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Kultur

Kritik oder Hasstiraden?

Das Verhältnis deutscher Medien zu den USA war Thema eines Expertentreffens. Hauptthese: Eine zunehmende Entfremdung von den USA in der Berichterstattung. Kritische Betrachtungen von unserem Reporter vor Ort.

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Der Irak-Krieg brachte US-Präsident Bush ein Glaubwürdigkeitsproblem

Ganz am Ende der Veranstaltung im altehrwürdigen Hotel Elmau im winterlichen Bayern meldete sich im Publikum ein älterer Herr mit amerikanischem Akzent zu Wort und nannte Roß und Reiter: "Ich habe vor einem Monat mein 30-jähriges Abonnement der 'Süddeutsche Zeitung' gekündigt. Ich wollte nicht als Amerikaner, der gerne in Deutschland lebt, anfangen die Deutschen hassen zu müssen, weil ich immer wieder Hasstiraden in dieser Zeitung lesen muss."

Negative Tendenzen

Da ging dann doch ein kleiner Ruck durch die erlauchte Runde, die sich bis dahin stur und zäh aufs Abwiegeln verlegt hatte. Das negative Bild der USA? Chronistenpflicht! Schließlich gebe es viel Negatives zu berichten. Die negative Tendenz der allermeisten Kommentare? Solche Tendenzen, versicherten die Zeitungsmacher, würden nicht von Zeitungen gemacht, sie kämen aus der Mitte der Gesellschaft. Ein geradezu rührendes Argument, dem zufolge Publizisten überhaupt keine Verantwortung für ihr Geschriebenes zu tragen hätten, wenn es denn bloß im Einklang mit dem Volksempfinden steht.

Außerdem gäbe es ja gar keinen Meinungszwang in unseren großen demokratischen Blättern. Wenn man nur genug in ihnen blättert, findet man zum Beispiel in ihnen auch Artikel von Stefan Kornelius von der "Süddeutschen Zeitung": "Wir haben hochgradig emotional geführte Auseinandersetzungen in den Redaktionen gehabt. Und ich vermute in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' genauso wie bei uns. Wir haben uns sogar angeschrieen. Zwischen dem Feuilleton und der Politredaktion, da gab es Spannungen wie ich sie noch nie erlebt habe."

Kornelius ist sogar ein ausgesprochener Amerika-Freund und -Kenner. Dementsprechend gereizt reagierte er auf die wiederholten Versuche des Moderators und "Focus"-Kulturchefs Stephan Sattler, die Amerika-Nörgelei der deutschen Presse als das darzustellen, was sie ist: Ressentiment-Journalismus. Aber auch der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Frank Schirrmacher verwahrte sich gegen jegliche Kritik an der Kritik: "Lieber Herr Sattler, wundert es Sie wirklich, dass in dem Augenblick, wo Amerika beschließt, gegen das Votum der Vereinten Nationen einen Krieg zu führen, dass da kritisch, auch in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung', über die Vereinten Staaten von Amerika berichtet wird?"

Das Amerikabild der Deutschen

Spätestens hier hätte man einer empirischen Grundlage bedurft, um sich darüber zu verständigen, wovon eigentlich die Rede ist: Kritik - Schmähkritik - oder Hasstiraden? Und in welchem Ausmaß? Wie das Amerikabild in den deutschen Medien tatsächlich aussieht, war nach dieser Diskussion unklarer denn je.

"Tagesspiegel"-Journalist Robert von Rimscha analysierte den grassierenden Antiamerikanismus als Reaktion auf lebensweltliche Anpassungszwänge: "Ich behaupte, dass es ein Doppelmodell gibt. So wie die Realität in der Bundesrepublik Deutschland in kleinen Schritten amerikanischer wird, umso bedeutsamer wird die rhetorische Figur der bitteren Zurückweisung: Aber wir wollen ja keine amerikanischen Verhältnisse! Das ist der deutsche Minimalkonsens. Jeder in Deutschland kann sich darauf verständigen: Aber wir wollen doch keine amerikanischen Verhältnisse."