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Nahost

Kritisch = anti?

In einigen deutschen Medien wurden Kriegsgegnern anti-amerikanische Positionen unterstellt. Doch nicht jeder, der gegen einen möglichen Krieg im Irak ist, ist ein Anti-Amerikaner, meint Marcel Fürstenau.

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Wer in diesen Wochen aufmerksam Leitartikel und Kommentare liest, wird längst bemerkt haben, dass es anscheinend nur noch ein Thema gibt: Krieg oder Frieden? Täglich zerbrechen sich Heerscharen von Journalisten den Kopf darüber, ob ein Waffengang gegen den Irak noch vermeidbar, gerechtfertigt oder ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht ist. Die Irak-Krise findet aber auch in den Feuilletons und auf den Lokalseiten statt. Und dabei gibt es Erstaunliches festzustellen: In denselben Blättern, die auf Seite eins oft und gerne sich säbelrasselnd gebärden und Kritik an der US-Politik als Anti-Amerikanismus interpretieren, findet man weiter hinten mitunter ganz andere Töne.

Anti-Amerikaner Todenhöfer?

Beispielsweise in Form einer Buchsbesprechung in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Rezensent ist der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Der Liberale empfiehlt das Werk eines ebenfalls ehemaligen Politikers: Jürgen Todenhöfer. Titel seines Buches: "Wer weint schon um Abdul und Tanaya? Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror". Der Christdemokrat Todenhöfer schildert seine Eindrücke, die er auf Reisen nach Bagdad gewonnen hat.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Todenhöfer ist selbstverständlich glühender Anhänger und Verfechter der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Was den heutigen Manager des Medien-Konzerns "Burda" nicht davon abhält, die Politik des amtierenden US-Präsidenten abzulehnen, weil er sie für falsch hält. Ist er deswegen ein Anti-Amerikaner? Wohl kaum.

Anti-Amerikaner Eco?

Ein anderes Beispiel: in der "Süddeutschen Zeitung" schreibt der italienische Roman-Autor und Zeichen-Theoretiker Umberto Eco, warum man Amerika lieben könne und den Frieden. Unter anderem deshalb, weil ein Angriff auf den Irak den Terrorismus nicht besiegen, sondern möglicherweise nur noch stärken und ihm viele Anhänger in die Arme treiben werde. Damit verweigerten Länder wie Deutschland und Frankreich den Amerikanern nicht die Solidarität, argumentiert Eco. Ist er deswegen ein Anti-Amerikaner? Wohl kaum.

Anti-Amerikaner Schorlemmer?

Und noch ein Beispiel, diesmal aus dem in Berlin erscheinenden ‚Tagesspiegel‘. Dessen Leitartikler unterstellte dem aus der DDR-Bürgerbewegung hervorgegangenen Pfarrer Friedrich Schorlemmer Anti-Amerikanismus. Der Theologe habe auf der Friedens-Demonstration in Berlin, an der eine halbe Million Menschen teilnahmen, "hoch emotionale, böse Töne" von sich gegeben. Beispiele werden keine leider keine geliefert. Und natürlich bleibt unerwähnt, dass derselbe Schorlemmer in derselben Rede die Freundschaft zu den Vereinigten Staaten betonte. "Uns verbinden gemeinsame Werte und Zielvorstellungen. Wir vergessen nicht, was wir ihnen (den Amerikanern) zu verdanken haben." Klingt so ein Anti-Amerikaner? Wohl kaum.

Und wenn dieser kritische Freund Amerikas dann als "Populist" diffamiert wird, der die Menschen, sprich Demonstranten, missbrauche, stellt sich die Frage, ob in diesem Fall nicht eher ein Teil der Medien seine nicht zu leugnende Meinungsmacht missbraucht?