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Kunst

Kritik, Schmerz, Ironie: In Berlin zeigen chinesische Fotografen ihre Auseinandersetzungen mit der Kulturrevolution

Eine Ausstellung im Museum für Fotografie eröffnet neue Perspektiven auf 50 Jahre chinesischer Bildkunst. Im Zentrum: die "zehn Jahre Chaos" von 1966-76. Wie gehen zeitgenössische Fotografen mit diesem Bildnachlass um?

"Arbeiten in Geschichte", so übertitelten die Kuratoren eine Ausstellung zur zeitgenössischen chinesischen Fotografie, die jetzt im Berliner Museum für Fotografie zu sehen ist. Es geht dabei um die Geschichte jener "Roten Zeit", die "zehn Jahre Chaos" der Kulturrevolution. 16 Künstler und eine Künstlerin haben sich mit der Bildsprache und der Fotografie der Kulturrevolution auseinandergesetzt. "Ihr Werk reflektiert diese sehr spezielle Ausdrucksweise jener Zeit: kritisch, ironisch, oder humorvoll", kommentiert Wang Huangsheng, einer der Ausstellungsmacher, die Auswahl der Arbeiten. "Diese Künstler sind alle sehr verschieden, einige sind sehr ernsthaft, andere zeigen Humor. Wang Qingsong zum Beispiel ist sehr ironisch. Andere setzen sich mit dem Gedankengut jener Zeit auseinander."

Wang Huangsheng, einer der Kuratoren der Ausstellung Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution in Berlin (Foto: DW/S. Peschel)

Wang Huangsheng, einer der Kuratoren der Ausstellung

Wang Huangsheng ist Direktor des Museums der Zentralen Chinesischen Kunstakademie. Neben den künstlerischen und kunsthistorischen Aspekten hat er auch einen ganz persönlichen Bezug zum Thema: "Die Kulturrevolution war eine Epoche, die viel Unheil gebracht hat, auch für meine Familie. Diese Ausstellung reflektiert diese Probleme, sie setzt sich damit auseinander." Sie stehe zwar im politischen und historischen Zusammenhang der letzten 50 Jahre in China, der politische Diskurs sei aber nicht ihr Zweck und Sinn. So sieht das auch Ludger Derenthal, Leiter der Sammlung Fotografie der Berliner Kunstbibliothek. Die historische Perspektive führe zu einem besseren Verständnis der zeitgenössischen chinesischen Fotokunst.

Inszenierung Maos als Ikone

Mao Zedong im Bademantel,1966, nachdem er den Yangze durchschwommen hatte. (Quelle: Privatsammlung)

Mao Zedong 1966 im Bademantel, nachdem er den Yangzi durchschwommen hatte: volksnah, gesund und kräftig. Auf dem Plakat ist unten das Gedicht abgedruckt, das Mao über sein symbolträchtiges Bad schrieb

Einer, der entscheidend zu dieser historischen Perspektive beigetragen hat, ist der Fotokünstler Cai Dongdong. Er hat eine halbe Million Fotografien gesammelt, Bilder aus den Jahren 1949 bis 1979, und ein großer Teil davon stammt aus der Zeit der Kulturrevolution. In ganz China haben ihm Menschen geholfen, das Material zusammenzutragen. Einige dieser Bilder sind in Berlin zu sehen: Menschen, die eigentlich privat gezeigt werden, in Posen, die politischen Inszenierungen gleichen.

Für die Durchsetzung revolutionärer Ziele spielten in den Jahren der Kulturrevolution neben Wandzeitungen Bilder und Zeitungsfotos eine enorme Rolle. Pressefotos wurden in alle Winkel Chinas verschickt, sie dienten als Vorlage für große Plakate und sogar Gemälde. Ihre Ästhetik prägt noch heute die allgemeine Vorstellung von der Kulturrevolution. Weng Naiqiang bestimmte als Leiter der Fotografieabteilung der Illustrierten "China im Bild", welche Bilder zur Mobilisierung der Massen taugten. Die propagandistischen Inszenierungen machten Mao zur zentralen Ikone.

Gruppenporträts, private Fotos und Pressebilder in gewandelter Form

Die Arbeiten jener Zeit bilden den Bezugsrahmen für die Werke aktueller Fotografen und Künstler. Sie übertragen die historischen Gruppenporträts, privaten Fotografien und Presseaufnahmen in heutige Zusammenhänge, erzählen wie Feng Mengbo private Geschichte neu. Cai Dongdong konfrontiert das fotografische Erbe mit kritischen Positionen, beispielsweise in seinen "Schießübungen".  Wang Qingsong deutet ironisch um, Song Yongping reflektiert nüchtern und gleichzeitig unendlich traurig die Vergänglichkeit des Lebens. Song porträtierte seine Eltern in einem Triptychon, das sie vor, während und nach der Kulturrevolution zeigt, als Teil einer Serie.

Andere Künstler dokumentieren die Hinterlassenschaft der Kulturrevolution in ihrer ganzen Zwiespältigkeit zwischen schmerzhafter Erinnerung und verblichener Begeisterung. Cao Kais Videoarbeit weist darauf hin, dass der "Sommer 1969" nicht nur in China die Jugend in Massen begeistert hat.

Ausschnitt aus der Arbeit 450 Kulturrevolution in der Berlin Ausstellung Zeitgenössische chinesische Fotografie und die Kulturrevolution (Foto: DW/S. Peschel)

Ein Ausschnitt aus der Arbeit "450 Kulturrevolution", in der Hunderte von Motiven aus der Kulturrevolution in einem 'roten' Bild zusammengestellt und teilweise übermalt wurden

Die Kulturrevolution bleibt ein Thema zum Beschweigen

Alle zeitgenössischen Bilder der Berliner Ausstellung waren auch schon in China zu sehen, auch wenn bisher nicht geplant ist, sie auch dort in dieser Zusammenstellung zu zeigen. Die Aufarbeitung der Kulturrevolution findet in China durchaus statt, allerdings nur in akademischen Kreisen und in der Kunst. In der breiten Bevölkerung ist das Thema weiterhin tabu. Zur Eröffnung waren drei der Künstler anwesend, Cai Dongdong, Wang Qingsong und Zhang Kechun. Keiner von ihnen hat mit seinen Eltern je über die zehn Jahre von 1966 bis 1976 sprechen können. Die Erinnerungen seien zu schmerzhaft.

 

Die Ausstellung "Arbeiten in Geschichte. Zeitgenössische Fotografie und die Kulturrevolution" läuft bis zum 7. Januar im Museum für Fotografie in Berlin.

Der Katalog zur Ausstellung wurde von Ludger Derenthal und Yu Zhang herausgegeben: "Arbeiten in Geschichte. Zeitgenössische Fotografie und die Kulturrevolution", mit Texten auf Deutsch und Englisch von Ludger Derenthal, Wang Huangsheng und Guo Xiaoyan sowie 94 farbigen und 14 s/w Abbildungen, August 2017 

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