ich noch nie zu tun", sagt BBC-Korrespondent Stephen Evans über seine unzähligen Live-Schalten aus Berlin. Warum der Widerstand gegen die Atomenergie in der deutschen Bevölkerung so groß sei, habe man ihn immer wieder gefragt. "In Großbritannien ist das anders, da gibt es keine große Debatte über die Gefahren der Kernenergie. Auch nach der deutschen Entscheidung nicht."

Können die Deutschen das wirklich schaffen?

Mit leichter Skepsis, so die Beobachtung von BBC-Journalist Evans, bewerteten britische Medien die Hast, mit der die Bundesregierung die Kehrtwende vollzogen hat. "Haben die Deutschen die Konsequenzen auch gründlich bedacht?" Französische und US-amerikanische Zeitungskommentatoren äußern ähnliche Bedenken – genau wie in Großbritannien setzt man in diesen Ländern auch nach Fukushima weiter auf die Atomkraft.

Industrieproduktion ohne Atomstrom: Wird der Übergang gelingen? Das Atomkraftwerk Philippsburg in einer Luftaufnahme Foto: dapd

Industrieproduktion ohne Atomstrom: Wird der Übergang gelingen?

Die "Washington Post" nennt den deutschen Ausstieg eine "verfehlte Entscheidung" und mutmaßt, dass die deutschen Kohlekraftwerke nun wieder stärker zum Einsatz kommen werden. Das hieße mehr Treibhausgase und weniger Klimaschutz. In Zeiten der Erderwärmung die falsche Strategie, meint die Zeitung. Die französische Tageszeitung "Le Monde" wirft die Frage auf, ob Deutschland den schnellen Umstieg auf erneuerbare Energien tatsächlich schaffen könne. Wenn nicht, dann werde der gesamte europäische Energiemarkt in Mitleidenschaft gezogen.

Große Schlagzeilen in Japan

Alle Hände voll zu tun haben die Korrespondenten japanischer Medien in Berlin. Schließlich war der Unfall von Fukushima der Auslöser für den deutschen Atomausstieg, während Japan selbst an der Atomtechnologie festhält. "Wir beobachten den deutschen Atomausstieg natürlich ganz genau", sagt Mikio Sugeno, der für die einflussreiche japanische Wirtschaftszeitung Nikkei schreibt.

"In Japan sind die Meinungen über den Atomausstieg geteilt. Für die einen ist Deutschland ein Vorbild, die anderen sehen die Kehrtwende kritisch", fasst der Nikkei-Korrespondent die Reaktionen zusammen. Die Bundesregierung habe nicht genau erklärt, wie ein so großes und energiehungriges Industrieland ohne Atomstrom auskommen wolle. "Und auch über die Belastungen für die Bürger - zum Beispiel durch höhere Strompreise - hat sie nicht viele Worte verloren."

Vieles versteht man im Ausland nicht

Wirft im Ausland Fragen auf: Der Alleingang der Deutschen

Wirft im Ausland Fragen auf: Der Alleingang der Deutschen

Auch beim größten japanischen Fernsehsender NHK steht die gesamte Deutschland-Berichterstattung seit Wochen im Zeichen des Atomausstiegs. Hier bemüht man sich, verschiedene Facetten des komplexen Themas zu vermitteln. "Einem Inselvolk müssen Sie erstmal erklären, dass Deutschland Teil eines großen europäischen Strommarktes ist", sagt ein Mitarbeiter.

Spannend sei für die Japaner natürlich auch die Tatsache gewesen, dass sich in Deutschland eine Ethik-Kommission mit dem "Wirtschaftsthema" Atomkraft befasst habe. Das empfinde man in Japan einerseits als typisch deutsch, andererseits aber auch als Anregung für die Diskussion im eigenen Land.

Bloß keine Details

"Ach, das ist eine sehr deutsche Debatte", winkt der Berliner Korrespondent des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera ab. In der arabischen Welt gelte die Beherrschung der Atomtechnologie als Ausweis von Macht, sagt Aktham Suliman, weshalb einige Länder Atomkraftwerke bauen wollten. Dort verlaufe die Diskussion ganz anders als in Deutschland. "Aber Deutschland ist wichtig, und deshalb habe ich auch über diesen energiepolitischen Sonderweg berichtet." Allerdings nur über die großen Linien, ergänzt Suliman. "Details wie die Entsorgung von Atommüll interessieren mein Publikum nicht."

Autorin: Nina Werkhäuser
Redaktion: Sabine Kinkartz

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