Kritik mit dem Zeichenstift | Kultur | DW | 03.08.2013
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Kultur

Kritik mit dem Zeichenstift

In Zeiten sinkender Zeitungsauflagen haben es Karikaturisten in Deutschland schwer. Im Netz gibt es kein lohnendes Geschäftsmodell. In Ländern wie Ägypten hingegen gewinnen Zeichner derzeit an Bedeutung.

Der Euro ist krank. Krankenpfleger und Ärzte schleppen ihn auf einer Bahre die Treppe hoch. Die schwächelnde europäische Währung hängt dabei am Tropf. Mit dieser Karikatur hat der deutsche Zeichner Gerhard Mester die Rettungsbemühungen um den kriselnden Euro im vergangenen Jahr kommentiert. Eine politische Karikatur im besten Sinne, befand die Jury der "Rückblende 2012", eines der wichtigsten Preise für Karikaturisten in Deutschland. Gerhard Mesters Zeichnung gewann den ersten Preis. "Karikaturen sind immer Kommentare zum Zeitgeschehen. Sie nehmen Stellung und sie analysieren", sagt Jurymitglied Ulrich Op de Hipt, der die größte deutsche Sammlung politischer Karikaturen seit 1945 im "Haus der Geschichte" in Bonn kuratiert.

Schwächelnde Zeitungsbranche

Karikatur von Rainer Hachfeld (Foto: Rainer Hachfeld)

Rainer Hachfeld nahm Angela Merkel und ihre Rede über das "Neuland" Internet in einer Karikatur aufs Korn, die in "Neues Deutschland" erschien

Für den Karikaturisten Gerhard Mester bedeutet die Auszeichnung vor allem Rückenwind für seine tägliche Arbeit: "Das Standing in den Redaktionen ist besser." Denn die Zeiten seien unsicherer geworden. Zeitungen veröffentlichen die gezeichneten Kommentare zwar immer noch an prominenter Stelle - in der schwächelnden Branche aber sinken die Auflagen. Damit nimmt auch die Zahl der Blätter selbst ab. Im Netz gebe es bisher kein lohnendes Geschäftsmodell für Zeichner, sagt der mehrfach preisgekrönte deutsche Karikaturist Rainer Hachfeld. Auf den Online-Auftritten der Tageszeitungen finden politische Karikaturen so gut wie gar nicht statt, oder nehmen nur eine Randrolle ein.

Hinzu kommt: Es gibt Nachwuchsprobleme. Die etablierten deutschen Karikaturisten werden immer älter. Jüngere Zeichner suchen sich andere Einnahmequellen, zum Beispiel in der Werbung. Rainer Hachfelds Fazit: "Der Karikaturist, der politische Karikaturen für Tageszeitungen zeichnet, stirbt wohl aus." Das liegt auch an einer generellen Entwicklung: "Karikaturen wurden in Deutschland nie so ernst genommen wie in anderen Ländern", sagt Hachfeld. Die aktuelle Karikatur in der Tageszeitung sei erst durch die englischen Besatzer nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland gekommen. Im angelsächsischen Raum oder Frankreich habe die Karikatur traditionell einen sehr viel höheren Stellenwert als in Deutschland.

Ein Kulturimport aus Europa?

Das gilt auch für andere Länder außerhalb Europas. Rainer Hachfeld saß in der Jury des diesjährigen Karikaturenpreises des Dritte Welt Journalisten Netzes (DWJN) zum Thema "50 Jahre afrikanische Einheit". Im Gespräch mit afrikanischen Zeichnern fiel ihm auf: "Sie werden ernster genommen. Printmedien haben dort noch stärkeren Einfluss als hier." Auch Annette Hornung-Pickert vom DWJN bestätigt den großen Einfluss von Karikaturen auf die politische Debatte in Ländern wie Kenia, Tansania oder Südafrika. Doch für mutige Karikaturen brauche es in Afrika auch immer noch Verleger mit Rückgrat, die zu ihren Zeichnern stünden. Tabuthemen wie Religion werden in einigen Ländern gar nicht erst angepackt.

Karikatur des ägyptischen Zeichners Samir (Foto: Samir/Fayoum Art Center and Museum)

"Ich persönlich glaube an die Freiheit der Frau": Karikatur des ägyptischen Zeichners Samir

Annette Hornung-Pickert hat den Eindruck, dass die politischen Zeichnungen besonders in Ländern mit britischen Medien einen hohen Stellenwert besitzen. Ein Kulturimport aus Europa sei die politische Karikatur aber nur zum Teil, betont Mohamed Abla. Der ägyptische Künstler und Kunstsammler hat in der Oase Fayoum in der Nähe von Kairo ein außergewöhnliches Projekt aus der Taufe gehoben: das einzige Karikaturen-Museum in der arabischen Welt. "Karikaturen gab es in Ägypten schon seit der Zeit der Pharaonen", erzählt er. In ägyptischen Zeitungen spielen sie heute eine wichtige Rolle: "Über Karikaturen kann man eine Menge vermitteln. Viele Menschen verstehen dadurch mehr als durch das Lesen von Texten."

Viele junge Zeichner

Der ägyptische Künstler und Sammler Mohamed Abla (Foto: Mohamed Abla/Fayoum Art Center and Museum)

Der ägyptische Künstler und Sammler Mohamed Abla vor dem Karikaturenmuseum in der Oase Fayoum

In Ägypten wachse die Zahl der Karikaturisten zur Zeit an: "Es sind viele junge Männer und auch Frauen dabei. Für sie spielt auch das Internet eine wichtige Rolle, um Reaktionen hervorzurufen", so Abla. Der Ursprung dieser Entwicklung liegt in der ägyptischen Revolution. Das politische Klima hat sich verändert. So können Zeichner die Kritik in ihren Zeichnungen offener äußern als früher. "Freie Meinungsäußerung ist die wichtigste Voraussetzung für Karikaturen", sagt der deutsche Experte Ulrich Op de Hipt.

Überall dort, wo die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist, haben es Karikaturisten schwer. Denn sie legen sich mit den Mächtigen ihrer Länder an und riskieren Verleumdungsklagen – oder Schlimmeres. In Ländern mit starker politischer Zensur wie in China können Karikaturisten nur bedingt offen arbeiten, es drohen harte Strafen. In Syrien wurde 2011 der Karikaturist Ali Ferzat gefoltert – wegen angeblicher Beleidigung von Präsident Assad. Heute lebt er im Exil und zeichnet weiter. Das zeigt: Als kritische Kommentatoren politischer und gesellschaftlicher Prozesse bleiben Karikaturisten unverzichtbar.

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